Ausgabe 
12.3.1906
 
Einzelbild herunterladen

161

Lauf bet Welt ewig derselbe bleibt. Ich' fahre feit mm zwanzig Jahren fast jedes Iaht von Hamburg aus durch schleSwig-hol- steinisches Land und behaupte, daß der äußere Fortschritt dort Oben, Wie im übrigen Deutschland, mit den Händen zu greifen ist. Frenssen sieht alles schwatz: Die Hilligenleier Jünglinge sind entweder durch wildes Meipenleben körperlich heruntergekom­men! oder sie sind Phantasten, oder sie sinnen auf Geldheiraten, die Alten sitzen am Biertisch und erzählen faule Anekdoten, womit sie die Jugend verderben; die Jungfrauen bekommen infolgedessen Teilte Männer, ihre Kinder schlafen in ihrem Schoß, wie Freufsen sich ausdrückt, die bürgerliche Sitte, die große Mörderin, mordet ihnen die Jugend. Daun wird von einem Domklub berichtet, wo Geschichten von Hausmäusen erzählt werden und der WitzUnsere Zukuust liegt im Wasser" umgeht, natürlich auch Zoten erzählt wer­den. Die Handwerker werden folgendermaßen charakterisiert:Wenn Du etwas bei ihm (bem Tischler) bestellst, so bekommst Du im besten Fall nach einigen Monaten etwas anderes, als was Du gewollt hasstees ist nichts mit den Handwerkern, es sitzt kein Vorwärtswollen in ihnen"wenn ihnen einmal die ganze Möglichkeit ihres jämmerlichen Lebens dumpf dämmert, dann berufen sie eine Sitzung der Schweinegilde oder der Totenznnst und fahren gar wild gegeneinander an intb beleidigen sich." Neben dem überall vorhandenen Menschlichen, Allznmeuschlichcn über­sieht Frenssen die wirklich wirksamen Mäste: Ich stamme ans diesem schleswig-holsteinischen Handwerkerstand (Wie Frenssen selbst übrigens auch), und ich kann nicht anders, als der Wahrheit gemäß sagen, daß mir von Jugend auf eine Menge strebsamer, tüchtiger Männer in ihm entgegengetreten sind. Und die jetzige junge Generation ist vielleicht die tüchtigste von allen, hat aller­dings schwer zn kämpfen.Das ist die Bürgerschaft von Hilligen- lei! Eine Herde von Narren und giitmütigen Schlafmützen", lautet es bei Frenssen. Selbst die Arbeiter, dieam ehesten stolze, wache Menschen sein könnten, denn sie haben ein Hohes, ideales Ziel", kriegen ihr Teil ab:In keinem Stand ist mehr Neid, als unter den Arbeitern." Ich zweifle natürlich nicht, daß das, Was Frenssen gibt, die Eindrücke seiner langjährigen Seelsorgerschaft sind, aber daß er diese Eindrücke erhielt, lag, so behaupte ich, nicht bloß an den Verhältnissen, sondern -auch vor allem an ihm. lieber seine Stellung zu den sogenannten Honoratioren mag ich kaum reden: DenNarren von Bürger- . meister" haben wir schon gehabt, aber da ist noch ein Amtsrichter, der sich den ganzen Tag von Morgen bis Abend, ja selbst in der Unterhose, gegenwärtig hielt, daß er Reserve-Offizier war" (dieses Reserve-Offizier-Lächerlichmachen stand doch eigentlich vor etwa zwanzig Jahren auf dem Gipfel der Mode, siehe Sudermanns Ehre"), da ist ein erster Amtsrichter,der sich jeden Abend volltrauk und sein schönes und hohes Amt verlodderte", da ist ein Arzt,der seit seinem Examen niemals wieder in ein Buch seines Faches hinein gesehen hatte, ein ganz unbegabter, geistloser Mensch, aber mit einem sichern Maul", und der ganze Domklub treibt natürlich mit kindischen Stiftungen wie Bechern, Sammelbüchsen Asw. dummes Zeug. Nun weiß auch ich recht wohl, daß es solche Gebildete in Deutschland gibt, und will mich keineswegs zum Verteidiger des Stammtisches an und für sich aufwerfen, aber typisch sind der versoffene Amtsrichter und der maulfertige faule Arzt in Deutschland doch, Gott sei Dank, noch nicht, und es gibt doch auch Stammtische genug, wo nicht getrunken und gezotet, sondern nach guter deutscher Weise gemütlich geredet und oft auch Tieferes behandelt wird. Frenssen läßt in seinem Märchen den lieben Gott sagen:Es ist ein Geguark und Geauüse mit den Menschen! Sie quarken und qnäfen und richten und richten. Sie sind unglaubliche Besserwisser und Nörgelpeter!" Frenssens eigenes Bild von Hilligenlei aber beruht in der Hauptsache eben an' fNörgelpeterei und Schlimmerem. Ganz genau stimmen denn auch seine politischen Ansehaunngen zu dem Zerrbilde, das er vom Bürgertum gibt.Diese gewaltige wirtschaftliche Wand­lung in diesen dreißig Jahren! Ostelbien zieht nach Berlin, Hamburg und Westfalen. Huuderttausende ziehen mit ihren Frauen und lieben Kindern von der Heimat fort, wo der Himmel weit ist und der Wind übers grüne Land weht, darum, weil sie in elender Landlosigkeit und Unterdrückung gehalten werden." Frenssen sollte sich einmal bei einem gewissen Wilhelm Hentschel, der ein BuchVaruna" geschrieben und aus seinem eigenen Gut Koloni- sationsvcrsuche gemacht hat, erkundigen, was in der Tat die Motive der Landflucht sind. Vielleicht könnte ihm auch die Ausiedluugs^ Wmimssron über manches ein Licht aufstecken. Daß er das Polen- ium des Ostens unterschiedslos mit dem Deutschtum znsammen- tvcrst, sei nur so nebenbei bemerkt.Es geht, wie alle hundert Bahre , heißt es dann weiter,eine Zeit der Unruhe durchs Bolt, em Fieber, aber ein Fieber zur Genesung. Altes und Fanles wnd^ im fiebernden Blut verzehrt und ausgeschieden. Neues und starkes und Frisches will werden. ES geht wieder ein «ebnen durch unser Volk, die drei gewaltigen Mächte, die es aus sich lelbst erzeugt, die Obrigkeit, die Religion und die Sitte, W veriungen. Es geht ein Wille und Wunsch durchs Volk, zur Natur zu kommen: zu einer schlichten, schönen Religion, zur sozialen Gerechtigkeit, zn einem einfachen, edlen, germanischen Menschentum. Und sieh: die Verjüngung und Erneuerung hat schon anaesetzt. Hier und da arbeiten und jubeln schon neue Krjafte. Viele Tausende sagen, sie sehen schon heiliges Land. Wie wird ist der Bibel geforscht! Wie Mrfer rührt sich die Re-

gkerustg l Wie wehest di« Föhnen bet Arbeiter! Welch ein Lebest ist Kunst und Erziehung! Aber es ist doch nich ein schweres Wühlen und Wirren. Und es packt einen zuweilen die Angst, daß wir doch den neuen Weg und das neue, schöne Land der Zu­kunft nicht finden, und das Suchen wieder aufgeben und in dest alten, starren Formen bleiben. Und wenn das geschähe, wäre es mit uns und unserer Zukunft vorbei." Ich bitte diese Sätze genau anzusehen, sie sind nämlich alle weiter nichts als Phrasen.Wie tapfer rührt sich die Regierung, wie wehen die Fahnen der Arbeiter!" Schon die Zusammenstellung! Weiß Frenssen denn nicht, daß unsere Regierung auch aus den Kreisen hervorgeht, die den armen Ostelbiern fein Land geben und die am Stammtisch nach seiner Ansicht nur Zoten reißen? Woher stammt denn dies tapfere Rühren? Und die Fahnen der Arbeiter? Wahrscheinlich läßt sie der Neid wehen, die Frenssen bei ihnen konstatiert. Und das Leben in Kunst und Erziehung? Ja, experimentiert wird genug, und wortreiche Schwärmer gibt'Zi auch in Unmasse, aber dabei ist nicht einmal das deutsche Theater deutsch, die dekadente und unsittliche Literatur ist ärger als zu irgend einer früheren Zeit (denn früher war mau wohl auch frivol und gemein, jetzt aber ist man pervers!), und die Volkskraft nimmt von Jahr zu Jahr nachweislich ab. Es geht ein Sehnen und Suchen durch unsere Zeit, ganz gewiß, aber sich selbst, sein Deutschtum will unser Volk wiederfinden, das ihm durch eben die Möchte, mit denen Frenssen sympathisiert, verdorben ober verleumdet worden ist. Die alten starren Formen, wen genieren sie denn noch? Daß der deutsche Geist aus unserem Leben entschwuiideir ist, das ist das Schlimme Frenssen und seinesgleichen werden ihn aber schwerlich wiederbringen, sie sind internationale Europäer, und mögen sie zehnmal vom einfachen, edlen, germanischen Menschentum reden.

Man kann ganz einfach sagen, Frenssen ist Naumanuianer, genau so ideenlos und genau so konfus, wie der Meister selbst ich habe dessenDemokratie und Kaisertum" neuerdings genau studiert und weiß, waS ich sage (will aber hier natürlich nicht gegen den immerhin ehrlichen Politiker, an den ich auch selbst vor Jahren geglaubt habe, Stimmung machen). Da wird der Heldenmut unserer westafrikanischen Stieger gepriesen aber das deutsche Bürgertum Narren und Schlafmützen und die Adligen Unterdrücker gescholten usw. usw. nach beliebter Manier. Sehr deutlich wird die Unklarheit Frenssens besonders auch auf sitt­lichem Gebiete: Er ist ein mächtiger Vorkämpfer der durch das falsche Christentum unterdrückten Sinnlichkeit, der gesunden und starken natürlich, überall in seinem Buche regen sich die weib­lichenGlieder" wieder in ihrer ganzen Schönheit. Aufrichtigj gestanden, mir ist sehr unheimlich dabei zu Mute, obschon ich nicht eben prüde bin. Ich habe mir die Charakteristik der weiß* sich en Gestalten Frenssens bis hierher aufgespart. Es sind zwei Schwestern, Anna und Hemke Boje, die da hauptsächlich in Be­tracht kommen, beides Vollnaturen, Edelblut nach des Dichters! Darstellung. Wer Anna Boje laßt sich in ein Verchaltnis mit einem (völlig im Dunkel bleibenden) verheirateten Mamie ein, der sein Liebesgestöndnis durch das Wort:Weißt du, daß ich durch dein Kleid deine süßen Glieder sehe" einleitet, und dann geht es sieben niiheisige, nein, heilige Wochen, sagt Frenssen, Weiter, und die geheime Liebe zu Pe Ontjes wird dadurch nicht weiter gestört, er wird auch genommen. Da sitzt dann Ann« Boje,die das stille, edle Gesicht hatte und die schönen reinen Augen", und badet sich und freut sich ihres Körpers und. ist guter Dinge:Wem bin ich Rechenschaft schuldig über das, was ich mit meinem Leib gemacht Habe? Habe ich ihn eruiebrltgt? Habe ich ihn schmutzig gemacht? Habe ich etwas Unnatürliches oder Unreines getan? Ich bin darob guter Dinge." Und volle vier Seiten lang wird beschrieben, was' sie tut und denkt und was sie dann anzieht, das Unterhemd und das Leinenhemd und das Leibchen u|nb die zwei Paar Beinkleider. . . Hol's der Teufel, mir fällt dabei der selige Clauren ein, und ich glaube kaum, daß wir apif diesem Wege je zum einfachen, edlen, ger- manischen Menschentum gelangen. Heiuke Boje wird zwischen zwei Liebhaber, die sie beide liebt gestellt, und wenn es auch ohne eigentliches Verfehlen abgeht, es ist doch eine für mein Ge­fühl abscheulicheMnschelei" mit Küssen undder arme, liebe, der süße Mensch" da, die einem zuletzt geradezu eklig wird. Andere mögen anders empfinden. Jedenfalls schwört Frenssen zu dem modernen Evangelium, das da sagt:Folge der Natur, d. h. deinem Fleische! Fällst du, so hast du recht getan." Früher hieß es:Bezwinge dein Fleisch! Fällst du aber doch, so werden wir dich nach Kräften entschuldigen, dich nicht ohne weiteres! verdammen." Ich meine, das alte Evangelium wäre für uns immer noch gut genug.

Bartels' Schlußurteil lautet:

Doch, ich wiederhole es, die Abrechnung mit demRefor­mator" Frenssen überlasse ich andern, ich habe es nur mit dem! Dichter zu tun und der Hat mir nie imponieren können. Es werden ja viele, die meine Kritik lesen, sagen: Ja, es ist aber! doch viel Schönes in seinen Büchern. Gewiß, ich bestreite es nicht: Man backt in meiner Heimat ein Weißbrot mit Rosinen, und Rosinen sind eine schöne Sache was helfen sie mir aber, wenn das Brot selber nichts taugt? Und das Brot taugt nichts bei Frenssen, ganz abgesehen davon, daß die Rosinen vielfach zuletzt eben auch nicht seine Rosinen sind, sondern zum Teil