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war ich, wie Sie wissen, doch nur ein Werkzeug in Gottes Hand."
Daun trat der Graf herbei und schüttelte ihiu warm die Hand.
„Es geht mir wie Lady Romsey," sagte er. „Meine Gefühle liegen über alle Worte hinaus; aber von jetzt an bis in alle Zukunft dürfen Sie mich betrachten, wie Balduin es tut — als ob Sie nicht eigener Sohn waren." —
Der Earl und seine Gemahlin fanden beide wunderbares Gefallen an dein jungen Helden. Lady Romsey sagte sich, sie habe nie ein Gesicht gesehen, worin Schönheit, idealer ©hm, Verstand und Geistestiefe in so vollkommener Weise zu einem harmonischen Ganzen vereinigt gewesen. Auch sein Benehmen entzückte sie; cS war so anmutig, so ungezwungen und doch feingebildet, so frei von jeder Affektiertheit.
„Eins ist ganz sicher," sagte Mylady, „er mag arm sein, aber er hat zweifellos sein Leben in guter Gesellschaft gelebt. Er könnte seiner Erscheinung und seinem Benehmen nach wenigstens ein Aristokrat sein."
Der Earl war ebenfalls nicht weniger entzückt. Werner's Ruf an der Universität war's, was ihm besonders gefiel; seine tapfere, offene, edelmütige Natur, seine festen idealen Grundsätze, die Beredsamkeit, die ihm die Natur verliehen; die gewöhnlichsten Gegenstände ivnrden in poetischer fesselnder Weise von ihm behandelt.
„Solch einen Sohn hätte ich haben mögen," sagte er sich; „der Ruhm der Romseys würde sich in solchen Händen, bei solchem Geiste verbreitet haben."
Werner konnte, die Einladung, mit nach Downham zu kommen, nicht abschlagen. Lord St. Gilbert weigerte sich, ohne ihn zu gehen, und der Earl drängte ihn so ernstlich, daß es nicht möglich war, nein zu sagen.
„Ich würde nicht so darauf bestehen, wenn Sie noch weitere Ehren hier an der Universität zu gewinnen hätten," sagte er, „aber das ist nicht der Fall. Ich höre von meinem Sohne, daß Sie sehr bald von hier fort und eine HanSlehrer- stellc zu suchen beabsichtigen. Geben Sie diesen Gedanken auf; Ihre Zukunft soll meine Sorge sein."
Doch Werner sah zweifelhaft drein, und Lord Romsey las das Zögern auf seinem Gesichte.
„Nun, sagen Sie mir," fuhr er fort, „welcher Zweifel drückt Ihr Gemüt? — Ich sehe, Sie haben etwas derartiges."
„Ich möchte nicht gern undankbar erscheinen," versetzte Werner, „und ich empfinde Ihre Güte tief, aber —"
„Ja," sagte der Earl lächelnd, „ich möchte dies „aber" verstehen."
„Sie werden mir also verzeihen, wenn ich offen heraus spreche. Mylord, ich bin kein Gentleman von Geburt; mein Vater war ein armer Mann, ein Bahnwärter, der auf der Eisenbahn verunglückte. Meine Mutter ist eine einfache, häusliche Frau vom Lande, die von der kleinen, ihr bewilligten Pension lebt. Meine Heimat ist durchaus bescheiden, ja, sehr arm. Ich habe keine Zukunft, keine großartigen Verbindungen irgend welcher Art; und es scheint mir, daß ich inmitten der Pracht und des Reichtums auf Downham nicht an meinem Platze sein würde. Ich werde schwer arbeiten müssen, und das Leben in c-iner solchen Atmosphäre des Luxus würde vielleicht meiner Arbeitslust und Schaffensfreudigkeit wenig förderlich sein."
„Das ist Ihr einziger Einwand?" fragte her Earl.
„Ja. Es ist äußerst gütig von Ihnen, mir Ihre Freundschaft anzubieten, aber der Abstand zwischen uns ist zu groß."
Lord Romsey streckte ihm die Hand entgegen. „Wissen Sie auch", sagte er, „daß Sie der edelste und wackerste junge Mann sind, den ich seit langem kennen gelernt? Ich achte Sie mehr denn je, und Sie gefallen mir tausendmal besser. Sie sind ehrenhaft und wahr — Ihnen gab die Natur einen , Adelsbries mit, und deshalb ehrt mich Ihre Freundschaft. Es tut mir nur leid, daß Ihr Vater tot ist und ich ihm nicht sagen kann, was ich von seinem Sohne halte." —
Von der Stunde an hatte Werner Jefferies keinen aufrichtigeren Freund als den Earl von Romsey.
Als der Graf später den Vorfall seiner Gemahlin erzählte, fügte er bei:
„Wenige wären so freimütig gewesen. Fast alle Menschen, Männer wie Frauen, die ich kennen gelernt, versuchten sich als etwas Höheres hinzustellen, die Tatsachen und sich selbst im besten Lichte erscheinen zu lassen. Unser früherer Hofmeister z. B., Mr. Braintree, — hätte er in diesem Falle nicht gesagt: Mein Vater bekleidete eine Stellung bei der Eisenbahn, und es so einem überlassen, sich irgend etwas zwischen einem Eisenbahndirektions-Präsidenten und dem Vorsteher einer bedeutenden Station vorzustellen? — Aber in dieser einfachen, ungeschminkten Angabe: Mein Vater war ein armer Alaun, ein Bahnwärter, liegt für mich der Reiz der Offenheit und Ehrlichkeit."
„Man hätte wenigstens glauben können, sein Vater wäre ein Fürst gewesen", gab Lady Romsey nachdenklich zurück. —
Somit war es abgemacht, daß Werner mit ihnen nach Downham geben würde.
„Sie dürfen nicht daran denken, uns zu verlassen, bis Balduin wieder wohlauf und kräftig ist", sagte Lady Romsey, „dann beabsichtigen ivir ins Ausland zu gehen. Er muß auf den Kontinent gehen, und ich hoffe, daß Sie dann mit uns gehen werden. Nachdem können ivir immer noch an Ihre Zukunft denken."
Was konnte er sagen? Sie hatten von ihm Besitz ergriffen, als ob er ihr eigenes Kind gewesen wäre. Sie nahmen feinen Anstoß an seiner Armut, seiner geringen Herkunft, seinen ländlichen Verwandten und Bekannten. Er konnte tim, was er wollte, ihre Hochschätzung für ihn verringerte sich nicht.
Und so überließ sich Werner, jung, lebens- und schönheitsdurstig wie er war, dem Glück der Stunde, und überließ es der Zukunft, für sich selbst zu sorgen. Lady Nom- seys Güte endete hiermit aber nicht. Sie wandte Kate Jefferies viele nützliche und wertvolle Geschenke zu und erbot sich, Jack, dem Bruder — wie sie glaubte — des jungen Helden, dem sie das Leben ihres Sohnes verdankte, auf jede ihr mögliche Art und Weise behiflich zu sein.
Doch Jack hatte sich vorläufig noch nicht dafür entschlossen, in irgend einem bestimmten Lebensberufe tätig zu sein.
„Der beste Beruf, den ich vorläufig kenne", sagte er zu seiner Mutter, „ist der, dem Sohne irgend eines Grafen oder Lord das Leben zu retten; es ist der leichteste Weg, in der Welt voran zu kommen."
„Vielleicht hättest du es nicht ganz so eilig gehabt, ins Wasser zu springen", versetzte seine Mutter.
„Stimmt", sagte Jack offenherzig; „etwas Leichteres wie das wäre mir allerdings lieber gewesen. Du kannst Ihrer gräflichen Gnaden schreiben, Mutter, die Sache vorläufig noch anstehen zu lassen, bis ich mich entschieden habe." —
• Eines sonnigen Morgens verließ die ganze Gesellschaft Cambridge und begab sich nach Downham. Man reiste langsam, denn Lord St. Gilbert war noch längst nicht wieder gekräftigt. Die Aerzte hielten es für zweifelhaft, daß er sich schon bald wieder erholen werde; die nervöse Erschütterung war zu stark gewesen. Jedesmal, wenn er einschlief, erwachte er alsbald mit lautem Geschrei wieder - er machte das Ec- trinken, das tiefer und tiefer Sinken in dem kalten Wasser, wieder von neuem durch. Einzig und allein Werner konnte ihn dann beruhigen; seine Anwesenheit, seine muntere Unterhaltung, seine heitere Laune waren von schier unschätzbarem Werte für den jungen r* 'wm —■
„Ha", rief St. < . als der Wagen endlich vordem
stattlichen Portale von ^ownham auffuhr, „hier ist meine liebe alte Heimat endlich wieder I Ach, Werner, wärst du nicht gewesen, ich hätte sie nie wiedergesehen l"
(Fortsetzung folgt.)


