Ausgabe 
13.7.1906
 
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war nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte sie sich in einer der schmalen Seitengassen verloren. Gleichgültig. Er wäre ihr trotzdem nicht nachgegangen, um sie nicht unruhig und scheu zu machen. Er wußte, daß er sie wiederfinden würde.

Inzwischen hatten sich die Räume der Galerie gefüllt. Vor den einzelnen Bildern sammelten sich Gruppen schwatzender und lachender Menschen. Nur vor der Madonna sprach man im Flüsterton. Aber die weihevolle Stimmung von vorhin war entflohen, imb der Saaldiener schloß seine philosophischen Betrachtungen über den Kunstenthusiasmus der Menschen mit den vor sich hingcmurmeltcn Worten:Heilige Mutter Gottes, auf ivas mußt du alles hier runter sehn. Sie kommen doch nur zum Zeitvertreib her, merschtendeels oder gar . . . nee, wceS Gott, fromm sind sie wirklich nicht."

Bei der Justizrätin Handtke war heute große Kaffcevisite. Da wars recht gemütlich. Alle anwesenden Damen empfanden cs mit vollem Behagen. Seit dem frühen Morgen schneite es unaufhörlich in dichten, großen Flocken, wie weiße Wollen- büschel so weich und voll. Der Schnee lag bereits auf allen Dächern, faß auf den Spitzen der Kirchtürme wie Zipfel­mützen, hing schwer auf den Aestcn entlaubter Bäume, die unter der Last ächzten und stöhnten, und breitete ein weißes Daunengefieder über die weiten Flächen des großen Gartens. Selbst in den Straßen, wo er unter den Füßen der Menschen rasch wegschmolz, erneuerte er sich immer wieder. Es war rechtes Weihnachtswetter.

Bis zum Feste waren allerdings noch vierzehn Tage, und obwohl alle Welt jetzt schon mit den Vorbreitungen zu jun hatte, hielten die Damen es doch füreine nette Idee" von der Justizrätin,einzuladen". So eine Ruhepause konnte man sich schon gönnen. Und bei dem Wetter gabs wirklich nichts Intimeres und Vertraulicheres als einen Damcnkaffee. Die Stimmen schwirrten lebhaft durcheinander. Vielerlei wichtiges hatten die Damen sich zu erzählen. Von den Ein­käufen und Geschenken und winterlichen WirtschastSsorgen und von Konzert und Theater und den Engländerinnen, die ein schier unerschöpfliches Gesprächsthema in Dresden bilden.

Miß' Elton hat vorgestern reizend ausgesehen beim Nicodö-Konzert."

Wer war da und hat sie gesehen?"

Frau Kapellmeister Hiedler natürlich, und sie hatte Lucie Niitgenommen," antwortete die Justizrätin.

'Ra, Luciechen, erzählen! Wie sah sie denn aus und war sie wirklich so schön?"

Und was hatte sie denn an? Wieder so auffallend und verrückt?"

Gott, apart wars," antwortete Lucie den aus sie Em- siürmenden mit ihrer phlegmatischen Stimme.

(Fortsetzung folgt.)

157 Hage korsischer Raubmörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n.

(Nachdruck erwünscht.)

(Fortsetzung.)

Rechtsanwalt Decori gab bei meiner Verteidigung an, haß der junge Faggianelli falsch gegen mich ausgesagt hätte, weil er dem Deutschen, wie er sich zu vielen Knaben geäußert haben soll, anstreichen wolle, daß er gesagt hatte, ein Korse wäre der Raubmörder gewesen.

lieber einiges Nebensächliche, wie eine Deutung, mich in lächerlicher Weise mit der alten und unscheinbaren gol­denen Uhr und Kette des Ermordeten in Verbindung bringen wollte ich selbst besitze eine teure Glashütter Uhr gehe ich, weil sie sich als gänzlich unhaltbar erwies, hin­weg. Am meisten habe ich mich darüber geärgert, daß mein goldener Klemmer als corpus delicti an die Witwe M. zur Ansicht geschickt wurde, obgleich, wie ich horte, ans der Leiche ein goldener Klemmer gefunden worden war. Schuld daran war mein Rechtsanwalt Campiglia, dem ich zwischen den mir fehlenden Utensilien un pince-nez en or M ßtuis d'acier anfgegeben hatte. Nach bekanntem fran-

sranzösisch-leichtfnßigen Rezepte kürzte er die Beschreibung ab und hatte den Untersuchungsrichter nach dem Verbleib meines pince-nez d'acier gefragt. Durch das Hin- und Her- chicken war mein goldener Klemmer natürlich ponr toutcs les gloives de France ramponiert worden.

Das kuvertförmige Klemmeretuis, das ich mir erst 1903. von der Firma Nikolaus Schuetz, Magdeburg, gekauft hatte, erklärte der Untersuchungsrichter für ganz unmodern; solche Etnis hätte man vor dreißig Jahren getragen; es gehöre also einem alten Herrn, aber keinem jungen Manne.

Einer meiner Hauptbelastnngszeugen nach Angabe des. Äjaccioer Untersuchungsrichters war der Hofopernsänger Emmerich W. ans W. Er hatte geäußert, wenn einer der Hotelbewohner der Raubmörder wäre, so könnte nur ich in Frage kommen. Auch ich halte es vollständig für aus­geschlossen, daß überhaupt einer der Hotelbewohner der Raubmörder war, da es geradezu widersinnig ist, eine kost­spielige Reise zu unternehmen, um etwa 300 Fr. aus so. scheußliche Weise zu verdienen. Jeder, der Direktor M kennen lernte, und das tat wohl jeder Hotelgast, erfuhr bald, daß er acht Kinder hatte. Dieser Umstand, wie sein bescheidenes, wenn auch sauberes Aeußere, konnte keinen Hotelgast vermuten lassen, daß der alte Herr Reichtümer mit sich herumschleppte und seine Ermordung ein gutes Geschäft wäre. Bei dcu Einheimischen dagegen gilt jeder Fremde für reich, und daher kann ich nicht davon abkommen, daß der Raubmörder im Lande selbst zu suchen ist. lieber den armen Heldentenor zog gelegentlich der Schwurgerichts^ sitzung mein Rechtsanwalt Decori bös her. Mag ihn die Vorladung als. Zeugen Nicht erreicht oder er keine Lust gehabt haben, sich nochmals in die Verhältnisse Korsikas zu wagen infolge seiner Unauffindbarkeit gab er ein treffliches Ziel für die abfälligen Bemerkungen Decoris' ab; er sei als Beurteiler nicht ernst zu uehmen.

Uebrigens war auch Professor Dr. Ritter v. Sch. nebst Frau und Baron v. d. L. nicht zu der Schwurgerichts- sitzung erschienen. Anwesend waren von dentschen Zeugen nur der Sohn des Ermordeten und sein Schwager, der Pastor B. Letzterer beklagte sich bitter darüber, daß man seinen Schwiegervater des Selbstmordes zeihen konnte, und seine sonstigen Ausführungen beschränkten sich naturgemäß auf die Empfindungen, welche die ganze Sache bei ihnt erweckt hätte. Dies alles ins Französische übersetzt, nahm gehörige Zeit in Anspruch. Bei Beendigung des Verhörs atmete der Gerichtspräsident auf und bemerkte:Gott sei Dank, ich habe schon gefürchtet, er würde noch zu pre­digen ansangen." Ein solches Benehmen wird man bei einem deutschen Richter nicht finden. Aehnlich erging es dem Sohne, dem Leutnant M., dein die Komödie mit der Madame Faggianelli endlich die Augen geöffnet hatte. Als er erklärte, er hielt mich nicht mehr für schuldig/ da kein Motiv Vorlage, bemerkte der Präsident, er könne kein Urteil haben, da er erst einige Tage nach der Ermor­dung in Ajaccio eingetroffen wäre. ,

Man hat mir in der Anklage weiter vorgeworfen, daß ich im Anblick der blutigen Leiche ine Hospice St. .Eugeme so still gewesen wäre, während ich auf dem Wege daym mit dem Hoteldirektor sehr lebhaft alle möglichen Mög­lichkeiten besprochen hätte. Das wird ein Deutscher, der nur einiges Gemüt besitzt, sehr natürlich finden. Außer dem widerwärtigen Polizeikommissar, der sich trotz des Anblickes des gewaltigen, erschütternden Todes mit der Nonne lächelnd ober tändelnd unterhielt, waren alle sehr still und sprachen sehr leise.

Den Haupteffekt in der Schwurgerichtsverhandlung bildete die Vernehmung der Madame Annonciade Faggw- nelli, der Mutter des hoffnungsvollen 13jährigen Josef Faggianelli, der zweimal wegen Diebstahls bestraft worden war, einmal zu vier Monaten mit der Vergünstigung Gesetzes, die Strafe ausznschieben, ein andermal zu acht Monaten, und jetzt wieder unter einer neuen Anklage wegen Diebstahls stand, die wunderbarerweise, soweit nur bekannt, nicht weiter verfolgt wurde.

Sie war im Januar gefragt worden, ob sie mich ge­sehen hätte, und hatte darauf dem Untersuchungsrichter mitnein" geantwortet. Dem Rentier H., der noch starr kapitalistisch am Grandhotel d'Ajaccio beteiligt ist, haue sie folgendes erzählt, wie er vereidigt aussagte: "»rau Faggianelli hat mir eines Tages gesagt, sic wäre zm Verhör geladen, aber sie hätte nicht alles gesagt, nw» sie wüßte, da sie sich nicht in etwas mischen wollte, was.