1906
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Mittellose Mädchen.
Roman von H, Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Du kailnst dann Deiner Schwester büdi wenigstens sagen, daß Tu inich. wiedergesehen hast, daß tch in Berlin bin!" meinte er sichtlich erleichtert. Trotzdem Ruth ihm fremd war, hatte er doch einen gewiß ehrerbietigen Respekt Vor dieser ernsten, verständigen Schiwester seines Wildfangs und daß sie von Suse hintergangen wurde, empfand er am drückendsten. Biel mehr als Suse.
Tie war gar nicht so entzückt von den: Gedanken, Trau-- aendorfs Wiederfinden melden zu können. Sie hatte sich chon so gut in ihre Rolle, zu Hause die Unbefangene zu pielen, gefunden.
„Tu wirst sehen, da verrat ich mich!" sagte sie mit schmollenden Lippen, „Ruth hat so eine Art, einen anzusehen, wenn man ihr was erzählt, die bringt mich bestimmt aus der Fassung."
Er umschlang sie lachend.
„Tu schaust mir gar net so aus, kleiner Frechdachs, als ob Dich so leicht etwas aus der Fassung bringen könnte."
„Na, warte, Tu schlechter Kerl."
Sie erwischte ihn beim Kopf und-küßte ihn derart ungestüm, daß sein tadelloser Scheitel hinterher klägliche aussah.
In: stillen gab sie ihm recht. Sie war eigentlich eine schreckliche Range geworden in ihrem Liebesglück. Sie hatte setzt wieder so viel Sinn für die Komik des Lebens, wehrte mit Geschick alles Unangenehme und Traurige von sich ab und zog selbst die Misere daheim ins Lächerliche.
Daneben entwickelte sie mehr aus Uebermut, als aus innerster Ueberzeugnng bei Gelegenheit so leichtfertige Lebensansichten, daß sie Ruth fast zur Verzweiflung damit brachte.
Auch schwor sie zur roten Fahne der Sozialdemokratie und unterstützte mit ihren diesbezüglichen oft recht kindischen Redereien die aufrührerischen Ideen, die Heinz seit frühester Kindheit mit sich herumtrug. Tie beiden waren trotz kleiner Reibereien doch ein Herz und eine Seele. Auch Walter fühlte sich neuerdings mehr zu Suse hingezogen, die jetzt unmer lustig war, sich mit ihn: herumbalgte und die Ungezogenheiten, welche die Großstadtkameraden ihm bei? brachten, belachte. Allerlei schnoddrige Berliner Redens- ärten und kecke Gassenhauer waren ihm bald geläufiger als lateinische Verbas und Konjugationen und Ruth, die sich wertvoller Arbeitszeit beraubte, um mit ihm zu lernen und seine Arbeiten durchzusehen, fühlte mit wahrem Grauen, wie auch ihr Liebling ihrer strengen Zucht entwuchs) Sie kam sich oft wie eine Fremde vor unter den Geschwistern, an denen sie doch mit aufopfernder Liebe hing. Und die Verantwortung, lvelche sie mit ihrer Erziehung übernommen, lastete mit einer Wucht auf ihr-,, unter der sie zu erliegen
) drohte. Sie dachte oft daran, die Hilfe des Vormunds anzurufen, aber Justizrat Wettenberg war weit und er ivar ein alter Mann. So biß. sie die Zähne zusammen und verkämpfte ihren Aerger und ihre Sorgen allein.
Mählich aber schlich eine große Bitterkeit fitfy vergiftend in ihre stolze, mutige Seele.
Sie sah das leichtherzige in den Tag hineinleben der Geschwister und in ihr bäumte sich etwas dagegen auf, ihr ganzes Leben und ihre Kraft in der Arbeit?tretmühle des Erwerbs für die Ihren zu opfern. Denn sie bestritt in weitaus größtem Maße die Ausgaben des kleinen Haus-! Halles.
Mit dem Frühling, der nun in weichem, ermattenden Hauch durch die Straßen der Großstadt zog, erwachten aufrührerische, unzufriedene Gedanken in ihr, die wie ein zehrendes Feuer durch ihre Adern zu schleichen begannen. Dabei fühlte sie sich oft matt zum Umsinken. Die Geheim-, rätin, der ihr müdes, gedrücktes Wesen anfsiel, riet zu mehr Bewegung tat Freien.
„Tu bist einfach bleichsüchtig, «teilt Kind, im Frühjahr sind alle jungen Mädchen bleichsüchtig."
Ruth lächelte schwach, aber sie sah selbst ein/ daß sie) sich anfraffen mußte. So bezwang sie ihren Widerwillen) gegen das lebhafte Straßenireiben der Großstadt und ging öfter irgend welche Besorgungen machen, die sie sonst Suse) überlassen hatte.
Bon einem solchen Gange kam sie eines Nachmittags die Leipziger Straße entlang. Um sie wogte und hastete; der Strout eiliger Menschen, die Lust wehte lind und) schmeichlerisch und an den Straßenecken wurden dm) Passanten die ersten Veilchen angeboten, duftlose, kümmerliche Veilchen, noch im Frost und Schatten des Winters) erblüht, den blassen, verhungerten Großstadtkindern ähnlich^ die sie zudringlich und eintönig anpriesen.
Am Himmel stand eine strahlende, siegessreudige Sonuei und schaute befriedigt auf ihr Werk, in der Natur und im) Menschenherzen frischgrüne Triebe, drängende Schaffens-- freude geweckt zu haben.
Auch Ruth Merfdies konnte sich dem Zauber dieses wonnigen Vorfrühlingstages nicht verschließen. Ihr war so) frei und leicht zu Mut, sie wußte nicht recht, warum —। die Menschen, die an ihr vorüberstreiften, betrachtetest sie) aufmerksam und drehten sich wohl auch, Bewunderung im) Blick, nach ihr um, wie sie rasch und elastisch dahinschritt,- die schlanke, wunderbar ebenmäßige Gestalt von einem einfachen, dunkelgrauen Kostüm knapp umschlossen, den Kopf mit dem klassisch schönen, rosig überhauchten Gesicht so stolz in den Nacken gebogen, als ziere das schsichte, schwarze Haar eine Königskrone statt des schmucklosen grauen Filz- Hütchens.
Sie bemerkte die Aufmerksautkeitt, die man ihr schenkte, nicht, denn sie dachte gar nicht daran, daß sie bewundert werden könnte, dazu war sie viel zu ernst, zu sehr jeder Neigung für Has Aeußerliche bar, sie ging ruhig) ohne naM


