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40. Kapitel.
Marian's Verzweiflung.
In seinem ganzen Leben vergaß Jack Jefferies die entsetzliche Verzweiflung nicht, die bei diesen Worten das gutmütige freundliche Gesicht Marian West's so gänzlich veränderte, daß es kaum wiederzuerkennen war.
„Was wissen Sie?" rief sie, und ihre Stimme klang so schwach, heiser und schmerzbewegt, daß selbst er, verhärtet und kaltherzig wie er war, zurückprallte. „Was meinen Sie?" rief sie wieder. „So sprechen Sie doch, um's Himmels willen, sprechen Sie doch! Sehen Sie nicht, daß Sie mich töten? Was meinen Sie?"
„Genau das, was ich sage. Sie brauchen die Sache gar nicht so verzweifelt zu nehmen; ich sage nicht, daß ich das, was ich weiß, in die Öffentlichkeit bringe; viellcich tue ich's, und vielleicht nicht; das wird von Ihnen abhängen."
Er sah, sie zitterte so heftig, daß sie kaum stehen konnte. Ihren blassen Lippen entrang sich ein Stöhnen, lang, leise, kläglich.
„Ist es gekommen, mein Gott," flüsterte sie leise; „ist cs endlich gekommen? Gib mir Mut und Kraft, alles zu ertragen!"
„Beten ist in seiner Art was sehr Gilles," sagte Jack; „augenblicklich aber muß es Geschäft sein. Miß West."
„Geben Sie — geben Sie mir zwei Minuten," stöhnte sie; „ich fühle mich unwohl, krank, sterbenskrank."
Und sie, die Starke, Tapfere, die seit Jahren alles allein ausgefochten und ertragen, schlug die .Hände zusammen und stieß einen leisen Schrei aus, so jammerund verzweiflungsvoll, wie das Gestöhn eines jählings zu Tode Getroffenen.
„Still, still!" rief Jack; „dies alles ist gar nicht nötig! Sie brauchen nicht so erschrocken zu sein, Miß West; aus mein Ehrenwort, wirklich nicht! Ich schweige wie das Grab, wenn Sie mich bezahlen. Hören Sie nur, was ich zu sagen habe. Es hat gar keinen Zweck, sich in dieser Weise aufzuregen, wirklich, nicht den allergeringsten Zweck."
Doch der Todesschreck wich nicht aus ihrem Gesicht. Sie trat einen Schritt näher und flüsterte heiser:
„Mas wissen Sie? Wenn Sie mich nicht auf der Stelle sterben sehen wollen, so sagen Sie mir, was es ist."
Jack lächelte, lächelte tatsächlich; kein Funke des Mitleids rührte sein Herz. Es war wirklich köstlich, diese Frau erniedrigt und gedemütigt zu sehen. Er war von vorn- herein überzeugt gewesen, daß sie ihm alle zu Füßen liegen würden."
„Sie wissen wohl, was ich zu sagen habe — über die kleine Affäre da unten in Abbotsville. Ich weiß, wer Werner Jefferies, wie Sie ihn nennen, in Wirnichkeit ist."
„Wer?" keuchte sie hervor und umklammerte krampfhaft die Stuhllehne, nm nicht zu fallen.
„Es ist Ihr Sohn", betonte Jack. „Natürlich will ich in Ihre Geheimnisse nicht eindringen. Sie mögen meinetwegen dreimal verheiratet gewesen sein, oder überhaupt nicht, das geht mich nichts an; aber Sie müssen einen guten Grund dafür gehabt haben, Ihren Sohn zu verleugnen und zu verstecken und ihn als das Kind meiner Mutter gelten zu lassen. Zahlen Sw mir den Preis, den ich verlange, und ich werde Ihr Geheimnis bewahrens'
Stätt aller Antwort schlug Marian West die Hände vors Gesicht und blieb bewegungslos und stumm stehen. Lautlose Stille herrschte in der Bibliothek, man hätte eine Nadel können fallen hören.
War es eine Erleichterung für sie, daß ihrer Schwester Schuld ihr zur Last gelegt werden sollte? Hatte sie doch bereits diesem Idol ihres Lebens alles hingegeben; sie hatte die Liebe ihres Mädchenalters, dann das stille, häusliche Glück, das ihr einst so schön erschienen, geopfert: sollte sie nun auf diesen Altar schwesterlicher Liebe auch noch ihre Ehre und ihren guten Namen, alles,-was sie am meisten liebte und schätzte, zum- Opfer bringen? Ihr Sohn! Sollte sie es auf sich nehmen? Evelyn war dann frei — Evelyn, die schöne, stolze Schwester, vergöttert von ihrem Gemahl, geliebt und gesegnet von ihren Kindern — Evelyn, die vornehme und hochstehende Dame, der alles wegen ihres Ranges und ihrer Schönheit huldigte.
„Was kanns verschlagen, was mir passiert?" dachte sie,
als diese Gedanken mit Blitzesschnelle ihr Gehirn durchkreuzten. „Es würde niemandem mit treffen. Hab' ich denn all diese Jahre für dich gelebt, Eve, um dich schließlich noch zu verraten?"
Und die Liebe zur Schwester siegte; sie sah Jack fest an, nahm die ganze Schuld auf ihre Seele und widersprach ihm nicht.
„Wie haben Sie es erfahren?" fragte sie, immer noch mit der schwachen Hoffnung, er möchte sie schließlich bloß aus die Probe haben stellen wollen.
„Ich habe es seit Jahren vermutet", erividerte er. „Tadeln Sie meine Mutter nicht — sie hat mir nie, das kann ich Ihnen schwören, auch nur ein Wort gesagt, und ich habe doch mein möglichstes probiert, die Sache von ihr herauszubekommen."
„Wie haben Sie es denn erfahren?" wiederholte Miß West.
„Erinnern Sie sich nicht, daß Sie mal vor vielen Jahren zu uuserm Hause nach Elton gekommen sind? Nun, Sie und meine Mutter glaubten, ich hätte geschlafen, aber ich hatte meine fünf Sinne zusammen; ich war hellwach.. Sie kamen in die Stube, wo Werner bei mir schlief; Sie küßten ihn, und ein paar Tränen fielen Ihnen aus den Augen."
„Haben Sie mich gesehen?" fragte sie.
„Jawohl", erwiderte er, „und ich kann, wie es in den Zeitungen heißt, Ihre Identität beeidigen, wenn es auch schon so viele Jahre her ist."
„Angenommen, ich sage Ihnen, daß Sie vollständig im Irrtum sind?"
Jack lachte laut.
„In denc Falle würde ich sofort zu Lord Wahne gehen und ihm die ganze Geschichte erzählen. Er würde die Wahrheit schon herauskriegen."
„Er würde Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach eine derartige Lektion angedeihen lassen, daß Sie Ihre Verleumdungen nie zu wiederholen wagen würden", rief sie empört.
„Verleumdungen? Ich habe zu viele Beweise in der Hand", lachte Jack überlegen. „Können Sie leugnen, Miß West, daß Sie Werner die Kiste mit den Büchern und anderen Sachen geschickt haben, als er damals auf die Universität ging?"
Marian fuhr zusannnen. Wenn er das wußte, wußte er aller Wahrscheinlichkeit nach auch mehr rind konnte für alle Behauptungen Beweise beibringen. Ableugnen war deshalb, selbst rvenn sie sich dazu herablassen wollte, ganz und gar nritzlos. Sie wandte sich mit stolzer Verachtung wieder zu ihm. Vielleicht in ihrem ganzen Leben hatte Marian West sich nicht stolzer gefühlt, als in diesem Augenblick, wo sie das, was sie im Leben aufs höchste schätzte — ihren guten Namen — geopfert hatte.
„Und angenommen, Herr Jefferies, ich gebe zu, daß Sie den Spion zu irgend einem Zweck gespielt haben, und — und daß — daß Ihre — Ihr Verdacht zutrifft, was dann?"
„Das läßt sich hören", erwiderte er; „dann also könnten wir sehr wahrscheinlich zu einer Einigung kommen, und das ist, was ich will."
„Dann haben Sie also seit Jahren den Spion gespielt und darnach gestrebt, alles zu erfahren, was Sie nur ausfindig machen konnten, um eines Tages Ihr Geheimnis zu verkaufen?"
„Jawohl, jawohl", unterbrach er sie, „dein, der am meisten dafür bietet".
„Wenn Sie wirklich so niedrig denken, so herz- und gefühllos, so gänzlich tot für alles sind, was Ehre heißt, so können keinerlei Worte auf Sie einwirken oder Sie rühren."
„Nein", sagte Jack offen und nicht im geringsten beteiligt; „das glaube ich nicht. Ich laß mir kein X für ein U vormachen".
„Dann will ich meine Worte sparen. Wir wollen also kurz sein. Hat sonst jemand das Geheimnis entdeckt, oder wissen Sie allein davon?"
(Fortsetzung folgt.)


