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Sie war kühl gegen Jack; sie gab ihm durch ihr Be- nehnien deutlich zu verstehen, daß er nicht vorsprechen müsse, wenn er nicht eingeladen sei. Jack spähte ringsum nach Miß Wayne umher, aber sie war nicht da. Schließlich wagte er zu fragen, wo sie sei.
„Miß Wayne ist in Anspruch genommen", sagte Lady Wayne kühl. „Dies ist eine sehr frühe und zu Besuchen nicht sehr geeignete Zeit."
„Miß West ist auch wohl nicht zu Hause, nicht wahr?" fragte Jack.
„Ich bin über das Tun und Lassen meiner Schwester nicht unterrichtet", versetzte Mylady womöglich noch kälter.
Jack sah auf; ein böses Feuer glomm in seinen Augen auf — das sie hätte erschrecken können, wenn sie nur die leiseste Ahnung von der Wahrheit gehabt.
„Berd—tcs Weib", dachte er; „ich weiß etwas, was ihr den Stolz schon klein machen ivird. Soll ich's ihr sagen? Soll ich sie hier vor mir knien lassen, mich bitten lassen, ich, Jack Jefferies, möchte sie doch schonen? Oder soll ich sie noch etwas laufen lassen in dem Glauben, sie wäre immer noch eine der Großen in der Welt?"
Lady Wayne glaubte sicher, der junge Mann habe den Verstand verloren; er saß da und beobachtete sie mit diesem sonderbaren, kniffigen, halb finsteren, halb triumphierenden Blick, iveder durch ihr Schweigen, noch durch ihre Kälte eingeschüchtert, dann und wann vor sich hinlächelnd mit einem Lächeln, das unbehaglich anzusehen war.
„Ich darf mein Glück nicht verscherzen", dachte Jack, „bloß ui» einen kleinen Rachekitzel; nein, 1 nein, Macht ist süß. Bloß zu denken I Schön, hochmütig, großartig und prächtig, wie sie da ist — und wenn ich's nur wollte, so könnte ich sie hier auf die Kniee bringen; hängen lassen, tief hängen lassen würde sie dann diesen ihren stolzen Kopf. Dann sagte ich: „Ach, Mylady, Ihre Schwester, die die ganze Welt für so gut und rein hält, ist bloß ein übertünchtes Grab; ich kenne alles aus ihrer Vergangenheit." Wie köstlich wäre das; sie schlüge dann diese ihre weißen Hände zusammen und sagte: „Lieber Jack, ach, verrate uns doch nicht."
Dieser Gedanke amüsierte ihn so außerordentlich, daß er plötzlich laut auflachte. Mylady wunderte sich und fuhr zusammen, unangenehm berührt durch den sonderbaren kratzenden Ton, doch machte sie keine Bemerkung. Jack ward sich denn auch plötzlich bewußt, daß er sich sehr übel aufführte.
„Ich werde also Miß West heute wohl nicht sehen", sagte er.
„Wollten Sie sie denn sprechen? Haben Sie irgend etwas Geschäftliches mit ihr?" scagte Lady Wayne.
„Nun, sie ist eine freundliche Dame; es freut mich immer, wenn ich sie sehe. Ich weiß noch nicht, ob ich ein besonderes Geschäft mit ihr habe oder nicht. Ich werde wieder vorsprechen."
Lady Wayne war dankbar, als er sich verabschiedete.
„Sollte man es für möglich halten, daß diese jungen Leute Brüder sind?" sagte sie sich; „der eine ganz Anmut, Höflichkeit — der andere die Quintessenz von allem, was vulgär."
Als Miß West zurückkehrte, erzählte Lady Wayne ihr von dem merkwürdigen Besuch.
„Ich habe nie einen so entsetzlichen jungen Menschen gesehen, Marian; er machte mich bange; er saß da und sah mich mit der sonderbarsten Miene an — eine Art triumphierender Herausforderung, wie mir schien; dann fragte er, ob du zu Hause wärst. Daß er sich eine solche Freiheit herausnahm, gefiel mir ganz und gar nicht."
Es war nur gut, daß Lady Wayne die gespenstische Veränderung in dem Gesicht ihrer Schwester nicht bemerkte. Marian stand am Fenster und sah hinaus in das wechselnde April-Wetter.
„Fragte nach mir?" wiederholte sie.
„Ja. Weißt du, Marian, ich sollte mich eigentlich schämen, daß ich einem andern gegenüber so etwas erwähne — aber ich glaube tatsächlich, dieser junge Mensch ist abge
schmackt genug, sich einzubilden, daß er in Elsie verliebt sei. Ich wollte, du hättest cS gesehen, wie er nach ihr im Zimmer umherblickte."
Aber Marian West wiederholte bloß die Worte: „Er fragte nach mir?"
. „Du scheinst überrascht? Das war ich auch, Marian; aber ich glaube, es ist schwer, diese Art Leute in ihren Grenzen zu halten, um Herrn Jefferies willen konnte ich ja aber nichts sagen. Ich wollte aber doch, wir wären mit unserer Liebenswürdigkeit nicht so freigebig gewesen."
Bei diesen Worten wandte Lady Wayn sich um und bekam so das Gesicht ihrer Schwester zu sehen.
„Wie, Marian?" sagte sie lächelnd, „Du brauchst Dir die Sache nicht so tief zu Herzen zu nehmen; was denn, wenn er sich wirklich etwas einbildet? Ich kann ihn mit einem halben Worte kurieren/
Marian legte ihrer Schwester die zitternde Hand auf die Schulter.
„Tu's nicht, Liebe — laß uns vorsichtig sein!"
Lady Wayne richtete ihre Gestalt mit einer Bewegung stolzer Geringschätzung auf.
„Vorsichtig?" sagte sie und ihre Lippen kräuselten sich. „Du träumst, Marian; weshalb sollte ich vorsichtig sein? Was meinst du damit?"
Sie sah so überrascht und entrüstet aus, daß Marian schwach erwiderte:
„Nichts — ich meine nichts, nur daß es immer besser ist, niemanden geradezu zu beleidigen."
Und dann, befürchtend, sie habe schon mehr gesagt, als klug sei, verließ Marian schnell das Zimmer.
„Wie feige bin ich doch," dachte sie; „was habe ich zu fürchten? Er weiß nichts, ich ließe mich für die Verschwiegenheit seiner Mutter auf den Scheiterhaufen schleppen. Er fragte offenbar bloß nach mir, weil er nicht wußte, was er sagen sollte; jedenfalls war er eingeschüchtert von meiner Schwester. Was brauche ich denn zu zittern? Mein Himmel, halte mich fest und stark! Sicherlich, nach so vielen Jahren brauche ich nichts mehr zu fürchten." —
Am folgenden Tage ging sie allein aus und traf — Jack. Gerade, als er auf sie losschritt, um mit ihr zu sprechen, kam ihr eine Bekannte entgegen, die sie ansprach, sodaß er keine Gelegenheit hatte, auch nur ein Wort zu sagen, doch der Ausdruck seines Gesichtes erschreckte sie.
„Ich weiß etwas," schienen die spottenden Augen zu sagen, „weiß ein Geheimnis von Ihnen."
Die nächsten Tage hätte Marian West sich wie von einem Gespenst verfolgt glauben können. Ging sie zu einem Spaziergana aus, so war sie sicher, Jack Jefferies zu begegnen. Fuhr sie im Wagen aus, so stand ec sicher in der Nähe des Gefährts, sah sie einsteigen und beobachtete ihr Gesicht, bis sie krank und halb ohnmächtig vor Furcht war.
Schließlich sprach er eines Tages wieder vor, da er gehört hatte, daß sein Bruder dort war, und wurde in die Bibliothek geführt.
„Herr Werner Jefferies; jawohl, der Herr ist hier," sagte bei- Diener, der ihn einließ. „Ich werde ihn aufsuchen."
„Diesmal werde ich nicht ins Gesellschaftszimmer gebeten," murmelte Jack mit seinem bösartigsten Lächeln. „Na, schadet nichts; wenn ich erst ein Tausend jährlich und Miß Wayne zur Frau habe, werden sie mir alle schon zu Füßen liegen."
Marian West, auf der Suche nach einem Buch, trat plötzlich herein, ahnungslos, wer dort saß. Jack sprang empor, als er sie sah.
„Guten Morgen, Miß West," grin'fte er; „ich habe Sie schon seit einiger Zeit zu sprechen gewünscht. Sagen Sie —"
Sie machte eine verzweifelte Anstrengung, ihn einzuschüchtern, von oben herab anzusehen, aber er beharrte.
„Sagen Sie, ich weiß alles von den Geschichten in Abbotsville. Nett still ist's davon gewesen, all diese Jahre her, nicht wahr?"


