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schließlich als Wilden doch vielfach wieder erwerLsbedurf- A werden - diese Tatsache umschließt eine Reihe sozialer Probleme, für die bis heute eine befriedigende Losung noch nickt gefunden ist. 3. Die Einheitlichkeit des Lebenskreises der Frau durch Einschränkung auf die Hauswirtschaft Meder berMstellen, ist unmöglich. Andererseits find aber auch in: Interesse der Frauen selbst und des Volks ganzen die Theorien abzulehnen, nach denen die Familie aufgelöst werden soll, um die außerhäusliche Berufsarbeit der H-rau -m ermöglichen. 4. Es ist vielmehr daran feftzuhalteu, daß einerseits die Familie eine Meche vmi Aufgaben für die Frau umschließt, auf deren Erfüllung unter keinen Umständen verzichtet werden darf, daß andererseits die Beteiligung der Fran am Erwerbsleben aber nicht nur volkswirtschaftlich notwendig,.sondern auch im Sinne einer verfeinerten sozialen Arbeitsteilung kulturell wertvoll ist. 5. Es ist die Aufgabe der Frauenbewegung, den spezifischen Anteil der Frau au der G-esamtkultur durch die wissenschaftliche Krisis hindurch zu erhalten und zu steigern. Von diesem Gesichtspunkte aus erwachst ihr ote Pflicht, die Frau dem häuslichen Leben zu erhalten, soweit sie dort noch wertvolle Aufgaben findet, zugleich aber die Bedingungen für eine freie und gesunde^ Entwicklung der weiblichen Erwerbstätigkeit zu schaffen. 5. Die praktischen sozialen Forderungen, die sich aus dieser Stellung zur wirtschaftlichen Frauenfrage ergeben, sind, soweit sie sich aus die Erhaltung des häuslichen Wirkungskreises der Frcm beziehen, folgende: a) er lv ei ter ter,A r b e iterrnn en- schutz: b) verstärkter Wöchnerinnen schütz durch die Arbeiterversichcrung; c) Einführung ,Hauswirtschaft icher Belehrung in Volks- und Fortbildungsschulen; d) staatliche Anerkennung der hauswirtschaftlichen Arbeiten der Frau als einer wirtschaftlich wertvollen Leistung. 7. Um die Entwicklung der weiblichen Berufsarbeit zu förderii und gegen die aus der Doppelseitigkeit des Frauenlebens her- vorqehenden Hemmungen zu schützen, sind solgende Forderungen zu stellen: a) u n b e s ch r ä n k t e Z u l a s s u n g d e r Frauen zu allen Berufen, in denen fte ihren .Kräften angemessene und für die Gesamtheit wertvolle Leistungen erfüllen können; b) vermehrte Fürsorge für vollwertige Ausbildungsanstalteu; c) die Einführung der obligatorischen beruflichen Fortbildungsschule für Mädchen; d) die Förderung beruflicher Organisationen unter den Frauen; e) die Teilnahme der beruft- tätiqen Fraueii an allen mit der Berufszugehörigkeit verbundenen Rechten (Wahlrecht für Gewerbegerichte, K a u f in a n n s g e r i ch t e nsw.). 8. Die Anpassung an ihre veränderte wirtschaftliche Lage muß der Frau aber auch durch eine Umgestaltung ihrer allg. Rechtssteklung erleichtert werden. Die Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit der Frau als Berufsarbeiterin beruht zum großen Teil in der fundamentalen Verschiedenheit der Anforderungen, die an die ausfchließlich auf die Familie eingeschränkte Hausfrau einerseits, an die dem öffentlichen Leben unmittelbar angehöreude Berussarbeiterm andererseits gestellt werden. Die beiden Sphären, in denen heute die Lebensaufgaben der Fran liegen, müssen einander dadurch genähert werden, daß alle Frauen in steigendem Maße zu sozialen Pflichten heraugezogen und mit bürgerlichen Rechten ausgestattet werden."
Die Rednerin gab zunächst eine statistische Uebersicht über die Frauenarbeit. Der Staat steUe als Telephonistinnen nur unverheiratete Frauen oder kinderlose Witwen an. Von einer Telephonistin sei folgender Referain geschrieben worden : „Das ist des Schicksals Hohn, wer keinen Mann bekommen kann, muß zum Telephon. (Große Heiterkeit.) Dringend notwendig sei es, für alle Mädchen Zwangs-Fortbild ungs- fchulen zu errichten. Das heutige Thema habe eine um so größere Bedeutung, da dadurch der Beweis erbracht sei, daß der evangelisch-soziale Kongreß mit der modernen Frauenbewegung im engsten Sinne verivandt sei. (Stürmischer langanhaltender Beifall.)
Pfarrer a. D. Friedrich Naumann
mit stürmischem Beifall empfangen: Die Frauenarbeit habe in allen Berufen eine so große Ausdehnung gewonnen, daß die gesamte Oeffentlichkeit, ja, alle politischen Parteien genötigt seien, sich mit bet' Frauenarbeit zu beschäftigen. In der Landwirtschaft haben sich die Frauen bereits den Platz erobert, denn ohne die Frau fei eine Viehzucht kaum denk
bar. In demselben Maße müsse dies in allen anderen Berufen geschehen. In Amerika betrachten es alleinstehende Frauen als Ideal, sich einen, wenn auch kleinen, bescheidenen Raum als Heimstätte zu sichern. Dies müsse auch das Ideal alleinstehender Frauen in Deutschland sein, denn es würde schließlich auch das Ideal vieler Männer werden. (Heiterkeit.) Der Redner empfahl, die Frauen gewerkschaftlich zu organisieren und schloß: Nicht die alten, sondern die netten Universitäten, die technischen Hochschulen verstehen die Stellung zu bezeichnen, wo die geistige und technische Ausbildung der Frauen ein- znsctzcn hat. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.)
Fräulein Anna P appri tz- Berlin betonte die Notwendigkeit, den Wöchnerinnenschutz zu erweitern. Wenn man bei einer Ausstellung auf die Erfolge der Männerarbeit hm- tveise, dann sei entgegenzuhalten, daß einen Anteil on diesen Erfolgen auch die Frauen haben. Es sei selbstverständlich das Ideal aller Frauen, einen eigenen Familienherd zu begründen. In dieser Beziehung dürfte sich das Ideal der Frauen mit dem der Männer begegnen. (Beifall.)
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Adolf Wagner-Berlin: Noch vor zehn Jahren haben unhöfliche Pedelle Frauen von den Türen der Universitäten zurückgewiefen. Das sei nun glücklicheriveise anders geworden. An der Berliner Universität gebe es eilte ganze Anzahl Hörerinnen. Er sehe nicht ein, weshalb Frauen nicht immatrikuliert werden sollen. (Lebhafter Beifall.) Ganz besonders bewundere er die große Geduld der Frauen. Er hätte die jahrelange Zurücksetzung der Frauen nicht ertragen. Die Frauen haben doch etwas erreicht und werden ziveifellos noch bedeutend mehr erreichen, (Stürmischer Beifall.)
Fräulein Lydia Stöcker-Berlm und H-cau Dr. Ruth - Broe-Hermsdorf traten für erweiterten Mutter- fchutz ein. _______________
Fräulein Bertha Krupp.
Die Nachricht von der Verlobung der ältesten Tochter des verstorbenen Geheiwrats F. A. Krupp mit dem Legationsrat von Bohlen und Halbach hat die Persönlichkeit dic-sir renyilen Erbm deutsch-bürgerlicher Abkunst tit den Vordergrund de- allgemeinen Interesses gerückt. Wer sich des liebenswürdigen Besitzers der wclt- verühmten Gußstahlwerke in Essen erinnert, und Kenutnw von de sen hervorragenden Charaktereigenschaiten besitzt,, Re er nach den ver schiedensten Seiten hin im «inne einer optim stächen Auslassung nCteä. menschlichen Tun und Treibens betätigte, der wird sich auch M R» künstige Schicksal der Tochter interessieren und zu wissen wünschen, welche Eigenschasten diese — ganz abgesehen von ihrem■ mögen — dem erwählten Galten mit m bi Ege bringen wird. FhremVater, den unvergeßlichen, stets human denkenden und handelnden Geheimen Kommerzienrat Krupv weiß jcöev, der ihm naher g - treten ist, nur Treffliches und Edles nachzuruhinen. Von ihm galt das Goeihesche Wort in vollstem Alatze: „Edel ui der Mensch, y streich und mit". Er war nicht bloß ein Tröster der Armut, cm väterlicher Ches seiner großen Arbeiterschar, sondern auch ein estriger Förderer der Wissen,chnit. In letzterer Hinsicht begründete er neue Forschungsinstitute, rüstete schon bestehende nut denbe txti M Mitteln nnS* und wirkte auch noch msoiern auf die qersthiede»ften Gebiete wissenschaftlicher Bestrebungen fordernd em, alo er ihren Vertretern vielfach die materiellen Mittel zur Ausiuhrung von tost- spieiigen Unterfuchungen gewährte, wenn er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß es sich dabei um gemeinnützige Unternehmungen
^Ein Maim von diesem Schlage besaß natürlich auch seine eigenen Mächten über die Erziehung der Heranwachsenden Jugend, uno er ließ seine beiden Töchter Bertha und Barbara m emer Weise erziehen, die vielen anderen reiche., Leuten als ein Muster stir d e Heranbildung moderner iveiblicher Wesen dienen konnte. Bor allem war Herr F. A. Krupp fest davon überzeugt, da» ">b'e,^>tige Zeit hineingeborene junge Menschen, "ächten sie weiblichm oder männlichen Geschlechts sein, mit den Errungenschaften der aktuellen Naturwissenschaft bekannt gemacht werden inußlenund demgemäß ließ er feine beiden Töchter von deren 9. Lebeiwtahre an Schritt für^ Schritt mit den Elementen der Physik rmd Chenue bekannt machen, so daß sie mit den Hauptergebnis e» dieser Wissrnschasten vollständig vertraut waren, als sie das gesellschaftliche .llter erreicht hatten. In einem Gartenpavillon auf Villa Hügel war für den Unterricht ein wohl ausgestattetes Laboratorium eingerichtet, worin ein geeigneter Fachmann den beiden Fräulein Krupp allwöchentlich ie zwei Physik- iind z.vei Cheniiestunden gab, m denen beiden Schülerimien die belehrendsten Experimente vorgeiuhrt .wurde». Ter übrige Unterricht wurde den jungen Tarnen von. enie,. Erzieherin Namens Frl. Brandt, einer geborenen Elsässerin, erteitt die sich nicht bloß durch eine bemerkenswerte prächtige Gewandhelt,


