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sie nichts an ginge. Doch will ich Ihnen sagen, ivas ich nicht den Gerichtsbehörden gesagt habe. Und dann erzählte sie, ihr Sohn hätte beim Olivenpfläcken drei Schüsse in dem nahen Wäldchen gehört und einige Augenblicke später Tiemann aus jenem Gehölz hervorkommen sehen.
(Fortsetzung folgt.)
HLemörandL
lach, den 15. Juli 1606.)
Nachdruck verboten.
Von Dr. Paul Landau.
Die alten Religionen verkünden einen ewigen Kainpf des Lichtes mit der Finsternis. Mit dunklen Mächten des Schattens und der Tiefe ringen die Wunder der Helligkeit und des Feuers und im strahleuhaften Glanze sonneuhasten Seins siegen die guten Götter und vertreiben die bösen Dämonen. Das' Licht wird so zum Symbol, aller Schöpfung und Gestaltung. In den Mythen von der Weltschöpfuug dringen Lichtströme durch das gestaltenlose Chaos und formen die wirren und wilden Massen zu schönen Bildnngen, durchseelcn das ganze Weltall mit jenem überirdischen Geiste Gottes. Das Licht wird schon bei Plato und .Motin zum Gleichnisse des Ewigen, Höchsten, das durch alle Sphären des Alls bis in die tiefsten Finsternisse strahlt und einen leisen Schein göttlicher Helle bis in die niedrigsten Winkel der Materie loirft; es ist die Emanation des höchsten Geistes, und aus dem Abgrund der finsteren Leere sehnen sich die Seelen nach ihm, steigen auf den Stufen allmählicher Läuterung in immer lichtere Sphären empor, bis cs ihnen vergönnt wird, die Gloriole eiviger Vollkommenheit zu schauen. Alle Mystik hat diese Vorstellung durchgeführt von dem „göttlichen Lichte" des Thomas von Äquin bis zu dem allbelebenden Urlicht Jacob Böhmes, von dem Seelenfeuer des Heraclit bis zu dem „Fnnk- lein", das dem Meister Ekkehart zur Seligkeit leuchtet. Wie in Dantes „Göttliche Komödie" ein Aufsteigen aus trüber guäl- voller Enge und düsterem Höllenwesen zu immer lichteren Bildern bis zur paradiesisch strahlenden Himmelsrofe sich vollzieht, so bedeutet uns auch die Kunst Rembrandts einen wundersamen Sonnemnythos, ein mystisches Aufstreben zu dem Strahlen eines ewigen Lichtes, zu dem Glühen eines heiligen Grales. Es ist das Prometheus, der dämonische und einsame Lichtbringer, der in dem Reiche irdischen Abbildens, endlichen Schaffens ein inneres seelisches unendliches Feuer entzündet hat, das nie mehr erlöschen kann. Wie den Wohltäter der Menschheit, der des Feuers Segnungen den neidischen Göttern entriß, wollen wir ihn feiern, der unseren Herzen Seligkeit und Wärme, unser» Augen den Abglanz himmlischen Lichtes gab; er ist wie Prometheus an den Felsen der Qualen geschlagen worden und auch an seinen Eingeweide» haben die Adler unsäglichen Leidens genagt. Bor dreihundert Jahren Hat er seine Erdenreise begonnen und mühselig sie vollendet. Doch „die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag."
Etwas so Einzigartiges, niemals Wicderkehrcndes das große Genie auch sein mag, so suchen wir doch, um cs zu verstehen, gewisse Bergleichsphasen der Entwicklung auf zwischen den wenigen ganz Groszen, denen wir alle höchste Schönheit unseres! armen Lebens danken. Shakespeare, Bach, Goethe, Beethoven, sie haben in dem Gange ihrer Kunst gemeinsame Richtlinien, scheinen von gleichen Triebkräften gedrängt zu werden, sich in ähnlicher Weise zu entfalten. Zuerst streben sie alle nach einer Besitzergreifung der äußeren Welt und ihrer Schätze. An die sinnliche Schönheit der Dinge hingegebeu, lauschen sie den Melodien des, Alls, greifen nach allem Glänzenden, Kostbaren, berauschen sich an der Wärme und sinnlichen Schönheit des Daseins, das, dem wilden Ansturm ihres unbändigen Genies erliegt und in, ihren ersten Werken in aller rätselvollen Fülle aufgefangen erscheint. Es folgen die Jahre des allmählichen BcwußtwcrdcnS, der ernsten Arbeit, der ruhigen Klärung. Nach manchem Irren, Tasten, Suchen, steht der Meister auf der Höhe seines Könnens, und eine warme Harmonie, eine edle Wirklichkeit ist über seine Werke verbreitet. Aber es lockt ihn, tiefer zu graben, innerste Geheimnisse aufzuspüren: das traumhafte Sinnen des Alters fließt zusamincn mit den ersten glühenden Visionen der Jugend. Sehnsucht und Ahndung, Sinnliches und Geistiges mischen sich und reißen den Sicheren empor zu höheren Flügen. Vom Tode schon umwittert, mit den Geistern einer anderen Welt Zwiesptach haltend, sind die Pforten des Lebens vor ihm aufgetan, blickt er auf den Urgrund irdischen Geschehens. Jene „selige Sehnsucht" umfängt ihn, die den Sänger des „westöstlichen Divans" und des zweiten Faust zu einer farbentrunkerien visionären! Wortkunst führte, Beethoven in den letzten Sonaten rind Quartette!! zu einer Verwandlung tönender Stimmen in den Gesang seliger Geister trieb und in Shakespeares „Wintermärchen" und „sturm" zu einer paradiesischen Abklärung alles Lebensernstes, eurem gnndcnvollen Märchenfrieden hinleitete.
Von einem gierigen Verlangen nach Erfassung des Wirklichen rst der junge Rembrandt erfüllt: er vergräbt sich in Einsamkeit unb Arbeitswut, spürt den Problemen des Ausdrucks und der Farbe nach, kann sich nicht genug tun im Spielen mit Menschenzügen und Lichtreflexcu. Hastig und wild ist sein Schaffen,
brutal und gewaltig sein Kunstwille, sodaß er mit beispielloser Schnelligkeit Macht erlangt über alle Geheimnisse der Technik und alle Weiten des Stoffes, das Grauenvolle und das Geheimnisreiche, tolle Leidenschaft und inniges Lebensglück, versonnene Greise und grell aufleuchtende Jnuglingsgefchichten darstellt. Die tragisch unheimliche, wüste Stimmung des „Simon und Talila" im Berliner kgl. Schloß steht neben der seelenvollen Zärtlichkeit der Münchener „heiligen Familie" und der mystisch traumum- wobenen feierlichen „Tcinpeldarstcllung" des Haag. Ein wundersames Gewirr jäher Visionen tut sich auf, sich befreiend ans den Fesseln der Nachahmung, hinstrebend zu voller, glühender Lebendigkeit. Eine unerbittliche Wahrhaftigkeit, eine fast starr gewaltsame, grausige Kraft liegt in der „Anatomie des Pros. Tu!p"> (1632). Wohl triumphiert hier seine Kunst des seelisch ausdrucksvollen Porträts zum ersten Male, aber mit einer pciuigcn- den Deutlichkeit sind alle Reflexe auf der Leiche gesammelt, wird dieser schon in grünlicher Verwesung spielende Verbrecherkädaver von Licht überströmt, tritt das. Rot der bloßgclegtcn Sehnen und Muskeln aus dein Hintergründe heraus. Diegrrlle unbarmherzige Helligkeit, die ihm dämonisch lockte und anzog, liegt noch kalt und höhnend aus den Körpern, gräbt sich seelenlos in sie hinein, Wie ein Kind, von einer ungeheuren Sinnlichkeit gepeinigt, umgibt sich Rembrandt nun mit Kostbarkeiten und Edelsteinen, häuft leuchtende Perlen, schwere Goldketten, schimmernde Pelze, gleißende Brokate, blitzende Metalle ans seine Gestalten: die Glut des flutenden Lichtes, das die Körper weich und schimmernd macht, sucht er in seine Bilder zu bannen: er langt nach dem Schönsten, was dem Jüngling begehrlich erscheint, nach der Schönheit eines jungen Weibes. Saskia von Uijlcuburgh wird seine Frau, und in ihr findet sein rastloses Suchen und Sehnen Ruhe, Sättigung, Frieden. All die berückenden Zauber, die um die Oberfläche der Dinge spielen, alle die warmen Wunder schöner Stoffe und seiner Spitzen, weicher Körper und leicht umhüllender Schatten erstehen nun in feinen Porträts und phantastischen Figuren; eine übermütig tolle Lustigkeit treibt ihn zn seltsamen Verkleidungen, zu genialen Rüpeleien wie beut schreienden Bübchen des Dresdeners „Ganomcd". Der sinnlich wohligen Glut weiblicher Schönheit ist die ganze unerhörte kleppiq- keit seiner Farben geweiht, die dann in dem koloristischen Rausch des Petersburger „Danae" von 1636 eine höchste Höhe erreicht; mit allen glitzernden, strahlenden Wundern sind seine Bildet bestreut. Eine Beseelung des toten Stoffes durch fabelhafte Leuchtkraft feiner Töne, durch feinste subtile Behandlung des Details ist sein Ziel, seine Kunst ein Hymnus auf die Fülle des Lebens und die Magie des sinnlichen Glanzes. Daneben tauchen als bedeutende Begleitmelodie auch dunklere, tiefere Gesichter seiner Seele auf, mitklingeud in den ernsteren Stunden des Ehelebens, da das tragisch verflochtene Mysterium von Geburt und Tod ihm' in dem raschen Sterben seiner ersten Kinder und dann in bent am Leben gebliebenen Sohne Titus deutlich entgegentritt. Mer um das Glück des gewöhnlichen Sterblichen zu genießen, ward Rembrandt nicht geschaffen. Er sollte durch unendliche Leihen zu immer _ reineren Formen des Gestaltens und Empfindens eingehen. Seine Freude war zu laut und lärmend, zu verhängnis'- voll dem^Ende zudräugend, als daß sie hätte lange währen können. Saskia starb ihn«. Aus der Befriedigung eines stolzen Könnens zog cs ihn zu kühneren ungeheuren Problemen. In der „Nachtwache" warf er alle Ueberlieferung und alle Gegenwart von sich nur sich wieder ganz dem Dämon des Lichtes anheim' zu geben, der ihu gefährlich lockte und blendete. Das Feuer des Himmels, die Herrlichkeit reinen strahlenden Glanzes hat er hier auf einer weiten Leinwand wunderbar entfacht. Was war ihm Wirklichkeit und Natur gegen die breniumden Gluten, die in seinem Innern loderten? Keine Porträts mehr in ruhigem gleichem Lichte. Aus dunkel brodelndem, geheimnisvoll gähren- ben Hintergründe lösen sich magische Gestalten und in die Massen hinein blitzt grell ein Feuerwerk wild und seltsam aufgetragener Farben. Der chaotische Urgrund allen Seins öffnet sich und läßt seine Wunder spielen. Nicht mehr kält und gefühllos entblößt das' Licht menschliche Nacktheit wie auf der „Anatomie"; cs umhüllt die Gestalten mit einem' überirdischen Funkeln und Schimmern, und läßt den kleinen Leutnant Ruytenburch, das wundersame Wiuzicrmädchen, die beiden Lichtzeutren des Bildes, wie schimmernde Phantome einer heißen Traumvision erscheinen. Wie bent das Feuer anbetenden Perser galt ihm diese opalisierende, blaublitzende, gelbleuchtende und goldglänzende Masse als das Höchste, dem er das andere opferte. Es ist, als wäre dem Meister, da cs anfing, in dem Todesjahre seiner Frau um ihn her finster und öde zu werden, eine innere Flamme aufgestiegen, die von nun sein Leben erleuchten sollte, wahrend in seinem äußeren Sein alles Glück und aller Glanz begraben wurde.
Es ist in der „Nachtivache" eine starke Diskrepanz zwischen dem Inhalt und dem angewandten Mittel; eine alltägliche, reale Begebenheit war dargestellt mit der phantastischen Zanber- gewalt cineS feierlichen Mysteriums. Darum haben manche dieses Bild, in dem das Schauen eines göttlichen Wunders mit der momentanen Gewalt des mächtig Erlebten ausblitzt, getadelt. Bon nun an aber lernte Rembrandt in dem Licht die seelische Form! des Ewigen erfassen und wußte es in leisen Modulationen von überirdischen Geheimnisfeu erzählen zn lassen. Seine Farbe ward zum Symbol heiligster Regungen, aus lichten schatten riefen


