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,9?cin, mit keiner Silbe; ich habe Ihre Weisung«^ in dieser Hinsicht nicht vergessen."
„Sie haben anch keinen Versuch gemacht, näheres von ihr zn erfahren, sie zu bewegen, Ihnen alles anzuvertrauen?"
„Nein," erwiderte Marian leise und beschattete die Augen mit der Hand, „obwohl jede Faser meines Herzens Nk-rnach verlangt, Klarheit zu haben. Ich gäbe ein Jahr «-— was sage ich, ein Jahr? — zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum, wenn Evelyn nur vertrauen wollte. Ach, Sie wissen es nicht, können es nicht begreifen, was dies für mich ist. Evelyn ist mein einziges, mein alles, der Mittelpunkt meines Lebens. Ich bin siebzehn Jahre älter wie sie; ich war die älteste einer großen Familie, sie die jüngste, — sie sind alle tot, außer uns beiden — Vater, Mutter, Brüder, Schwestern — alle, außer uns beiden. Evelyn war erst vier Jahre alt, als meine Mutter starb und sie mir auf dem Sterbebette als heiliges Vermächtnis anvertraute. Seit Jahren habe ich sie geliebt und bin von ihr wiedergeliebt worden. Ihn, den ich liebte, habe ich abgewiesen, weil ich mich nicht von der kleinen Evelyn trennen wollte. Mein ganzes Leben habe ich ihr aufgeopfert. Und nun dies! — Ach, mein Gott, daß es doch alles ein wüster Traum wäre, wie ich oft meine!"
Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Liebe Miß West," sprach der Arzt tröstend, „beruhigen Sie sich. Es hat keinen Zweck, diesen Gedanken Raum zu geben; weisen Sie sie weit von sich. Ihre Schwester wird Ihnen zweifellos seiner Zeit über alles Klarheit geben."
Marian erhob den Kopf. „Nicht, daß ich etwas Unehrenhaftes von meiner Schwester befürchtete, Doktor," sprach sie stolz, obwohl ihre Stimme noch zitterte, „aber dies vollständige Dunkel über alles, das ist es, was mich bedrückt und ängstigt. Wie konnte sie mich so hintergehen; warum sowohl ihre Liebe, wie ihre Heirat vor mir verbergen, wo ich ihr doch Mutter und Schwester zugleich gewesen und ihr vollstes Vertrauen besaß? — Hätten wir nicht hier in Abbotsville unsere Heimreise nach London unterbrechen müssen, hätte ich nicht gerade Sie gefunden und hätten Sie sich nicht so äußerst gütig unserer angenommen — mein Gott, ich mag gar nicht daran denken, was anderenfalls das Ende geivesen wäre!"
„Was ich getan, war lediglich meine Schuldigkeit als Arzt und Mensch, Miß West," erwiderte Dr. Rucke einfach; „Sie würden mich verpflichten, wenn Sie diesen Punkt nicht wieder berühren wollten."
„Ach, ich kann dem Himmel nie genug danken, daß wir in Ihnen einen solchen Freund gefunden," erwiderte Marian leise.
Eine kurze Pause entstand. Der Arzt blickte ernst und nachdenklich vor sich hin.
„Und sie ist noch immer des Glaubens, ihr Kind sei tot? Sie haben ihr noch nicht gesagt, daß es lebt?" fragte er plötzlich unvermittelt.
„Nein, noch nicht," versetzte sie rasch. „Ich will noch warten, bis sowohl ihr Körper, wie ihr Gemüt kräftiger geworden sind. Sie werden sich erinnern, daß Sie es selbst für besser hielten, sie einstweilen in diesem Glauben zu lassen."
„Und welche Anordnungen haben Sie hinsichtlich des Kleinen getroffen?"
„Mrs. Jefferies, die Frau, die Sie mir empfahlen, wird sich seiner für die nächsten Monate annehmen. Ich dachte, meine Schwester mit in einen Badeort zu nehmen, wo sie sich hoffentlich bald ganz erholen wird. Inzwischen werde ich der Pflegerin regelmäßig eine Summe senden, die auch verwöhnte Ansprüche als sehr reichlich bemeffen betrachten müssen. Es wird an nichts fehlen, dafür werde ich sorgen."
„Und dann?" fragte der Doktor.
„Dann", fuhr sie halb ungeduldig fort, „wenn meine Schwester sich wieder völlig erholt hat und ich ihr die Mitteilung ohne Nachteil für sie machen kann, werde ich mich weiter entschließen können; vielleicht das Kind nebst Pflegerin zu uns zu nehmen"
Der Arzt schwieg eine Weile.
„Sie können sich denken, Miß West", begann er dann langsam, „daß nicht müßige Neugier es ist, was mich dazu veranlaßt, in dieser Weise zu fragen. Es will mir scheinen, daß Sie in Ihrer Sorge und Liebe für Ihre einzige Schwester etwas zu weit gehen und zwar zum Nachteile dieses armen Kleinen. Sie wissen, Miß West, die Sorge für ein Kind ist eine Pflicht, die der Himmel einer jeden Mutter auferlegt, und die sich nicht leichthin beiseite schieben läßt."
„Ich weiß, ich weiß", gab sie zurück, „aber Sie können beruhigt sein. Möge Gott gegen mich verfahren, wie ich gegen seine Gebote handle. „Nichts, was Geld erkaufen kann, soll dem Kleinen mangeln."
„Kein Gold kann die Liebe und Sorge einer Mutter ersetzen", erwiderte der Arzt trübe und ernst.
Eine feine Falte zeigte sich zwischen MarianS Brauen.
„Aber bedenken Sie doch, Doktor, welch außerordentliche Umstände hier zusammentreffen k Unmöglich können wir das Kind jetzt mit uns heim nehmen; bedenken Sie doch, was das hieße! Bis jetzt hat keiner unserer Bekannten auch nur eine Ahnung, daß Evelyn geheiratet hat; selbst mir gegenüber verweigert sie alle und jede Auskunft über diesen Punkt; alles, was wir aus ihren Fieber-Phantasien haben schließen können — und auch das kaum mit Bestimmtheit — ist, daß der Elende, der ihr jugendliches, unerfahrenes Herz bethört und sie zu dieser übereilten und höchst unglückseligen Heirat überredet haben muß, nicht mehr lebt. Was soll die Welt, was die Gesellschaft unserer Kreise zu einem solchen Fall sagen? Evelyns ganze Zukunft wäre dann unrettbar vernichtet. Nein, nein", fuhr sie erregter fort, „selbst wenn ich das Geheimnis meiner Schwester erführe, und wenn alles offen zu Tage läge, so würde sie das nicht vor dem Achselzucken der Welt schützen. Soll denn ihr schönes junges Haupt für den Rest des Lebens sich in Kummer und Neue verbergen müssen? Erst achtzehn, und das ganze Leben schon für sie vorüber? Warum ihr nicht die Aussicht eröffnen, ihre Uebereilung wieder gut zu machen? Begünstigen uns ja die Umstände dabei so außerordentlich, daß man fast sagen konnte, es soll so sein. Alles hat sich hier in Abbotsville abgesvielt, wo ivir fremd sind und uns — abgesehen von Ihnen, Mrs. Ford und der Pflegerin — niemand näher kennt. Es kann also menschlichem Ermessen nach nie etwas davon ans Licht kommen; und erholt sich meine arme Schwester, so kann sie ihren Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, vielleicht später noch glücklich roerbeit, während sie andernfalls, bei Bekanntwerden dieser unglücklichen Heirat, günstigstenfalls die Blüte ihrer Jugend und ihr ganzes Leben einsam vertrauern müßte."
Sie hatte lebhaft, aber mit leiser, klarer Stimme gesprochen und hielt jetzt hochaufatmend inne.
Dr. 9.inte heftete seinen ernsten Blick wieder auf sie.
„Ich kann nicht alle Ihre Aeußerungen, die Ihnen die blinde Liebe zu Ihrer Schwester eingibt, billigen, Miß West", sagte er langsam, „dennoch glaube ich, daß ich Ihnen vertrauen darf. Sie haben sich als so hingebende Schwester, so ruhig, gefühlvoll und tapfer in dieser schwierigen. Lage gezeigt, daß ich überzeugt bin, es wird Ihnen ganz und gar nicht möglich sein, ein kleines und gänzlich hülfloses Kind ins Unrecht zu setzen, es seines natürlichen Anrechtes auf Mutterliebe und Muttersorge zu berauben. Ich habe Ihnen noch nicht gesagt, daß ich auf meinem Herwege in der Ripleyftraße bei Mrs. Jefferies war. Der Kleine gedeiht prächtig; ich habe selten ein gesunderes und schöneres Kind gesehen. Atich nach ihrer Abreise werde ich nicht verfehlen, von Zeit zu Zeit nachzusehen, und mich überzeugen, daß es an nichts mangelt, wenngleich Mrs. Jefferies in jeder Beziehung zuverlässig ist."
„Ich danke Ihnen, Doktor, für Ihre Freundlichkeit", erwiderte Marian West mit einem tiefen Atemzuge. „Sie dürfen überzeugt sein, daß ich mein Wort halte. Und nun, da Sie mein feierliches Versprechen gehört haben, verlange ich das Ihrige."
Sie betrachtete ihn bei diesen Worten gespannt; ihr Antlitz wurde blaß und die Augen trübe. „Ich verlange von


