Ausgabe 
13.6.1906
 
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regierungsrak heiratete! Wie wenig lockt dieser kalte Glanz sie hent. Sie tauscht ihn nicht ein gegen das Glück, das ihr im Herzen jubelt und braust, das nur der geliebte Mann ihr zu geben vermag. Und als sie ihn dann cm der großen Treppe des Potsdamer Bahnhofes stehen sieht, trotz des Zivils so vornehm und elegant sein schmales, kluges, gebräuntes Gesicht, der innige Blick, mit dem er sie schon von Weitem grüßt, da weiß sie genau, daß sie in diesem Moment reicher ist, als die meisten der sonst von ihr so be­neideten Frauen.

Rosige Glut in dem reizenden Gesichtchen, das unverhüllt ihr ganzes zärtliches Fühlen wiederspiegelte, streckte sie ihm die kleine Hand entgegen. Er drückte sie sehr, sehr fest.Grüß Gott, mein Süßes."

Sie hing sich zitternd an seinen Arm.

Lieber, lieber Fritz." Seine Augen verschatteten sich, als sänke ein dichter Schleier darüber. Diese Innigkeit in ihrem Ton! Die grenzenlose Hingabe, die sie damit verriet. Waruin gerade heute? Um noch schwerer zu machen, was ihm ohnedies schon das Herz abdrückte? Aber es mußte doch sein. Er nahm sich zusammen.

Hast Du Zeit bis abends, Liebling?"

Sie nickte hastig, ein wenig scheu. Ihre Augen wichen ihm aus. Sollte sie ihm jetzt gleich das von Ruth sagen? Aber mitten auf der Straße, im Gewühl vorüber hastender Passanten? Er überhob sie der Entscheidung.

Komm, wir fahren nach Wannsee. In sieben Minuten geht ein Zug. Es ist Dir doch recht, Schatz?" fragte er rasch.

Ach, Fritz, alles ist mir recht, luenn ich nur bei Dir sein kann."

Er biß die Zähne aufeinander. Stumm führte er sie die Stufen zum Bahnhofsgebäude empor. Plötzlich gab er ihren Arun frei. Ein schmerzliches Zucken glitt über sein Gesicht,Es ist besser so, Liebling I" murmelte er, ihrem befremdenden Blick ausiveichend,wir dürfen nicht zu uuvor- sichtig sein."

Suse lucigte nicht zu widersprechen. Er sah so ernst aus, so traurig. Vielleicht hatte er Aerger im Dienst gehabt, eine kleine Unannehmlichkeit--sie traute sich zu, ihm darüber

hinwegzuhelfen.

Sie plauderte im Coups harmlos und heiter aus der Fülle ihres wie von süßem Wein berauschten Herzens heraus. Nur ein alter Herr, wohl ein Geschäftsmann, saß in einer Ecke, eine Zeitung vor dem Gesicht er hörte sie nicht.

Wie immer, erzählte sie ihm jede Kleinigkeit aus ihrem bescheidenen, freudearmen und arbeitsreichen Mädchenleben. Wie trotzig und mit wie viel unvernünftiger Bitterkeit hat sie sich oft dagegen aufgelehnt. Heut kann sie amüsiert lachen über die dicke, pflegmatsiche Schlächtersfrau, deren Tochter sie unterrichtet und die das Mädchen bei ihr eingeführt hatte mit der Begründung:Mein Mann ist zwar gegen bet Ge- klünpere, aber sie will's nu partout, bet hat se von mir. Jotte doch, wie schön und rührend ist das, wenn so ne Dceh- vogek das Lied von'sVerlorne Glück" spielt. Das muß mir de Hede balde lernen." So drollig versteht sie das Aeußere der Frau zu malen, ihre Sprechweise, ihre Art sich zu bewegen, daß Trautendorf, ganz entzückt, ein Zärtlich­keitswort flüstert und mit seinen Lippen verstohlen die rosige Wange streift. Und in das Rollen und Knattern des Zuges, der sie im Fluge weiterführt, tönt die wehe Mahnung aus Ruths Briefe cm seine Ohren:So schwer es Ihnen auch sein mag von ihr zu lassen, wenn Sie Suse lieben, so müssen Sie Ihr Leben von dem ihren trennen." Alles in ihm bäumt sich dagegen auf. Sich nur wiederzufinden, um sich ein zweites Mal zu scheiden! Gab es etwas Grausameres?

Er deckle die Hand über die Augen und seufzte tief auf, die linke suchte nach Suses warmen Fingern. Betroffen musterte sie ihn, wunderte sich über sein seltsames Gebahren. Sie wagte nicht in ihn zu bringen, denn der Herr in der Ecke hatte seine Zeitung fortgelegt und sah interessiert zu ihnen hinüber. So plauderte sie möglichst unbefangen weiter, aber eine klägliche unbestimmte Angst fraß ihr am Herzen. Ob

sie ihm das von Ruth nicht besser noch verschwieg? So ver­stimmt, wie er schon schien! Und dann noch dieser Schlag. Ihre frohgemute kleine Seele ließ die Flügel hängen. Es lag Unheil in der Luft, auch mn Horizont ballten sich dunkle Wolken. Sie schreckten beide aus nachdenklichem Schweigen empor. Ein Pfiff wie ein Aechzen ging's durch die lange WagenreiheWannsee!" Sie waren am Ziel.

Trautendorf öffnete selbst die Coupätür und hob die zierliche Mädchengestalt über die Stufen. Der alte Herr schmunzelte. Ec war auch mal jung gewesen und verliebt. Der Menschenstrom, der dem Zuge entquollen, verteilte sich in verschiedenen Richtungen. Suse und ihr Begleiter nahmen den Weg durch die Anlagen zum See hinunter. Bald waren sie allein. Nur von fern klang das Knirschen des Sandes unter Menschentritten, ein helles Auflachen, der Ruf einer Kindersiimme. Die Natur wie gelähmt vor Hitze. Kein Blättersäuseln, keine zwitschernde Vogelstimme. Das grüne Buschwerk verstaubt und trocken. Der zerborstene Erdboden lechzte nach einem erquickenden Regen.

Wie das auf den beiden Menschenkindern lastete! Selbst in den Küssen, die sie auf der ersten versteckten Bank tauschten, lag heute etwas schwüles, beklemmendes. Suse erschauerte. So leidenschaftlich und wild hatte ihr Fritz sie noch nie ge­küßt, wie heut. Matt, voll unklaren Bangens lehnte sie an seiner Brust, lächelnd, verträumt seinen geflüsterten Schmeichel- worten lauschend.

Die Abendsonne malte tiefrote und violette Lichter auf die unbewegte Seefläche zu ihren Füßen ein großer Ver­gnügungsdampfer stampfte weißglänzend mit schwarzem Menschengewimmel cm Bord dein Ufer zu da riß der junge Offizier sich endlich los. Es flimmerte ihm vor den Augen wie im Rausch, seine Pulse klopften. Er sprang auf.

Komm!" gebot er, mit fast zerstörtem Gesicht und flackerndem Blick,wir gehen jetzt irgend etwas genießen. Ich durste entsetzlich." Sie erhob sich ebenfalls; erschrocken über den plötzlichen Aufbruch blinzelte sie ihn an, das ver­wirrte Haar mechanisch untre dem Hut bergend.

Dann öffneten sich ihre Augen weit zu einem angst­vollen Blick.

Fritz! was ist Dir denn auf einmal?" stotterte sie, nach seinem Arm greifend,bist Du mir böse? Habe ich etwa irgend eine Dummheit gesagt, die Dich ärgert?"

Ec faßte sie beschwichtigend um die Schultern. Sein Blick tauchte jetzt ruhig und ernst in den ihren, doch um die Lippen zuckte verbissener Schinecz.

Nein doch, Liebling, Du bist herzig, ivie immer, Du bist mein größtes Glück, mein Alles" er küßte sie von neuem wild, unersättliches ist etwas anderes, ich werde es Dir sagen, aber jetzt noch nicht"

Ein Lächeln stand schon wieder in ihren Augen. Die Schreckgespenster flohen. Was sollte sie denn so Schlimmes erfahren können? Er liebte sie, das half über alles hinweg.

(Fortsetzung folgt.)

Die soziale» Forderungen der Fraueubewegung int Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage der Fra».

Der evangel.-soz. Kongreß in Jena, über dessen Verlauf wir im wesentlichen im Hauptblatte berichtet haben, beschäftigte sich zum Schluß mit ben sozialen Forderungen der Frauenbewegung im- Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage der Frau. Ganz besonders zahlreich war die Damenwelt vertreten. Die Bericht­erstatterin, F.gutem Dr. Gertrud Bäumer-Berlin legte ihrem Vortrage folgende Leitsätze 311 Grunde.

1. Die modernen Wirtschaftlichen Verhältnisse habe» die in der Hauswirtschaft begründete Einheitlichkeit des Frauenlebens zerstört. Der Kreis, den die deutsche Frauen­arbeit ausfüllt, liegt heilte nur noch etwa zu zwei Dritteln im Hause, zu einem Drittel in der volkswirtschaftlichen Güterproduktion. 2. Die Tatsache, daß viele Frauen hie Doppellast einer vollen Berufsarbeit und der hauswirt- schaftlicheu und der Familienpflichten zu tragen haben, daß andere durch die Ehe aus einer nur kurze Zeit aus- geübteu Bern fsurb eit in die Hauswirtschaft übergehen, und!