Ausgabe 
12.10.1906
 
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als eine Ruderpartie auf dein Flusse. Lard St. Gilbert da­gegen war nichts darum.

Ich weiß, Ihr werbet mich auslachen," sagte er schließ­lich,dagegen bin ich indes abgehärtet; die Wahrheit ist, das Wasser macht mich nervös; ich fürchte mich stets mehr oder weniger davor."

Aber doch sicher nicht vor einem lachenden, sonnigen Flusse, ivie hier in diesem Fall. Hört nur, wie melodisch er murmelt und singt."

Zugestanden, aber er hat auch grausame Tiefen, kalte, grausame Tiefen. Es hilft nichts, daß du mir zuredest, Roderick; ich kann's nicht ändern."

Aber wenn ich an deiner Stelle wäre," sagte Roderick energisch,so würde ich's ändern. Ich würde diese Nerven Zoll mn Zoll bekämpfen; sie sollten mir nie Meister über mich werden. Wenn du das nicht tust, so wirst du nie stark werden. Ich würde nicht so nachgeben, wie du es tust, St. Gilbert, wahrhaftig, nicht um die ganze Welt."

Nach einigem weiteren Zureden, Necken, Bestürmen stieg Lord St. Gilbert endlich in das Boot. Roderick Pidgeon be- glückwünschte ihn zu seinem Entschluß; aber Werner, der sein blasses Gesicht sah, fühlte sich von der Gefahrlosigkeit des Wagnisses nicht so ganz überzeugt.

Ein paar Minuten lang war es sehr vergnüglich. Die Sonne schien auf den Fluß und vergoldete die Fährte, die das Boot auf dem ruhigen Wasserspiegel hinterließ; das Wasser floß sanft murmelnd zwischen den grünen Ufern dahin, der Wind umflüsterte sie schmeichelnd und trug ihnen Düste aus den umliegenden Wiesen und Weiden zu.

Na," sagte Roderick,bist du noch bange?Ich sage dir, Balduin, alles, was dir fehlt, ist: mehr Entschluß und Willenskraft. Man hat dich mit dieser abgeschmackten Idee von Nervosität großgepäppelt, bis du natürlich glaubst, du könntest gar nichts mehr unternehmen. Ist dies denn nicht nett?Jetzt wirft du mal ein Ruder nehmen, alter Freund. Wir werden noch einen regelrechten Ruderer ersten Ranges aus dir machen."

Werner jedoch bemerkte, welche große Anstrengung Lord St. Gilbert machte, seine Erregung niederznkämpfen, und war heimlich besorgt.

Wie es eigentlich kam, hätte keiner von ihnen jemals genau sagen können. Selbst Roderick Pidgeon konnte es sich ganz und gar nicht erklären. Sie nahmen später an, daß Lord St. Gilbert von einer plötzlichen nervösen Panik befallen worden sein müsse, die ihn veranlaßt habe, von einer Seite des Boots auf die andere zu springen, genug einen Augen­blick dann sahen und hörten sie nichts mehr, das Boot schlug plötzlich und heftig um, und alle drei lagen im Wasser.

"Während seines ganzen Lebens vergaß Werner Jefferies den schrecktiehen Schrei nicht, den Lord St. Gilbert ausstieß, Es war nur das eine Wort:Mutter!", aber es schien die klare Sommerluft zu durchschneiden und bis zum blauen Fir- nimnente emporzudringen.

Rette ihn, Werner!" schrie Roderick,mein Arm ist verrenkt, ich kann ihn nicht gebranchen!" Es überstieg fast seine Kräfte, sich selbst ans Land zu bringen. Mehrere Male war er auf dem Punkte nnterzusinken, und schon wollte Werner ihm znr Hülfe kommen, als Roderick wieder laut aufschrie:

Kümmere dich nicht um mich, reite Balduin!"

Als Pidgeon das Ufer endlich erreichte, brach er vor Schmerz in dem verwundeten Arm fast bewußtlos zusammen.

Werner war ein ausgezeichneter Schwimmer. Mit wenigen kräftigen Stößen hatte er die Stelle wieder erreicht, wo Lord St. Gilbert untergegangen. Ach! es war keine Spur von ihm zu erblicken!

Er muß wieder in die Höhe kommen," dachte Werner und hielt sich in möglichster Nähe des verhängnisvollen Punktes.

Aber die Augenblicke waren kostbar, und sie verflossen mit unheimlicher Geschwindigkeit, doch St. Gilbert kam nicht wieder an die Oberfläche des Wassers,

Himmel!" murmelte Werner verzweifelt,was soll ich tun was kann ich tun?"

Rasch entschlossen tauchte er dann an der Stelle, wo er den jungen Mann hatte sinken sehen, unter die Strömung war glücklicherweise nicht sehr stark und bekam zu seiner unendlichen Erleichterung etwas wie Kleidung zu fassen. Em weiterer Augenblick, und er tauchte mit dem Bewußtlosen wieder an die Oberfläche, dann aber begann die schreckliche Aufgabe, mit der schweren Bürde ans Land zu schwimmen. Die Anstrengung überstieg fast seine Kräfte, ober mit Auf­bietung aller Willens- und Körperkraft und Geschicklichkeit erreichte et zuletzt doch das Land und legte den Beivußtlosen im Grase nieder. Er war nahezu halbtot vor Erschöpfung, verlor aber keinen Augenblick mit sich selbst. Schnell lockerte er St. Gilbert die Kleidung und legte ihm die Hand auf die Brust.

Er lebte noch soeben; das Herz schlug sehr, schivach und langsam noch eine weitere Minute im Wasser, und alle irdische Wissenschaft hätte ihn nicht mehr retten können.

Werner tat alles, was er konnte; er versuchte, das Blut wieder in Umlauf und die Atmung in Tätigkeit zu setzen: ober die Aufgabe überstieg seine Kräfte. Er rief laut um Hilfe, und zwei Feldarbeiter kamen herbeigelaufen.

Dieser Herr ist beinahe ertrunken! Tragt ihn zu Smiles Haus, es ist hier ja wohl gleich nahe bei, aber vor­sichtig!" .

Schnell ging es über die Felder zu dem Bauernhause. Die Frau, flink und eilfertig, giiig, als sie erfuhr, um was es sich handele, voraus in das einzige Schlafzimmer, das das Häuschen anfzuweisen hatte, und half in jeder Weise. _

Wer zuerst mit einem Arzt wieder hier zur Stelle ist, wandte sich Werner an die beiden Arbeiter,erhält fünf Pfund von mir!"

Er wußte, dies war ein Fall, wo er mit Gold um fick) (treuen durfte im buchstäblichsten Sinne des Wortes wenn es nur gelang, dies kostbare Leben zu retten.

Während die Männer spornstreichs davoneilten, fuhr er fort, sein Bestes mit Reibungen und allen anderen Mitteln, die ihm nur einfielen, zu versuchen; indes ohne sonderlichen Erfolg.

Das Resultat seines freigebigen Versprechens jedoch war, daß beide Arbeiter in ganz unglaublich kurzer Zeit zuriick- kehrten, jeder mit einem Arzte.

Umso besser," sagte Werner erfreut,jeder von Euch soll fünf Pfund erhalten."

Die beiden Aerzte machten sich ans Werk.Retten Sie ihn, wenn eben möglich!" beschwor Werner sie eindringlich. Es ist der einzige Sohn des Grafen von Romsey; erst gestern sagte er mir noch, seine Mutter lebe nur für ihn und mit ihm l"

Es war ein harter Kampf mit dem Todenichts, als die kleine, schwache Regung des Herzens gab ihnen einige Hoffnung. Inzwischen schickte Werner auch Roderick Pidgeon Hülfe, der sie gleichfalls bitter nötig hatte. Der beim Um­schlagen von der scharfen Bootkante getroffene Arm war be­denklich geschwollen, man beschaffte einen Wagen und brachte den Verletzten, nachdem er in der Hütte die notwendigste ärztliche Hülfe erhalten, nach Hause.

Werner blieb bei Lord St. Gilbert zurück. Aber es dauerte lange, ehe der junge Erbe die Augen wieder öffnete oder überhaupt ein Lebenszeichen von sich gab; und dann erklärten beide Aerzte, es würde eine schwierige Aufgabe sein, ihn ganz wjebcr durchzubringen. Es dauerte einige Tage, ehe er aus der Hütte nach der Stadt geschafft werden konnte.

Roderick Pidgeon erklärte feierlich, Zeit seines Lebens werde er keinen nervösen Menschen wieder mit aufs Wasser nehmen. (Fortsetzung folgt.)

Minz Louis Aerdinand von Wreußen,

Bor 100 Jahren hat ein genialer Sproß des Hohen- zoklernhauses auf dem Schlachtfelds, von Saalfeld den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Prinz Loms Ferdmauo hat für die Deutschen ein besonderes Interesse dadurch,