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ist die Dämmerung schon hereingebrochen und spinnt ihre grauen Schleier, alle Umrisse damit verhüllend, alle Schäden verdeckend.
(Fortsetzung folgt.)
Keinrich Keine.
Der Lieblingsdichter der deutschen Komponisten eine statistische Plauderei von Ernst CHollier sen. (Unberechtigter Nachdruck verboten.)
, Der vielgesungenste Dichter ist, soweit ein Deutscher seine Stimme erhebt, Heinrich Heine. Wenn Heme auch nur das eine Gedicht, die Loreley, vergaßt hatte, so wurde das an der soeben angeführten Tatsache durchaus nichts andern, Leider kann nun gleichzeitig nickt behauptet werden, daß auch Heine damit zugleich der populärste Dichter fet; der größte Teil seiner Sänger weiß nicht und fragt nicht darnach, wer der Verfasser feines Leibliedcs ist. — Wie ost die Loreley schon gesungen, das wird wohl nie ein Statistiker ermitteln können, ermitteln wollen, dagegen ist durch das Lexikon des Liedes festgestellt, daß vor unb nach Ferdinand Solcher , dem glücklichsten Vertoner des Gedichtes, noch 51 Bewerber um den Erfolg mitstritten, aber selbst ein Gabe, Kücken, L a ch n e r, Liszt, P r o ch , Raff, R u n g e n h a g e n intb Tiehsen mußten vor dem gemütvollen Silcher, dem das Volk die Palme überreichte, die Waffen strecken, Auch keine andere, der vielen zum Volksliede gewordenen Dichtungen und Kompositionen hat. auch nur einen annähernd ähnlichen Erfolg aufzuweisen. Nur eine könnte noch vielleicht in Betracht gezogen werden, das ist Eichen- dorsf's „Wer hat dich du schöner Wald" in der Vertonung von Mendelssohn-Bartholdy, welche, namentlich in Männerkreisen, äußerst beliebt ist. Auck dieses Lied ertönt sehr häufig; hierzu begeistert zu werden verlangt aber das Vorhandensein mindestens einiger.Bäume, während für die Loreley keine Requisiten nötig sind, keine Stimmung beeinflussend ist, kreuzfidel fingen Männlein und Weiblein bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit „Ich weiß nickt, was soll cs bedeuten, daß ich so traurig bin." „
Aber nicht Box populi allein hat sich, zum teil unbewusst, für Heine entschieden, auch die deutschen Komponisten schöpfen in der Mehrzahl, bis auf den heutigen Tag, mit besonderer Vorliebe aus dem überreichen Born Heine'scker Lyrik.
Noch heute schauen, immer von neuem, die „b lauen Frühlingsaugen aus dem Grase hervor", alljährlich erscheinen einige „Alte Könige mit grauem Haar , „Der Fichtenbaum, der einsam steht", erweitert nut jedem Jahre seinen Waldbestand, „Das Mädchen mit dem r oten Mündchen" bleibt ewig jung, „Und wüßten die Blumen, die kleinen" werden immer wieder zunr Mst- trauern aufgefordert. Dem bereits vorhandenen Riesenstrauß der Blumen fügen sich „Im wunderschönen MonatMai" stets neue Knospen hinzu und deu schmeichelhaften Vergleich „Du bist wie eine Blume", ziehen nach wie vor junge und alte Enthusiasten. . . or
Dagegen sind wieder Gedichte, wenn auch nur ut kleiner Anzahl zu verzeichnen, die in früheren Jahren seitens der Komponisten begehrt waren, in den letzten Jahrzehnten keine oder nur wenige Vertonungen fanden. Ich erinnere, hierbei an „D t e Lorelcy", „Ja du bist elend", „Ich grolle nickt", „Das Meer hat seine Perlen", „Im Rhein, tm schöncn Strome", „Mit schwarzen Segeln segelt mein S ch i f s". Weshalb diese Dichtungen in der Gunst der Komponisten gesunken sind, dürfte schwer, zu ermitteln sein. Scheu vor dem Erfolge eines Vorgängers ist entschieden nicht der Grund hierfür, gerade das Gegenteil beweisen die zahlreich vertonten Gedichte Heines und anderer Lyriker; cs erscheint fast, als wenn der Erfolg eines anderen zum Schaffern anreizt oder mindestens doch ermuntert. Ebenso ist cs wohl niemals festzustellcn, welche Komposition eines und desselben Textes, die schönste sei. Mit dem Superlativ des Begriftes „Schön" soll man vorsichtig fein, nicht inimer findet man, für seine Ansicht, eine so große Zahl einwandsfreier Zeugen, wie bei der „Loreley". Schön ist GesckmacksaHe, über den Geschmack läßt sich streiten, oder auch nicht streiten, was in diefein Falle dasselbe ist.
Heine ist nun aber nicht nur der vielgesungenste, sondern auch der am meisten vertonte Dichter; ob aber alle die Gesangswerke, die durch seine Gedichte das Lebenslicht erblickt haben, gesungen werden, das will ich hier nickt untersuchen, auch ob sie alle schön find, lasse ich int erörtert. Einer war bei jedem Siebe mindestens zufrieden damit, und zwar der Komponist selber.
Anderen Dichtern ist es genau ebenso ergangen, worin aber Heine allen gewaltig über ist, das ist in der Zahl. Kem anderer Dichter hat auch nur annähernd den Komponisten so viele seiner Dichtungen hergeben müssen. Mit 246 steht Herne an erster Stelle, am nächsten dürfte Goethe mit 171 und Uhland mit 122 zu nennen fein. Diese 246 Dichtungen find 4069 mal vertont. 3568 hiervon als einstimmiges Lied, 92
als Duett, 116 als gemischter als Frauenchor und 7 als Melod sind:
45 1 mal vertont . . — 45
25 2 „ „ • . = 50
26 3 „ „ . . = 78
10 4 „ „ . . = 40
7 5 „ „ . . = 35
10 6 „ „ . . = 60
6 7 „ „ . . = 42
6 8 „ „ . . = 48
3 9 „ „ . . = 27
7 10 „ „ . . = 70
7 11 „ „ . . = 77
9 12 „ „ . . = 108
7 13 „ „ . . = 91
1 14 „ „ . . 14
2 15 „ „ . . = 30
4 16 „ „ . . = 64
1 17 „ „ . . = 17
5 18 „ „ . . = 90
2 19 „ „ . . = 38
6 21 „ „ . . = 126
3 22 „ „ . . = 66
3 23 „ „ . . = 69
195 ' 1285
Die blauen Frühlingsa Du schönes Fischermädc Ich stand in duiiklen T Ich will meine Seele t Wenn ich in deine Ang Und wüßtens die Bluu Im ivunderschöuen Mo Ich hab im Traum ge> Es ivar ein alter Köui Mädcheti mit dem rote Ein Fichteubauui steht Leise zieht durch mein Du bist wie eine Bluu
Chor, 252 als Männerchor, 34 tarnen. Bon den 246 Dichtungen
195 1285
3 24 mal vertont . . — 72
4 25 . = 100
3 26 „ „ . . = 78
4 28 „ „ . . = 112
129 „ „ . . - 29
2 31 „ „ . . = 62
1 32 „ „ . . = 32
1 33 „ „ . . = 33
3 34 „ „ . . = 102
137 „ „ . . = 37
2 40 „ „ . . = 80
1 41 „ ,, • • = 41
1 42 „ „ . . = 42
1 50 „ „ . . = 50
3 51 „ „ . . = 153
1 52 „ „ . . = 52
156 „ „ . . - 56
2 57 „ „ . . = 114
1 59 „ „ . . — o9
1 60 „ „ . . = oO
1 64 „ „ . . = 64
233
weit ........ 66
Heu..... 67
räumen ...... 67
aucheii....... 67
en seh' ....... 78
en, die kleinen .... 91
uat Mai ...... 94
veiitct ...... 99
3......... 103
t Mündchen ..... 105
einsam ....... 130
Gemüt ....... 145
IC • 244
4069
„Du bist wie eine Blume" ist 217mal einstimmig komponiert, 9 mal als Duett, 3 mal als gemischter Chor, 13 mal als Männerchor und 2 mal als Frauenchor. .
Die größte Anzahl an Vertonung erfuhren als Ernst r m m r- g e s L i e d das Gedicht „D n b i st w i c c i n e B l u m e" mit 21 <; als Duett „Du bist wie eine Blume" und „Leise zieht durch mein Gemüt" je 9 mal; als G c m i s ch t c r C h o r , toiefcer „Leye zieht durch mein Gemüt" mit 10, als M ü nner ch o r „Mädchen mit dem roten Mündchen" mit 20, und als Frauen cho r „Die Lotosblume ängstigt sich" mit 5 Kompositionen.
Außer Heine ist es nur noch einem Dichter vergönnt, eine so gewaltige Zahl wie „Du bist wie eine Blume" zu erreichen; das ist N. Lenau, dessen Dichtung „D i e B i t t c: W c i l a u f mir du d un klc s A u g e" 243 Vertoner fand, 204 einstimmige Lieder, 7 Duette, 8 gemischte Chöre, 24 Müunerchöre. Alle angeführten Zahlen beziehen sich, wie ich schließlich noch hinzu- fügen muß, auf gedruckte Kompositionen; Was alles noch un- gedr nckt mit Aussicht oder hoffnungslos der erlös enden Druckerschwärze wartet, was in Mappen versteckt, cm Schreibtisch vergessen in den verflossenen Jahrzehnten geschaffen, das entzieht sich jeder Schätzung; deren Anzahl auch nur zu ahnen, ist fein Mensch imstande. Die Zeit schreitet fort nnb nut ihr die Schreiblust, daher sind auck, wenn meine Skizze tut Druck vor- liegen wird, alle darin aufgeführteir Zahlen bereits wieder rückständig geworden.
Erwiderung.
In dem Familienblatt Nr. 53 zum Gieß. An z. hat der Pfarrer Sch. einen Artikel über „Einfluß der Musik auf den krauken Körper" veröffcntlillst und am Schluß der durchaus interessantcu Abhandlimg unter Nennung meines Namen» das von mir in bem Eingesandt m Nr. 4/ des Gieß. Anz. vo n 24 Febt. a. c. ungezogene Sprichwort „Werzuletzt lackt lacht am besteii" in einer Form und völlig den sinn entstellenden Weise angeführt, tvelche mich zu dieser Erwiderung resp. Rlchtrg- stelluna zwingt. Der Satz war von mir in einer Fassung gebraucht, welche'sür jeden logisch D enkend enZeinen Irrtum und eine ^Auffassung gleich derjenigen des Herrn sck willst von voru- herein ausschließt. Ick glaube allgemein verständlich ausgefuhtt zu haben, daß sich m. E. die betr. 5 Herwen (es handelt sich um den Aufruf der 5 Studenten) durch ihre Handlungsweise Nicht haben lächerlich machen können und daß totr öreibmjer bie Weiterentwicklung unserer sacke ruhig der Zukunft tiberlassen. „Wer zuletzt lacht, lackt am besten" tont von mit tn bem sinne gebraucht, daß, nackdem die Aufklärung weiter nm sich gegriffen haben wird, spätere Generationen über die heute noch wcstvcr- breitete dogmatische Lehre läckeln werden, gerade, so, tote imr heute den im Mittelalter auf der Bildfläche getoesenen Aberglauben an Hexen, böse Geister, Gnomen, Nixen usw. belächeln.


