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Zm Aanne des Heßeimmsses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
13. Kapitel.
Ein Lebensretter.
Es war ein prächtiger Sommermorgen, der Himmel strahlte im klarsten heitersten Blau; goldenes Licht schwamm in der frischen, duftgcschwängerten Luft, -der Gesang zahlloser Vögel, das Rauschen frischer, saftgrüner Blätter, das leise Wogen des langen Grases im Winde, das sanfte Gemurmel des Flusses, der durch seine grünen Ufer dahinglitt: alles vereinigte sich zu einem wundervollen harmonischen Zusammeuklaug. Ein Morgen, wo das Leben doppelt schön und teuer, Kummer und Sorge etwas Unmögliches, Liebe, Hoffnung und Glück ringsum ausgcgossen scheinen.
Am Ufer des Flusses befand sich eine Gruppe von drei jungen Männern, deren Aussehen ganz mit dem lieblichen Sommermorgen in Einklang stand. Ein hübsches, hcllge- sirichenes Boot lag vor ihnen am Stamm einer ins Wasser hineinwachsenden Weide befestigt. Halb saßen, halb lagen sie auf der grünen Uferböschung und genossen die Schönheit der Natur, dann und wann das Schweigen mit einigen Worten unterbrechend. Der Aelteste von ihnen, Noderick Pidgeon, stand auf dem Punkte, Cambridge zu verlassen und bei Ihrer Majestät Leibgarde einzutreten. Ihm zunächst saß der junge Lord St. Gilbert, der einzige Sohn und Erbe des edlen und einflußreichen Grafen Romsey von Downham.
Lord St. Gilbert war gerade neunzehn Jahre, und alle Hoffnungen der Nomseys vereinigten sich auf ihn. Die Gräfin, eine niedliche, zarte Frau, hatte mehrere Kinder gehabt, die aber alle in zartem Alter gestorben waren, aus- genommen Balduin, der geliebte Sohn und Erbe. Was sein Leben den in ihn vernarrten Eltern wert war, war mit Worten nicht sobald zu beschreiben.
Er war nicht sehr kräftig, dieser junge Erbe der gesamten Ramseys. Zwar war er hübsch, aber es war eine gewisse zierliche, mädchenhafte Schönheit. Seine Züge waren sehr regelmäßig; bei der geringsten Erregung kam und schwand die Farbe auf seinen Wangen, wie bei einem jungen Mädchen; blondes Haar lockte sich um den wohlgeformten Kopf. Sein größter Stolz war augenblicklich der flaumige blonde Sch- urrbart, der die zierlichen Lippen zu beschatten begann. Er war nervös und leicht erregbar; trotz aller Jugendlichkeit und Unerfahrenheit aber durch und durch Gentleman; nie
sprach oder beging er irgend etwas Gemeines; er war edelmütig und ritterlich.
Daß die Gräfin Romsey es je zugegeben, diesen vergötterten Sohn aus ihren Augen zu lassen, konnte niemand begreifen. Sie wußte selbst am besten, was es ihr gekostet und täglich kostete. Sie lebte und starb sozusagen täglich; aber in diesem Punkte war der Graf unerbittlich gewesen.
„Der einzige Weg, einen Mann aus Balduin zu machen,* hatte er erklärt, „ist der, ihn auf die Schule, auf die Universität zu schicken; dort kommt er unter wackere männliche junge Burschen, und dann schon über seine Nervosität weg, die ihn andernfalls vollständig verderben würde."
Und so halte die Gräfin, wenngleich mit vielen Tranen, nachgegeben. Wie sie ihren Jungen bat und beschwor, doch ja in allem vorsichtig zu sein, können sich Blutter allein denken; wie sie ihn an die Brust drückte und ihm immer wieder sagte, er sei ihr einziges, ihr alles, und sie müsse sterben, wenn ihm etwas widerfahren sollte. „Gewiß, ich würde sterben, Balduin. Ich bin nicht stark, und es würde mich töten. Denke immer daran, daß das Leben deiner Mutter an dem deinigen hängt."
Im Laufe der Jahre und onf der Universität wurde er nach und nach natürlich stärker, ober dennoch war er bei weitem nicht so wie andere junge Männer in seinem Alter.
An diesen« Morgen nun war Lord St. Gilbert mit Noderick Pidgeon und Werner Jefferies ausgegangen. Er mochte Werner sehr gern leiden und halte die größte Bewunderung vor seinem Talent.
„Ich wollte, ich iväre wie Sic," pflegte er zuweilen mit einem liefen Seufzer zu ihm zu sagen. „Ich sollte klug und anstellig sein und biu's nicht. Ich sollte stark sein und bin's nicht. Ich wünsche zu Gott, ich wäre wie Sie."
Trotz des Unterschiedes in Rang und Lebensstellung waren sie große Freunde. Werners Genie, seine idealen Gedanken und Auffaffuncsen, sein edles Gemüt, feine. Vorliebe für alles Schöne und Gute übten einen großen Reiz und eine zauberische Anziehungskraft auf den jungen Erben aus.
Werner saß emsig über seinen Büchern, als die beiden kamen und ihn für diesen einen Morgen mit hinauszukommen baten. Er konnte es nicht abschlagen.
„Ich gehe bald fort, Jefferies", sagte Lord St. Gilbert, „Sie dürfen mir nicht nein sagen."
„Und ich bin in zwei Tagen fort und will kein Nein an- nehmen," sagte Noderick Pidgeon.
Werner gab demgegenüber seinen anfänglichen Widerstand auf und ging mit ihnen aus.
Nichts wollte Roderick an diesem Morgen bester behagen,


