Ausgabe 
12.5.1906
 
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rechts und links zu sehen, ihres Weges. Mir zuweilen fesselte irgend eine Schaufensterauslage ihren sinnenden Blick.

Plötzlich ging eine Bewegung fast wie ein schelmisches Aufleuchten über ihre schönen Züge. Sie überlegte einen Moment.

Tann benutzte sie rasch eilte Lücke in dem Wagengewirr der Straße, nm auf die andere Seite herüber zu gelangen, dort führten sie wenige Schritte bis an ihr Ziel, eines der Schaufenster des großen Tietzheimschen Warenhauses. Ein innerliches Zittern durchbebt sie, da sie äußerlich ruhig auf die Auslage desselben blickt ihrer eigenen Hände Arbeit. Noch nie hat sie sich hierher gewagt. Sie besitzt eine krank­hafte Scheu davor, Zeugin zu sein, wie ihre dilettanten- haften Leistungen der Kritik der ganzen Welt ausgesetzt sind, eine kindische Angst, sie könne sich dem Publikum als Schöpferin derselben verraten.

In ihrer heutigen Stimmung aber fühlt sie nur eine gewiß amüsante Neugier, ob sie wohl irgend welche Urteile über ihr Können hören wird. Ta sind auch schon die ersten. Zwei Backsischchen in losen blauen Sackjacken und gleiche- farbigen Matrosenmützen auf gelöstem braunem und blon­dem Haar ergehen sich in Ausdrücken des Entzückens, an denen die Sprache halbwüchsiger Mädchen so überreich zu sein pflegt. Ihr Geschmack stimmt jedoch nicht überein. Während das lebhafte, braunlockige Ting die von gelblich weißer Seide in modern stilisierter Anordnung sich wunder­bar effektvoll abhebenden Mohnblütenstengel inmitten eines grüngoldenen Ofenschirmgestells geradezuzum Küssen schön" findet, gibt. die kleine Blonde unbedingt einem mit kleinen Säulchen verzierten rotlackierten Bordbrett den Vor- S. dessen Einlage einen flott hingeworfenen Zweig weißer rosa Akazienblütentrauben zeigt.

Andere verdrängen sie, eine elegante Tante, von einem 'Diener gefolgt, die Schildpattlorgnette vor den hochmütigen blassen Augen, tritt nach kürzer Musterung in das Kauf­haus ein. Tort wird sie vielleicht eine ihrer Malereien kaufen, denkt Ruth, und alsselbstgemachte Arbeit" ver­schenken, sich dafür bewundern und die Hände küssen lassen.

Ruth will sich zum Gehen wenden. Ta schlägt eine Männerstimme an ihr Ohr, ein solch klangvolles, bestechen­des Organ, das ihren Fuß an dem Boden wurzeln ließ, selbst wenn die Worte, die es durchklingt, nicht ihren Ar­beiten gälten und ein Interesse daran verrieten, das nicht erst von heute datiert.

Donnerwetter, sie war fleißig, unsere Kollegin, ich könnte sie beneiden um diese eminente Arbeitskraft, wenn ich sie nicht aus anderen Gründen bedauern müßte."

Ruth hält förmlich den Atem an vor unbestimmter, zitternder Angst. Vorsichtig hebt sie sich auf den Fußspitzen und lugt über den unförmigen Federhut der behäbigen Bürgersfrau, die, Kunstverständnis heuchelnd, seit einem Weilchen neben ihr steht.

Ohne daß er es bemerkt, kann sie dem Sprecher gerade ins Gesicht sehen. Kein schönes, aber jedenfalls ein fesseln­des Männergesicht von slavischem Typus, zwei Züge darin vorherrschendOgroße Energie und große Leidenschaft, trotz­dem die dunklen Augen verrieten, daß ihr Besitzer melan­cholischen Stimmungen unterworfen war. Ein dunkler, am Kinn spitz zugestutzter Vollbart ließ ihn wohl älter erscheinen, als er sein mochte, wenigstens schien Ruth die obere Partie seines Gesichts noch jugendlich, wie die eines kaum dreißig­jährigen Mannes. Daß er nebenbei Spuren eines sehr flotten Lebens in seinen Zügen trug, entging den arglosen Mädchenaugen.

Von dem Herrn, mit dem er spricht, kann sie nichts als einen bräunlichen Schlapphut erspähen.

Was bedauern?" spöttelt der geringschätzig,dem Frauenzimmer ist wahrscheinlich viel Wohler als mir, die verkauft in einem Monat mehr Bilder, als wir beide zu­sammen!" setzt er mit leisem Gekicher über den vermeint­lichen guten Witz hinzu.

Des Anderen. Augen haften aufmerksam auf einer Kreidezeichnung, zu der Suse ihr gesessen hat, mit ent­blößtem Hals und offenem, wirrem Haavgelock, die ver­körperte, lebenslustige Jugend/

Er tritt ein wenig znr Seite, kneift die Augen zu­sammen und spricht dann weiter:

Sie hat entschieden Talent für das Porträt ich wette, das Original dieser Zeichnung läuft in Berlin herum aber es fehlt überall der letzte Schliff. Ter Ausdruck

des Gesichts brillant, aber der Kopf verzeichnet. Schade um sie, ei» halbes Jahr tüchtigen Unterricht und sie sticht inanchen von uns aus."

Ach was, seien wir froh, daß sie uns keine Konkurrenz macht!" klang die lachende Stimme des Anderen wieder, wenn ich noch wüßt, wer sie ist, so interessiert mich ihre Klexerei blutwenig. Ich verntute stark, sie entstammt der sogenannten besten Gesellschaft, in der für Geld arbeiten gleichbedeutend ist mit Schande wahrscheinlich ein ver­schrobenes, alterndes Mädchen."

Des Mannes Augen flammten auf, wie magnetisch an- gezogen fiel sein Blick in Ruths forschend ans ihn gerichtete Augen.

Nein!" sagte er bestimmt, das erblassende Mädchen­gesicht scharf fixierend,sie muß jung sein und schön."

Und Deine Schülerin! Nicht? Das würde Dir so passen, mein Freund. Aber jetzt en avant Tu weißt, die süße Lora wartet nicht gern."

Und er schob seinen Arm in den des ihn weit über­ragenden Freundes und zwang ihn zum Weitergehen.

Ruth hatte nicht gewagt, noch einmal aufzusehen, die lähmende Angst vor einer Entdeckung ließ sie wie erstarrt erscheinen.

Die behäbige Bürgersfrau neben ihr ereiferte sich kopf­schüttelnd:

Gott, nee, was für ein leichtsinniges Volk sind diese Künstler!"

Und sie sah auf das schöne, ernste Mädchen, als er­warte sie eilte entrüstete Zustimmung.

Aber Ruth Meridies ging nicht darauf ein. Ein hoch­mütig abweisender Blick streifte die dicke Sittenrichterin, dann schlüpfte sie an ihr vorbei, nm endlich auch den Heimweg anzutreten. Ein Blick aus die kleine, goldene Uhr überzeugte sie davon, daß es nahe an sechs Uhr war. Sie mußte sich beeilen, um vor dem Abendbrot noch mit Walter arbeiten zu können.

Im Moment ist die Erregung, in die des jugendlichen Malers Worte sie versetzt haben, zurückgedrängt durch die unliebsame Entdeckung, tote arg sie sich verspätet hatte. Rasch eilt sie vorwärts.

Plötzlich schießt helle Glut in ihre blassen Wangen. Da sind die beiden Herren wieder. Langsam schlendern sie dicht vor ihr den Fußsteig entlang. Sie kann sich nicht ent­schließen, an ihnen vorbeizugehen, sie denkt immer wieder an den in Bewunderung aufleuchtenden Blick, der wie in unbewußter Ahnung auf ihr geruht hat. Irgend etwas in ihr lehnt sich auf gegen diesen Blick. Trotzdem kann sie nicht umhin, die Erscheinung ihres unbekannten Gönners genauer zu betrachten.

Sie konstatiert, daß er sich sehr nachlässig hält und daß sein dunkles Haar am Hinterkopf schon grau gesprenkelt ist. Sein Anzug ist der gutsitzende, elegante eines Mannes von Welt, der es verschmäht, den Künstler in den Vordergrund zu schieben.

Die Erinnerung an seine letzten Worte setzt ihr Herz in rascheren Schlag. Längst begrabene Hoffnungen steigen vor ihr auf, gestorbene Wünsche erwachen zu neuem Leben. Eine ganz heiße, unvernünftige Sehnsucht ist in ihr, wie in den Tagen ihres ehrgeizigsten Strebens.

Und als der Mann, der die alte Flamme in ihr ent­facht, nun mit seinem Gefährten in die Friedrichstraße ein­biegt und in wenigen Sekunden schon von der Menschen­woge fortgerissen ist, als wäre er nie gewesen, da überkommt sie's, als entschwinde mit ihm ihr letztes Hoffen auf eine freiere, beglückende Zukunft.

Dann lächelte sie bitter. Wie konnte sie auch so ver­messen sein, für sich einen Weg zur Höhe zu erträumen? Ihr Schicksal war ihr ja doch vorgezeichnet seit langem. Sie gehörte zu denen, die am Boden kriechen müssen» weil ihre Flügel, frühzeitig gestutzt, nicht groß genug sind, sie emporzutragen. Eine entsetzliche innere Müdigkeit beschleicht sie, rieselt durch ihre Glieder und versetzt sie in einen Zu­stand körperlicher Ermattung.

Die linde Frühlingsluft erscheint ihr jetzt verweichelud und erschlaffend. Sie steigt an der nächsten Haltestelle in eine Elektrische und fährt bis an ihre Straße.

Als sie die Treppen des großen Mietshauses emporsteigt,