Ausgabe 
13.8.1906
 
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komisch? Aber inan gewöhnt sich daran. Den ersten Abend war ich ganz verwirrt, als ich mich ans meinen Platz nieder­setzte. In einer Loge mit Hannchen und Lucie. Ich hatte auch meinen schwarzen Rock an nnd ein ganz neues Vor- hemdchen, gut gestärkt, und eine schivarze Kravatte. _ Das hat Deine Schwester so bestimmt, und cs ist gut, daß sie hier ist. Die versteht das alles. Sie hatte sich auch sehr nobel gemacht, und Sucie hatte ein weißes Kleid an, rote zur Ein­segnung. Und es Ivar sehr klug von Deiner Schwester, denn nne hätte es ausgesehen, roenu alle Leute so geputzt und sein gekleidet zu Dellchcn gekommen wären und ihre nächsten Anverivandten wären ärmlich erschienen?

Das Theater war ganz voll, bis oben hinauf; und Hannchen sagte, die vornehmste Gesellschaft aus Berlin sei da.

Und manche kannte sie und zeigte sie mir. Lauter bc- rühnite ßente. In einer Loge saßen die Giersdorfs. Voran die Gräfin mit Karl Viktor, dahinter die Grafen Guido und Alfons. Alfons sehe schneidig aus, meinte Lucie. Den Grafen Guido fand sie dagegendeprimiert", wie sie sich ausdrückte.

Dann kam zu uns in die Loge noch eine sehr schöne Dame. Auch eine große Künstlerin, eine Freundin von Lucie. Sie >var sehr sonderbar augezogen, rote zum Ball die jungen Mädchen. Den Hals ganz bloß und eine Perlenschnur herum. Lucie sagte mir heute, sie seien echt, und Fräulein Streitmann hätte die schönste Toilette angehabt. Ich verstehe das ja nicht. Aber die Leute sahen immerfort in unsere Loge; das war mir etwas peinlich, denn ich glaubte, sie wüßten, daß ich dort sitze. Ich, Dcllas Vater. Fräulein Streitmann machte mir große Komplimente über Della, die sie von Dresden her kennt. Auch Dcllas Lehrer, Herrn Wittelsbach, kennt sie. Der war natürlich auch im Theater und wurde von allen angesehen. Besonders die Damen guckten mit ihren Operngläsern immer nach ihm. Ich muß Dir im Vertrauen sagen, mir gefällt er nicht besonders, aber da unser Dellchen sagt, sie verdanke ihm sehr viel, so muß ich mich an ihn gewöhnen und habe ihn auch zu uns aufgefordert. Er hat

so was ... so was Grausames, und wie er mit den | Menschen spricht, das ist, als ob die Katze mit der Maus spielt. Die Künstlerin in unserer Loge sagte auch zu mir, es errege Aufsehen, daß er zur Aufführung hergckommen sei. Und dann lachte sie und sagte, man wisse, was es bedeute. Auch den Grafen Alfons kennt sic. Der sah immer zu uns herüber und lächelte und nmchte mir Zeichen.

Ich denke mir, er wollte mich ermutigen, denn mir war in all dem Wirrwarr doch ein bißchen angst und bange ge­worden. Dieses Leben, diese Unruhe, diese lachenden plau­dernden Menschen, dieser Glanz, diese Helle, das wuchs und wuchs und war schon genug Theater sür einen, der das alles zrun ersten Male sah.

Und dann, Bertchen, wirds dunkel im ganzen Hause, ; Musik ertönt, jedes Geräusch verstummt, das macht sich wunderbar aber das Schönste kommt erstl Weißt du, was cs war? Rate doch 'mal, liebes Altchen I Della! Unser Kind! Zuerst erkannte ich sie gar nicht wieder. Sie lag unter Rosen auf einem Ruhebett und ein Ritter kniete vor ihr. Sie sah wunderschön aus, viel größer als sonst, in einem weißen Gewand mit goldenem Gürtel. Und dann fing sie zu singen an . . . O, mein Gott, mein Gott! So singen nur die Engel vor Gottes Thron! Was war das für ein überirdischer Klang? Was war aus ihrer Stimme ge­worden? War das mein Kind? Mein Kind? Dir kann ich cs ja sagen, mein Altchen, ich mußte weinen. Weinen aus tiefstem Herzensgrund. Freudentränen waren es, aber auch Bangigkeit nnd Wehmut quollen in mir auf. Kann jemand glücklich sein, fragte ich «sich, der anders ist wie andere Sterbliche, der mehr ist?! Der auf Erden wandelt und von anderer Art ist als die übrigen Schäflein, die der allgütige Hirte weidet? Die ganze große Herde! Ja, ich mußte weinen.

Aber dann brach der Jubel aus! Das kannst Du Dir nicht denken. Erst, als der letzte Ton verhallt war, saßen

sie stumm, wie gebannt, und dann ein Klatschen, ein Brausen, ein Jauchzen unaufhörlich, bis Della sich nochmals zeigte. Und dann jubelten sie immer wieder, bis sie nochmals kam. Im Saale war es inzwischen wieder hell geworden. Es war, als ob jeder Einzelne sich freue. Graf Alfons und Karl Viktor klatschten ganz laut, auch Hans Hübner, der in- zwischen in ihre Loge gekommen war. Nur die Gräfin Luise blieb gleichgiltig. Ich glaube, sie hat die Bernstadter nicht gern. Da ist die alte Gräfin ganz anders. Auch Graf Guido klatschte nicht. Er findet das vielleicht nicht vornehm, weil er uns. so gut kennt.

Aber daß die Allervornehmsten auf Gottes Erdenrund auch klatschen und reichen Beifall spenden, das weiß ich jetzt anfgepaßt, Altchen, Kopf hoch, Frau Kantorn die große Ueberraschung kommt: Am zweiten und am dritten Abend war der Kaiser im Theater, unser, allergnädigstec Herr, und seine liebe Frau, die Frau Kaiserin! Was sagst du aber nun?

Unser Kind hat ihm Vorsingen dürfen! Wie hat sie aber auch gesungen! Der Kaiser war sehr entzückt von ihr und die Kaiserin auch. Sie ist eine sehr schöne, liebe Dame nnd sieht gar nicht stolz aus, und er ist viel hübscher wie auf dem Bilde, das im Schulhause hängt. Sehr leutselig sah er aus und ganz stark hat er Beifall geklatscht. Der Kaiser hat Dellchen durch den Herrn Generalintendanten sagen lassen, daß er hoffe, sie in Berlin bald wieder zu sehen und zu hören. Und ich sage dir, liebes Bertchen, das kann ich verstehen, denn wer sie einmal gehört, vergißt es nie­mals. Weißt du, wie es klingt? Als ob Orgclsang und Harfenklang sich in ihrer Kehle eingefangen hätten und aus­klingen in reinster Harmonie empor zu des Himmels blauen Höhen. So erschien es mir einfachem Manne, der doch auch etwas davon versteht.

In inniger Liebe verbleibe ich dein bis in den Tod getreuer Hermann." (Fortsetzung folgt.)

Komöurg vor den Jesteu.

Eigenbericht.

Homburg', im August.

Unsere Taunusstadt, in der gegenwärtig das Badeleben den Höhepunkt erreicht hat und die Zahl der Fremden aus allen Garien der Welt die größte im Jahre ist, bereitet sich auf zwei festliche Tage vor. Am 14. d. M. erwarten wir den Kaiser, dessen Ankunft für den Nachmittag angesagt ist, und am nächsten Morgen, um! 9 Uhr 15 Minuten, wird Könia Edward von England, des Wisers Onkel, auf dem Bahnhose von Cronberg eintreffen, um mit seinem Neffen die Begegnung zu haben, die schon seit Monaten so lebhaft besprochen wird und von der die Politiker, wie es scheint, sich den Beginn einer neuen Periode in dem Verhältnisse des Deutschen Reiches zu England versprechen. Da König Edward es ein wenig eilig hat, seine alljährliche Kur in Marienbad zu beginnen, so wird er bereits am 16. früh über Frankfurt a. M- feine Fährt nach dem böhmischen Badeorte fortfetzen. Und am gleichen Tage will der Kaiser die Enthüllung des Denkmals vornehmen, das dem alten Geschlechte der ausgestorbenen Landgrafen von Hessen- Homburg in ihrer einstmaligen Residenz gesetzt wird.

Der Kaiser ist selbst der Urheber dieses Denkmals, und er schenkt es uns Homburgern als Gegengabe dafür, daß wir seinen Eltern, dem Kaiser und der Kaiserin Friedrich- und seinem Großvater, dem Kaiser Wilhelm I., Standbilder in unserer Stadt gesetzt haben. Das Denkmal stellt sich dar als ein einfacher Obelisk aus schwedischem Granit, und als Platz hat man ihm im Homburger Kurparks die Nähe des Elisabeth-Brunnens gewählt, der berühmtesten und heilkräftigsten Homburger Quelle, die den Namen der ' Landgräfin Elisabeth verewigt, einer englischen Prinzessin, die als Schwester des Königs. Georg IV. indirekt eine Ahnfrau des deutschen Kaisers wär. Der Stein trägt die Bildnisse des berühmtesten aller hessischen Landgrafen, Friedrichs IL, der den Beinamen:mit dem silbernen Bein" erhielt, als er bei der Belagerung von Kopenhagen 1658 durch eine Stückkugel! das linke Bein verlor, das dann durch ein künstliches, mit silbernen Beschlägen versehenes ersetzt werden mußte. Es ist jener Prinz Friedriche von