Montag den 12. Movemöer
Yr° 167
1906
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Ehrgeiz, Betrug, Verrat; — und am zweiten Tag nach der Entdeckung hätte jeder, der das Bild gesehen, und nmt Jack Jefferies hätte betrachten können, darauf geschworen,- er habe zu diesem Judas Porträt gesessen. Sogar die rohtz Art Schönheit, die er früher besessen, schien vor der Flamme; ver Gier, die ihn jetzt mit dämonischer Macht erfaßt hatte,- verwelkt und verbrannt zu sein; er sah um Jahre älter aus.
Wie konnte er am meisten aus dem Geheimnis, das er entdeckt hatte, herausschlagen? Er wußte uoch nicht, tote, er es am besten ausnutzen sollte. Wer würde ihm aM meisten für das Verschweigen geben, wer ihn am besten für den Verrat bezahlen? Er sah unschlüssig und ängstlich aus. t
„Ein einziger falscher Schritt", dachte er, „und ich könnte das Spiel, das ich mich so lange zu gewinnen bemüht habe, dummerweise am Ende noch verlieren. Dre Sache sollte mir doch ein Vermögen einbringen, und sre wird es auch, wenn ich sie nur schlau und richtig anfange."-
Aber dieses Anfängen erforderte große Geschicklichkeit,- Diplomatie. Wer war der Aermste? Wer würde ihm am! meisten geben? Bei sich hatte er bereits beschlossen, daß- er nicht unter tausend Pfund jährlich und Elsie Waynes Hand annehmen wollte.
„Wenn ich sie heirate, so wird ihr Vater für meine Karriere sorgen. James Jefferies, Parlaments-Mitglied, das sähe gut ans, lautete auch gut; es hat manchen im Parlamente gegeben, der lange nicht so gewitzt war, wie ich bin. Werner sähe dann, daß das Studieren auch noch lange nicht die ganze Welt zwingt. Wen, soll ich also zuerst Mitteilung machen? Er ist der Sohn der älteren Tarne — der, die sie Miß West nennen; sollte ich nicht erst probieren, was sie mir gibt, wenn ich nichts sage? Uni) wenn sie nicht ordentlich bezahlen will, werde ich Lady Wayne selbst mal auf den Zahn fühlen/'
Er entschloß sich also, Miß West zu sehen und zu sprechen und zwar sobald wie möglich.
„Sie wird schon demütig genug sein, wenn sie erst weiß, was ich weiß", sagte er sich mit einem Lächeln, das Judas, des Verräters selbst, wert gewesen.
Und kurz entschlossen sprach er am selben Tage noch morgens, sehr zu allgemeiner Ueberraschung, am Tor von Kenninghall-House vor. Lady Wayne war sehr liebenswürdig und freundlich gegen ihn gewesen; sie hatte sich in -gewissem Grade sogar Mühe gegeben, ihn zu unterhalten, weil er Werners Bruder und sie Werner warm zugetan war; aber diese Morgen-Visite gefiel ihr nicht, ganz und gar nicht — sie betrachtete sie als eine Freiheit, die herauszu» nehmen gar fein Recht vorlag, und niemand war gegen den geringsten Versuch, sich Freiheiten herauszunehmen, empfindlicher und ahndete dergleichen empfindlicher, wie Lady Wayne.
Im Manne des Geheimnisses-
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Sicher würde er das", versetzte Werner hell auflachend, sowohl über Jacks wunderbare Ausdruckstoeise, tote über die Idee, daß Elsie Wayne einen armen Teufel hetraten
würde ihn ins Parlament bringen, was?" Und ihm soviel Geld geben, wie er nur wollte, nicht?'
„Und seinen Segen dazu, wie die guten Vater auf der Bühne!" lachte Werner noch immer.
„Aber im Ernst, würde er das tun oder mcht?" beharrte Jack.
„Ohne Zweifel."
Dann gerieten sie in ein so dichtes Gewühl, dag ste schweigen mußten. Nachher, als sie wieder in einer ruhigeren Straße waren, sagte Jack:
Du bist ganz nett hochgekommen, Werner, aber gib Acht, was ich dir jetzt sage: ich werde noch höher kommen. Du weißt nicht, was mir noch blüht."
Seine Art und Weise war so großsprecherisch und pomphaft, daß Werner wieder lachen mußte.
„Wir werden sehen", sagte Jack, nicht aus der Fassung gebracht, „demnächst werden wir ja sehen. Du wirst dann nicht lachen, wohl aber eingestehen, daß du überrascht bist."
Denn Jack hatte noch einen schlauen Gedanken gehabt — dies Geheimnis würde ihm eine große Macht über die Waynes geben. Die einzige Art Stolz, die er verstand, war der Stolz, der aus der Eitelkeit entspringt. Ein Stolz, wie der, den die Waynes von Kenninghall besaßen, der sie den Tod der Schmach und Unehre vorziehen ließ, wa-r für Jack Jefferies ein Buch mit sieben Siegeln.
Selbstredend — so argumentierte er — würden sie alles opfern, um den äußern Schein zu wahren; sie würden alles tun, um zu verhüten, daß das Geheimnis öffentlich bekannt würde. Er konnte also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er wollte von Miß West eintausend Pfund per Jahr verlangen, und wollte von Lady Wayne verlangen, ihn ihre schöne Tochter Elsie heiraten m lassen.
39. Kapitel.
Ungebetener Besuch.
In der dunklen Ecke eines alten römischen Palastes hängt ein Gemälde von einem der großen, alten Meister: Judas, der Verräter. Die ganze Seele des Unseligen liegt in diesem Gesicht, es ist eine einzige Flamme der Gier und Habsucht; die Augen bohren sich verschlingend auf die Stelle, wo das Geld liegt; die unsteten Lippen sind dünn, schlaff und scheinen zu beben; jegliche böse Leidenschaft, die die Seele des Menschen verwüsten kann, steht auf diesem Gesicht geschrieben — Gier, Hinterlist, Tücke,


