1906
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Mittellose Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
^chdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Stürmisch in ihrem Fühlen wie stets sagte sie sich, daß sie ohne ihn nicht leben konnte — wenigstens jetzt noch nicht. Und dann schüttelte sie bedenklieh über sich selbst den Kopf. Sie wußte eigentlich selbst noch nicht, was sie wollte. Bald Reichtum, bald Liebe.
Jedenfalls war ihr der Oberregierungsrat momentan ein Greuel, an das sie gar nicht erinnert werden wollte. Es fand sich gottlob auch keine Gelegenheit dazu.
Die Geheimrätin empfing nicht mehr, da sie zu einer Badereise nach Nauheim rüstete, ihres Herzens wegen, das ihr im Frühjahr viel zu schaffen gemacht hatte, und bei Brock- lhaus überwog die Chinasrage alle anderen Interessen — fehlte überhaupt die Lust am Heiratstiften.
Aber auch von Trautendorf hörte Suse in diesen Tagen nichts. Um Ruth nicht mißtrauisch zu machen, hatte er nur sehr selten geschrieben — sie hatten meist mündlich jedes nächste Zusammentreffen verabreden können — nun war er aber kurz vor seiner Uebersiedelung nach Spandau noch nicht imstande gewesen, über seine allernächste Zeit bestimmen zu können und Suse verlebte sehnsüchtige Tage, nicht wissend, wo nnb wann sie den Geliebten wieder einmal sehen würde. Daneben tauchte als Schreckgespenst seine etwaige Einberufung nach China auf, an die sie abergläubisch als ein Zeichen für eine Trennung auf immer dachte.
Keine der beiden Schwestern gestand der anderen das Leid ein, an dem sie heimlich trug. *
Erst als von Brockhaus die Nachricht eintraf, daß der Major zu denen gehörte, die mit nach China mußten, und die von Suse rasch aus der Destille heraufgeholte Zeitung Trautendorfs Namen nicht aufwies, konnte Ruth sieh aus dem jäh in ausgelassenste Stimmung umschlagenden Wesen der jungen Schwester enträtseln, was (te die Tage vorher so flügellahm gemacht hatte. Die Entdeckung entlockte ihr ein wehes Lächeln. Sie hatte sich doch in dem Offizier getäuscht. Nichts war aus ihren Brief hin von seiner Seite geschehen, um Suse diesen unhaltbaren Verhältnissen zu entreißen. Sie wußte nicht einmal, ob er ihn erhalten.. Keiner verstand ihre guten Absichten, niemand ehrte ihr Empfinden. Die Bitterkeit in ihr wuchs, der Schmerz wurde qualvoller. Sie vermochte sich zu keiner freundlich vertrauensvollen Unterhaltung mit Snse zu zwingen, es lastete schwül und bange zwischen ihnen, wie die Luft in ihren hochgelegenen sonnigen Zimmern, denen
selbst die Nacht keinen erfrischenden Hauch brachte. Dazu dek ewige Terpentingeruch.
Das angestrengte Sehen bei der Arbeit, die Nächte, in denen der Schlaf sie floh und die graue Sorge an ihrem Bette Wache hielt.
Ein wütender Kopfschmerz benahm ihr schließlieh jedes klare Denken. Sie lag auf dem schmalen, harten Sofa, die Haare gelöst, die Hände hineinverkrampft und rührte sich nicht. Die Eindrücke der Außenwelt drangen nur verschwommen zu ihr, alles war ihr gleiehgiltig.
Suse ging ab und zu, sie kannte aus früheren Zeiten solche Kopsschmerzentage bei Ruth, es war wohl die Bleichsucht, die Hitze, das viele Malen — sie sorgte sich nicht weiter. In ihrer Tasche knisterte ein Brief Trautendorfs, zerlesen und vielmals geküßt, obgleich er erst frühmorgens gekommen war.
Nachmittags 6 Uhr am Potsdamer Bahnhof. Es war gut, daß Ruth' sich heut um nichts kümmerte, nichts hören und sehen wollte, sonst hätte sie ihr womöglich das Fortgehen verboten. Ach, und Suse konnte es ja kaum mehr erwarten, bis sie ihrem Fritz würde sagen können, wie sehr sie ihn liebte, daß sie noch lange, lange nicht an eine Trennung von ihm denken mochte. Nie mehr will sie ihn mit der „reichen Partie" quälen — sie ist ganz Zärtlichkeit und Hingebung.
Und während sie ihr rosa Battisikleid überstreifte, freute sie sieh vor dein Spiegel, daß sie so hübsch rind blühend aus- sah, malte sich sein Entzücken aus bei ihrem Anblick — ja, er konnte wirklich stolz auf sie sein. Sie zupfte die goldblonden Haarwellen noch ein wenig tiefer unter dem großen, weißen Hut hervor und machte ihrem reizenden Spiegelbilde einen schelmischen Abschiedsknicks. Dann schlich sie vorsichtig hinaus. Sie hatte noch Zeit. So schlenderte sie gemächlich die Potsdamer Straße entlang. Es herrschte ein reges Leben. Der scheidende Sommertag lockte die Menschen ins Freie, die von der nahenden Nacht Kühlung und Erfrischung erhofften, trotz tag- sicher Enttäuschung. Wan strebte den Vororten zu, dort freiere Luft vermutend, eilte in die Biergärten, tun unter verstaubten Bäumen bei den Klängen irgend einer fragwürdigen Musikkapelle schales Bier zu trinken und die Ereignisse in China zu besprechen, oder steuerte einem Bahnhof zu, der stündlich Züge in die wald- und wasserreiche Umgebung hinaussandte. Dazwischen rollten Equipagen die Straße entlang — Suse blickte nachdenklich in ein elegantes Gefährt, das auf Gummirädern lautlos vorüberflog, und auf die müde dreinblickende blasse Weltdame, die in den seidenen Polstern lehnte — so freudlos, so gleichgiltig.
Solch eine konnte sie auch werden, sobald sie den Ober-


