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Hessen-Homburg, der den Sieg des großen brandenburgischen Kurfürsten über die Schweden bei Fehrbellin durch seinen kühnen Angriff entschied, und dem Heinrich von Kleist dichterische Unsterblichkeit verlieh. Als Gegenstück zu seinem Bilde wird das des letzten Homburger Landgrafen dienen, der Ferdinand hieß Und kein minder tapferer Soldat war. Als er am 24. März 1866, der letzte Mann seines Stammes, starb, ward ihm als einziger Schmuck auf den Sarg ein Lorbeerkranz mit dem Champagnesäbel gelegt, den er in allen Kriegen Oesterreichs gegen Frankreich zwischen 1796 und 1815 geführt hatte. Er war der jüngste von fünf nacheinander regierenden Brüdern und der letzte Regent seines Hauses. Sowie er die Augen geschlossen hatte, erklärte der Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt sich zum Erben dieses gesegneten Rheinlandes und fügte seinem Titel den eines „souveränen Landgrafen von Hessen" bei. Eine Folge des Krieges von 1866 war es, daß Homburg schließlich in den preußischen Staatenverbano gezogen wurde.
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Es sollen auf dem Obelisken auch noch die Namen aller Landgrafen eingemeißelt werden, die in Homburg regierten, und auch die aller homburgischen Prinzen, die sich in Kriegsdiensten hervortaten, mit der Angabe der Schlachten, in denen sie ihre Bravour zeigten. Und ein drittes Bild schildert den Empfang der Hugenotten durch Friedrich II., der den Flüchtlingen Aufnahme gewährte und ihnen Wohnstätten anlvies, aus denen die heute noch blühende Stadt Friedrichsdorf und das so anmutig am Fuße des Gebirges gelegene Dorf Dornholzhausen entstanden sind. Eine einfache Widmungstafel verkündet des ferneren den kaiserlichen Stifter. Bei der Enthüllung wird der Kaiser selbst die Weiherede halten, und auf seinen Wunsch wird in dieser feierlichen Stunde noch einmal die Erinnerung lebendig werden an das verschwundene, vom Strudel der Zeit verschlungene kleine Landgrafentum. Alle noch lebenden früheren landgrüflich hessisch-homburgischen Beamten, Offiziere und Soldaten sind dazu entboten worden, und Von den Soldaten werden einige in den Uniformen der alten homburgischen Jäger und Scharfschützen während des Festaktes am Denkmal als Posten Aufstellung nehmen. Schuldep-utationen, Vertreter der alten Schützengilden und die Geistlichkeit sollen gleichfalls zur Stelle sein, wenn die Hülle fällt von dem Denllnale, das ein Werk des Prv- fessors Fritz Gorth ist, der auch das Denkmal Kaiser Wik- Helms I. für unsere Stadt, und in Berlin die Statue der Kaiserin Friedrich schuf. Sowie die Einweihung vollendet rst, steigt der Kaiser in seinen Sonderzug zur Fahrt nach Wilhelmshöhe.
In der Weltgeschichte hat die kleine Landgrafschaft Hessen-Homburg keine Rolle gespielt, und das europäische Gleichgewicht geriet nicht ins Schwanken, als sie von der Weltkarte gestrichen wurde. Dagegen hat die Dynastie Hessen- Homburg eine ganz erstaunlich große Anzahl von Männern hervorgebracht, denen es vergönnt war, so ziemlich in allen Teilen Europas kriegerischen Ruhin zu erwerben, in Preußen zumal, in Oesterresch und in Rußland. Der Ursprung der Grafschjaft ist an sich, wie der so vieler ehemaliger Duodezfürstentümer, ein ziemlich prosaischer. Ter Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt trat Stadt und Amt Homburg vor der Höhe ini Jähre 1622 seinem Bruder, dem ersten Landgrafen Friedrich 1., nur zu dem Zwecke ab,. um sich die Zahlung einer Apanage zu ersparen, und behielt sich außerdem die landesherrliche Oberhoheit Dor. ^eses Abkommen hatte im übrigen zur Folge, daß sich Homburg und Darmstadt fast 150 Jähre lang in den Haaren lagen, bis 1768 unter Bestätigung durch den Kaiser ein Vergleich zwischen ihnen zustande kam. Selbständigkeit erlangte Homburg in Wirklichkeit erst durch den Wiener Kongreß, wo es tn die Reihe der Mitglieder des deutschen Bundes aufgenommen würde, sodaß es sich seiner Souve-
Langer als ein halbes Jährhundert erfreuen durfte. Die Verhältnisse m Homburg waren vorher nicht besser als m arideren deutschen Kleinstaaten. Sie wären von rem Gegensätze beeinflußt, der sich aus dem Wunsche, glanzvoll zu reprasentiereri mtb aus materieller llnzuläna- lich hierzu ergab. Die Zahl der Hofchargen wär unverhältnismäßig groß, und die homburgische Armee setzte sich dem Zeugnisse eines Zeitgenosscrr aus ungefähr siebzig Invaliden zusammen, von denen der jüngste hoch über lünfzig wär, die dafür aber hohe Bärenmützen und Uni
formen nach altem preußischen Schnitte trugen. Goethe hat ein ziemlich vernichtendes Urteil über den Homburger Hof gefällt, den er auf feiner Schweizerreise mit dem' Herzoge von Weimar 1730 sah. Er schrieb am 3. Januar an Frau von Stein: „Hier jammern einem die Leute. Sie fühlen, wie es bei ihnen aussieht, und ein Fremder macht ihnen bang. Sie find schlecht eingerichtet und haben meist Schöpse und Lumpen um sich. Ins Feld kann man nicht und unterm Dach ist wenig Luft."
Damit wurde es besser, als 1820 der Landgraf Friedrich VI. Joseph, ein Held des Befreiungskrieges, den Homburger Thron bestieg. Er hätte 1818 die Hand der 48jährigen Prinzessin Elisabeth von England erhalten, die ihm eine große Mitgift und einen ansehnlichen Jahreszuschuß in die Ehe brachte. Der Landgräfin Elisabeth verdanken Schloß und Garten ihre Entstehung; sie selbst entwarf die Pläne und Zeichnungen dazu, und wenn die Parkanlagen so bedeutende Summen kosteten, daß es zeitweilig nicht ohne Schulden ging, so dürfen wir uns doch jetzt der Verschwendung von damals freuen. Auf Friedrich VI. folgten — der Fall dürfte in der Geschichte einzig dastehen — vier Brüder in der Herrschaft, als letzter der Landgraf Ferdinand, von dem oben schon gesprochen worden ist. Der vorletzte allein, Landgraf Gustav, der von 1846 bis 1848 regierte, hatte von seiner Gemahlin Luise von Anhalt- Dessau neben zwei Töchtern einen Sohn Friedrich. Doch der starb 1848 auf der Universität zu Bonn im Jünglingsalter. Er ist in Homburg beigesetzt und mit ihm schwand die letzte Hoffnung auf die Fortsetzung seines Stammes, Dieser erlosch dann gänzlich mit des jungen Prinzen älterer Schwester, der Fürslln Karoline Reuß, — jener Regentin der reussischen Lande älterer Linie, mit der der „Kladderadatsch" so manchen lustigen Strauß durchzufechten hatte.
So steigen jetzt, da wir uns rüsten, den längst in. der Homburger Fürstengruft zu letztem Schlummer gebetteten homburgischen serenissimen Herrschern ein Denkmal erstehen zu sehen, allerhand Erinnerungen auf, die manchem von einer gewissen Romantik verklärt erscheinen mögen. Der Romantik deutscher Kleinstaaterei, — der wir aber doch die Gegenwart des geeinten deutschen Reiches vorziehcn möchten, wie sie uns gleichzeitig die Anwesenheit des deutschen Kaisers verkörpern wird .... Pi. F.
Das Leben in einem Bagno.
In einer interessanten Studie der „Revue" erzählt Pozzi-' Escot von der französischen Strafkolonie auf der Insel Neu-Cale- donien und dem Leben der Sträflinge: „Das Leben beS Sträflings ist von einer automatischen Regelmäßigkeit: Alle Tage durch viele lange Jahre hindurch bis zum Tode oder bis zu seiner Befreiung erhebt er sich, arbeitet, ißt und schläft zur selben Stunde. Nur am Sonntag nach der Messe, der er bei- wohnen muß, ist es ihn gestattet, wenn er ein gutes Führungszeugnis hat, sich einige Stunden dem Nichtstun und dem Umherschlendern hinzugeben. In den Depots und Lagern des Innern schließt man ihn im Schlafzimmer oder in den Höfen ein; auf der Insel Nou kanu er am Strande frei herumgehen, vor der Strafanstalt, wenn er Tabak hat, rauchen, sogar angeln, wenn er sich dazu das Nötige zu verschaffen weiß, oder im Grase, von den hohen Bäumen beschattet, sich ausruhen. Wenn man sich dieser. Insel des Schreckens mit dem Schiffe nähert, so sieht man schon von fern Hunderte von Gestalten, die am Ufer umherirren oder ausgestreckt liegen, von einigen Wächtern beaufsichtigt, die unter ihnen zerstreut sind und sich mehr mü der Lektüre ihrer Zeitungen zu befassen scheinen, als mit dem Benehmen und den Handlungen ihrer Gefangenen. Nur wenige Kabellängen trennen die Insel Nou von dem festen Lande, aber so kurz auch der Zwischenraum sein mag, er ist doch säst unüberschreitbar: Nicht einer unter, den Hundertell von Verzweifelten, die während vierzig Jahren die kleine Strecke zu durchschwimmen suchten, ist lebendig am anderen Ufer angekommen. Unter dem unbeweglichen Wasserspiegel lauern die gefräßigen Haifische zu Tausenden auf Beute. , . . Die Türen der Schlafräume öffnen sich beim ersten Morgengrauen zum Appell. Die Verurteilten, die ganz angekleidet geschlafen haben, unterziehen sich einer sehr oberflächlichen Wäsche, indem sie mit den Händen etwas Wasser über Hals und Gesicht gießen, und dann marschieren sie sogleich, ohne gefrühstückt zu haben, ihre Werkzeuge über der Schulter, nach den verschiedenen Arbeitsplätzen, die rund um die einzelnen Strafanstalten herumliegen. Sie werden bewacht und beaufsichtigt von Soldaten, die, den Revolver im Gürtel, ihnen folgen, bereit, demjenigen eine Kugel ins Hirn zu jagen, der den geringsten Versuch der Flucht oder des Aufruhrs wagen würde. In diesem Augenblick des ersten Erwachens, hat wohl das Bagno sein bezeichnendstes Aussehen. Man empfindet die ganze furchtbare Macht dieser irdischen Hölle,


