Ausgabe 
13.8.1906
 
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WonLcrg den 13. August

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1906 Yr. 118

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Der Siern.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

. (Fortsetzung.)

Oit allen Gliedern zitterten sie ihr nach. Und dann die Freude in ihrer Umgebung. Alles atmete die Glückseligkeit, den Triumph gewaltiger, bedeutsamer Errungenschaften.

Sogar der alte Kantor war ivic berauscht. Er suchte soeben seine Tochter aus, die verschiedene Besteche empfangen hatte und jetzt etwas ermüdet auf der Couchelte in ihrem Schlafzimmer lag. Es war in den ersten Nachmittagsslunden.

Störe ich, Dellchen?"

Du^ Papa! Wie kannst du so fragen?" Zärtlich reichte sie ihm bie. Hand.Aber vor anderen Störungen möchte ich mich jetzt ein wenig bewahren. Ich will sogleich anordnen, daß' ich für niemand zi, sprechen bin."

Weißt du, das ist mir sehr lieb. Ich habe an Muttchen geschrieben und möchte, daß du einige Zeilen daran schreibst. Sie wird sich doch freuen . . . sehr freuen, wenn ihre berühmte Tochter am Tag nach ihrem vhänomenalen Erfolg ..."

O, Papa. lachte sie,du sprichst ja in Zcitungs- phrasen ..."

Steht auch ht allen Blattern, weißt du, nur von .Großartigkeiten' und .Intensität' und .epochal' und .jubi­lierender Schönheit' schreiben sie über dich. Ich schicke Mama alle Zeitungen, da hat sie bis Weihnachten zu lesen."

Und was hast du selbst denn geschrieben, darf ich es sehen?"

Wenn . . . wenn du nullst, Dellchen", antwortete er ein wenig zögernd und verlegen,Gott, es ist nicht darauf berechnet, daß eine so berühmte Künstlerin es liest."

Du kränkst mich, Bötchen, ganz-entschieden." Sie nahm eine etwas empfindliche Miene an.Für euch bin ich weder eine berühmte Künstlerin noch eine berühmte Tochter, für euch ivar und bin und bleibe ich nur eure Della!"

Sein Auge wurde feucht.

Und nun gib 'nial den Brief, den du an Mama ge­schrieben hast, und ... ja, und . . . und wenns eine Zeitungskritik ist, darf er nicht abgehn. Dann niußt du zur Strafe einen neuen schreiben."

Er reichte den Brief. Zaghaft, als überlegte er etwas.

So! Und nun, Papa, setzest du dich dort in den Fauteuil und nickst ein bissel wie zu Hause vor dem Essen, und ich lese."

Es war ein engbeschriebcncr, umfangreicher Brief. Ein Lächeln umspielte ihren Mund, und nachdem sie sich in eine bequeme Lage gebracht hatte, las sie:

Meine alte, gute Liebe! Mein treues Weib! T Mein höchster Schatz!

Das sollst Du mir auch bleiben immer und alle Zeit, wenn der liebe Herrgott im Himmel uns auch noch einen allerhöchsten Schatz beschecrt hat in seiner Gnade und Barmherzigkeit und unerschöpflichen Güte, unser Kindl Dellchen! Aber dieser Schatz gehört uns beiden zusammen, und dann habe ich noch den anderen höchsten Schatz, Dich! Und ich bin ein doppelt begnadeter Mann, und in tiefer Demut preise ich den Herrn und frage, warum er mich aus­erkoren, um seiner Gnadenfülle und seiner Herrlichkeit und Güte reichstes Maß auszuschütten über seinen einfachen Knecht? Wenn ich ihm auch gerne diente mein Leben lang, und wenn ich auch demütigen Herzens und in treuester Hin­gebung ihn liebte, ihn, den Allerbarmer und Allerlüscr, so hat er dennoch zu viel Huld mir erwiesen und seinen ein­fachen Diener erhoben, als daß es anders wie ein Wunder sein könnte. Ja, ein Wunder hat mein Heiland an mir ge­tan, und ich neige mein Haupt in Ehrfurcht und Scheu und beuge mein Knie in Dankbarkeit und Seligkeit und sage: Großes hat der Herr an mir getan! Und was meine alten Augen haben schauen dürfen und meine Ohren hören, war so, als ob unser Heiland und Herr mich in seinen siebenten Himmel zu sich entboten hätte.

Erst war es mir leid, daß Du, meines Lebens treue Gefährtin, nicht bei mir warft, dann aber dachte ich mir, daß Gott es gut gefügt habe, denn wer weiß, ob Du die Kraft gehabt hättest, des Glückes Fülle zu ertragen. Manch­mal in diesen Tagen und an diesen Abenden schien es mir auch, als würde ich zusammenbrcchen unter der Gewalt dieser Eindrücke. Und ich bin ein Mann, meine gute Alte, Du aber ein schwaches Weib. Aber erzählen will ich Dir, was ich hier erlebt habe. Dieser Brief kann nur ein schwacher Ausdruck sein. Mein einfältig Hirn findet nicht die rechten Worte, das mußt Du in den Zeitungen lesen, die verstehen cs besser zu sagen, was sie gedacht und empfunden haben und die anderen. Aber wenn ich hundert Jahre alt werde und Golt der Allgütige Dich an meiner Seite läßt, so werde ich nicht aufhören können, Dir davon zu erzählen. Aber ich will ganz von vorne anfangen, mein geliebtes altes Frauchen.

Das Opernhaus ist sehr schön. Besonders wenn es so hell erleuchtet ist und überall die seinen geputzten Menschen sitzen. Die Damen haben so wunderbare, prächtige, merk­würdige Kleider an, als wollten sie selbst Theater spielen, und die Herren sind in Uniform wie bei der Parade oder sie tragen Fräcke wie bei uns der Herr Landrat oder der Herr Kreisschulinspektor, wenn sie eine feierliche Handlung vornehmen. Im Theater, Bertchen, findest Du das nicht