1906
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Der Siern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck »erboten.
(Fortsetzung.)
Das Vorlesen dieses Brieses ging nicht so glatt von statten. Die Mutter meinte und brach einige Male in lautes Schluchzen ans, unb auch Vater Brandt genierte sich nicht, mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen zu mischen. 'Auch machte er längere, Pausen an Stellen, die besonders rührend waren, und wiederholte diese dann. Nach Beendigung des Briefes trat ein längeres Stillschweigen ein; endlich sagte die in tiefes Sinnen versunkene Frau:
„Und nichts hat sie vergessen. Auch an Toto denkt sie und an die Katze."
Der Vater aber dachte, ivie wird sie mit so viel Liebe und Sehnsucht im Herzen sich znrechtfinden unter fremden Menschen? Er ließ seine Bedenken nicht laut werden, um sein Weib nicht zu beunruhigen, unterdrückte einen Seufzer und faltete die Briefe sorgfältig zusammen. Dann legte er sie in die Kommodenschublade neben die Bibel und das Gesangbuch und sprach:
„Den Bries wollen wir noch manchmal lesen."
„Ja, Alterchen, das wollen wir!"
Ein fahles, graues Winterlicht fiel ckuf die „Sixtina", das herrlichste Juwel der Dresdener Galerie. Mer auch diese harte Beleuchtung vermochte dem Bilde nichts von seinem weichen, inneren Zauber zu nehmen. Die himin- lische, liebkosende Schönheit des reinen Antlitzes strahlte eine innere Wärme aus, die keiner äußeren Lichteffekte b&= durfte, uin zu wirken. Und ob diese rührende, gnadenvolle Holdseligkeit nun vom Glanze des Frühlingslichts unw strahlt schien, ob durchglüht von feurigen Sonnenstrahlen des blnmendurchdufteten Hochsommers, ob, des Herbstes schwermütiger, matter Schimmer darüber hinträumt oder tvie heute des Winters kalter Schein darauf fällt, es erfüllt den Betrachtenden mit Heiligkeitsschauern und mit der inbrünstigen Weihe des Göttlichen.
Della Brandt war, von der Gesangsstunde heimkehrend, zu kurzer Rast in die Galerie getreten. Sie hatte in Begleitung der Tante und Cousine vor einigen Wochen das Bild zunr ersten Male gesehen, damals, als mau ihr, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte, und es hatte einen starken, erschütternden Eindruck auf sie gemacht. Wortlos stand sie davor, langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, rind wie in stummem Gebet falteten sich ihre Hände. Seitdem ivar sie, weint ihre Studien ihr ein Ruhestündchen gestatteten, oft vor das Bild hingetreten, und es war ihr, als ob sie eine Andacht dort verrichtete. Wie gebannt hing ihr Auge an den sanften Linien des süßen Gesichts, an den zarten Formen der jungfräulichen Gestalt. Leis, ivie ferne Musik, schien es die hoheitsvolle Erscheinung zu um«
klingen, in reinsten Harmonien, wie Sphürenklang. UH dann lvar es ihr, als süße sie in der kleinen, schlrch^- Kirche zu Bernstadt, und in seelenvollen Klängen umschweb sie das Orgelspicl ihres Vaters.
So war es auch heute. Träumerisch, in tiefe Gedanken versunken, stand sic vor dem Bilde und lauschte den Tönen, die in ihrem Innern wiedcrklangen; alles in ihr war Musik, denn wie ein stetes Klingen und Singen ivar cs um sie her, seit sie ihre ganze Zeit ihrer musikalischen Ausbildung widmete. Was in Schönheit vor sic hintrat, löste in Wohl- laut und Klangfülle sich für sie ans.
Es war noch in den ersten Vormittagsstunden als, ste den geweihten Raum betrat. Niemand war da, nur einer der Galcriedicner stand an der Eingangstür. Er sah pe mit gleichgültigen Augen an, machte aber ein pfiffiges Gesicht, als wenige Minuten später ein hochgewachsener Mann cm- trat und sich etwas seitwärts von Della so aufsiettte, das; er sie betrachten konnte, ohne von ihr sofort bemerkt zu werden. Je länger, ihre Umgebung völlig vergessend, sic das Bild anschaute, desto ungestörter konnte er sic beobachten. Unb mit derselben liefen Teilnahme, die sie der Sixtiua zuwendete, hastete sein Auge auf dem jungen Mädchen. Endlich schien sie durch die fast zwingende, hastende Gewalt seines AngeS unruhig zu werden. Es war, als unterläge sie einer geheimnisvollen Einwirkung. Sie wendete sich jäh um und heftete einen fast erschreckten Blick auf den so unerwartet vor ihr Stehenden. Einen Augenblick zauderte ihr Fuß, als wäre sie festgebannt an die Stelle. Dann aber, wie in raschem Entschluß, ging sie an ihm vorüber dem Ausgang zu. Unwillkürlich hatte ihr Auge ihn noch einmal gestreift. Und so flüchtig dieser Blick auch war, es schien ihr, als könne sie den stolzen, hochmütigen Ausdruck dieses Kopfes nie mehr vergessen.
Kaum hatte Della den Saal verlassen, als er hastig auf den Aufseher zntrat und fragte:
„Kommt das Fräulein öfter hierher?" Ein Markstück verschwand in der Hand des Dieners.
„I ja . . . ich hab sc schon einige Male bemerkt.* „Allein? Wie heut?"
„Immer alleene."
„Und immer zur selben Zeit?"
„Merschtendeels.*
„Unb auch am selben Tage?"
„9hl nee, das kann ich Sic pich so genau sagen, aber cs wär schon mecglich."
„Schon gut." Er ging mit raschen Schritten von dannen. Als er die breite Freitreppe betrat, die nach dem Vorplätze des Bluscums hinabführte, blieb er stehen und blickte umher.
Von der Erscheinung, die ihn so sehr gefesselt hatte,


