Mittwoch den 12. September
1906
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NW
Zm Banne des Heßeimnisses.
Roman von H. v, Raesfeld.
Nachdruck verboten.
1. Kapitel.
Ein Geheimnis.
Ein wundervoller Junitag neigt sich seinem Ende zu. Die Königin des Tages hüllt sich in purpurne Prachtgewänder, bevor sie zu Ruhe geht; rings auf Feld und Flur, auf Hain und Wiese fcnlt sich duftige Kühle und Frische; die Blumen neigen die Köpfchen und wollen schlafen; die Sänger des Tages verstummen einer nach dem andern; nur aus dem Jasmin-Gebüsch, dem betäubend süßer Duft entquillt, ertönt noch in vollen schmelzenden Tönen das Liebeslied der Nachtigall hinaus in die langsam nahende Dämmerung.
Ein letzter goldener Lichtstrahl fällt in das weitgeöffnete Fenster int ersten Stock eines großen eilten Landhauses, das still und duftig zwischen hohen dunklen Bäumen liegt. Neugierig blickt er in das hohe, einfach, aber behaglich möblierte Gemach. Am Fenster sitzt eine Dame, gut gekleidet und anscheinend über dreißig Jahre alt. Die Züge waren früher einmal ziemlich hübsch gewesen und machten auch jetzt, namentlich im Dämmerlicht des scheidenden Tages, keinen unvorteilhaften Eindruck; aber viele feine Linien und Furchen hatten sich hineingegrabcn, die von vielen sorgenvollen Gedanken erzählten, und um den Mund lag ein ernster, trüber Zug. Es war nicht, was man ein liebenswürdiges Gesicht zu nennen pflegt; die Person, der cs gehörte, besaß keine liebenswürdigen Schwachheiten. Es war nicht das Gesicht einer Frau, die man ohne iveiteres mit offenem Herzen in der Stunde der Not oder Drangsal ausgesucht haben würde. Es war energisch, entschlossen und kräftig, voll Selbstvertrauen und Selbstbeherrschung, Ivie die Frau, der es gehörte, — wie Marian West selber.
Tiefe Stille herrschte; nur eine kleine Standuhr tickte rastlos und einförmig irgendwo im Hintergründe des dunklen Gemaches. So still, so regungslos, so in Gedanken saß Marian West da, daß man sie für leblos hätte halten können, wäre nicht das sinnende klare Auge gewesen, das von Leben sprach.
Die Schatten des Abends legten sich langsam über die langgestreckten grauen Felder draußen jenseits des Kreises hoher alter Bäume, die den Mühlenhof umgaben, und die Dämmerung wob dichter und dichter ihre Netze in den Kronen der Bäume. Bom Turm des benachbarten Städtchens Abbotsville drang schwach auf den Flügeln des lauen Abendwindes, der tiefe Schlag der Turmuhr herüber; , ver
einzelte Sterne erglommen bereits am tiefdunklen Nacht- Himmel. Was mochte sie sinnen, die stille ruhige Gestalt dort am Fenster? —
Ein leises bescheidenes Klopfen an der Tür und Marian West fuhr zusammen. Sie strich mit der Hand über die Stirn, wie um einen quälenden Gedanken zu verscheuchen, schritt dann zur Tür und öffnete. Ein rotwangiges ländliches Mädchen erschien mit der Lampe und meldete: „Der Herr Doktor ist soeben gekommen, Miß West."
„Es ist gut, Jenny; bitten Sie ihn gleich hierher zu mir."
Einen Augenblick später erschien Dr. Nurke selbst. Es war ein Mann von mittlerer Größe, mit leicht ergrautem, aber noch vollem dunklen Haar und einem Paar kluger Augen in einem Gesicht, worin Wohlivollen und Herzensgüte auf den ersten Blick zu lesen waren.
„Guten abend, Miß West; Sic sehen, ich halte Wort. Nun, ivie geht es unserer Patientin heute?"
„Guten abend, Doktor. Ich danke Ihnen, daß Sie so pünktlich sind. Bitte, nehmen Sie Platz. Einen Augenblick —"
Mit diesen Worten schritt Marian in das anstoßende Vorzimmer und schloß die aus demselben zum Flur führende Tür sorgfältig ab, nachdem sie sich durch einen kurzen Blick ringsum davon überzeugt hatte, daß niemand darin zurückgeblieben tvar. Zurückkehrend schloß sie daun auch die aus dem Hauptgemache in das Vorzimmer führende Tür hinter sich.
„Mrs. Folksworth ist nicht zugegen, wie ich sehe," begann der Arzt wieder, „ich hoffe, die Besserung hält doch an?"
„Soviel ich beurteilen kann, gewiß," versetzte Marian. „Nur ihr Gemütszustand macht mir Sorge. Es ist, als ob eine schwere Wolke auf ihrer Seele laste; sie sitzt stundenlang, starrt aus dem Fenster hinaus ins Freie und zeigt eine solche Geistesabwesenheit und Gleichgiltigkeit gegen ihre ganze Umgebung, daß ich ernstlich besorgt biu. Meinen Sie nicht, eine Luftveränderung würde hier wohltätig einwirken? Dieses einförmige Leben kann einen Gesunden schwermütig machen, wie viel' mehr eine kaum von schwerem Krankenlager Erstandene, die zudem noch durch alles, was sie umgiebt, an eine trübe und kummervolle Vergangenheit erinnert wird. Sie sagten doch bei Ihrem letzten Besuche selbst, wenn die Besserung in dieser Weise anhielte, würde unserer Abreise in längstens einer Woche nichts im Wege stehen."
Der Arzt räusperte sich. „Sie sind doch bis jetzt nicht wieder auf diese Vergangenheit zurückgekommen, Miß West?" fragte er langsam.


