und sich so lange seiner geliebten Genealogie mit Eifer in die Arme zn werfen, bis sich vielleicht ein passender Posten in der Umgebung der Allerhöchsten Herrschaften für ihn fand. Er war in greulicher Stimmung. Er überlegte, Ivie beruhigend das sein müsse, wenn er nun nach Hause käme, bei flackerndem Kaminfeuer den Tisch gedeckt fände und seinem Weibchen das Herz ausschütten, mit ihr beplauderu könnte, was werden solle, und was am besten zu tun sei . . . Es strich wie ein Heister Wind durch seine Seele. Die Entfremdung stieg zwischen ihm und Freda, das spürte er wohl. Sie stieg gleich einer Mauer von Eisschollen, und es wehte fröstelnd zwischen den beiden. Er hatte sie geheiratet, weil ihre geschlossene Krone seiner törichten Eitelkeit schmeichelte; er liebte sie auch auf seine Art, soweit sein in Selbstsucht verknöchertes Herz der Liebe fähig war. Er bildete sich ein, gut an ihr zu tun, wenn er sie „sich erziehe"; daß er sie gar nicht verstand, daß sein brutaler Egoismus und seine unsagbar kleinliche Engherzigkeit ihr fröhliches Gemüt und ihr harmlos natürliches Empfinden hart abstoßeu mußte, das wußte er nicht und würde es auch nie zugegeben haben.
Nachträglich tat es ihm doch leid, daß er ihr heute verweigert hatte, der Eröffnung des Prinz Ferdinand- Theaters beizuwohnen. Sie wollte in irgend einem Logenwinkel still sitzen bleiben. Aber er fürchtete ein Zusammentreffen mit Heros, fürchtete auch, die Prinzessin könne sie sehen und spitze Bemerkungen machen. Er hatte genug davon. Er kannte die mokante Art seiner gnädigsten Herrin; seil Freda sich einmal in ihrer Gegenwart sehr ungeniert über den Unterschied zwischen Frömmigkeit und Frömmelei geäußert hatte, war die Gattin des Hofmar- fthalls offiziell und offiziös bei ihr in Ungnade gefallen. Frehlinghaus hatte seiner Frau damals eine wütende Szene über ihre „unerhörte Taktlosigkeit" gemacht; sie hatte sie ruhig vorübergehen lassen und war über die Ungnade glücklich.
Der Graf war vor feinem Hause angelangt. Ein leichtes Frösteln überschlich ihn. Oben erwartete ihn nur der Kinn- I Verdiener. Seine Frau schlief gewöhnlich schon, wenn er des ! Abends heimkehrte — oder aber die Zofe mußte dies dem Kammerdiener zur Berichterstattung an den Herrn Grafen Melden. Seine Eifersucht war immer noch wach> wenn er sich auch selbst sagte, daß sie grundlos sei. In einer häß- Men Aufwallung hatte er einmal Befehl gegeben, Freda heimlich zu überwacheu; selbst ihre Korrespondenz kontrollierte er. Aber er fand nichts, was seinen Argwohn hatte erregen können. Und dennoch traute er Freda nicht. Daß sie seelisch so ein ganz anderes Leben führte als er: das war es, was ihn beständig auf der Hut sein liest...,
Der Portier erwartete ihn und gab das Signal für den Kammerdiener. Der stand schon oben vor der geöffneten Entreetür und hatte das elektrische Licht aufgedreht. Frehl- linghaus faßte an seinen Zylinder, „'n Abend, Elstermann. Was neues?"
„'fehlen, nein, Herr Graf." „Frau Gräfin schon im Bette?", Elstermann schaute bei dieser Frage erstaunt auf. Er unsicher. „Verzeihung, Herr Graf", sagte er; „gnädigste tfiau Gräfin sind ja doch zu Durchlaucht der Frau MnzessrnMutter gefahren —"
„Was?!" schrie Frehlinghaus -auf. Er bist sich auf die Zunge. Er Ivar sehr blaß geworden. „Schließ' ab", sagte er, „und komm' mit . . ." Er ging in fein Zimmer, zündele Uch mechanisch eine Zigarette an und warf sich vor dem Kamin in einen Fauteuil. „Wann sind die Frau Gräfin hbgereist, Elstermann?"
„Um acht Uhr, Herr Graf.",
„Mit vielem Gepäck?"
. . „Mit dem großen englischen Koffer und einigem Haud- tzepack, Herr Graf."
„Schläft die Zofe schon?"
»Tie Anna ist uiitgefahreu, Herr Graf."
Y<?tc 9.^ne des Mannes flogen auf ein an. bet'; feine Nägel frauten sich vor nervöser Erregung in die Ballen der Hand z fragte er n ^Tau Gräfin nichts für mich hinterlassen?" | ~ sagten, der Herr Gras wüßten Bescheid. I
©rau Gräfin hatten aber iioch eine Kleinigkeit vergessen i fitr beit Herrn Grafen notiert. Der Brief liegt auf i dem Nachttisch des Herrn Grafen..."
©rehlinghans erhob sich. Kr wußte genug. Freda war |
ihm durchgegangen — selbstverständlich zu ihm, zu Heros Arenstein . . . Aber nein: er hatte Heros ja heute abendi im Theater gesehen . . . Das konnte ein abgekartetes Spiel sein . . . Durchgegangeu! — Frehlinghaus wiederholte sich dies schreckliche Wort in Gedanken. Davongelaufen.... Ein belfernder, heiserer, unartikulierter Laut kam von seinen Lippen . . .
Dann warf er seine Zigarette in den Kamin. „Es ist gut, Elstermann", sagte er in mühsam erzwungener Ruhe; „Du tannft schlafen gehen, ich brauch' Dich nicht mehr . . ."i Er nickte. Der Diener schritt voran, die Lichter zu entzünden.. Er hörte, daß sich sein Herr im Schlafzimmer einschloß.
Der erste Blick des Grafen galt dem Briefe. Da lag er auf einem silbernen Teller. Frehlinghaus erkannte von; weitern das Papier seiner Iran und die Handschrift. Aber! er hatte seine Kaltblütigkeit zurückgefunden: er öffnete ihn noch nicht sogleich. Er tupfte sich den kalten Schweiß von der Stirn, trank ein Glas Fachinger, ging in das benachbarte Ankleideziniiuer und öffnete hier den Waffeuschrcmk. Das stand auch der Pistolenkasten. Frehlinghaus schloß ihn auf,, nahm eine der beiden Pistolen heraus und wog sie in der Hand. „Morgen!" sagte er laut, und sein Auge glänzte.
(Fortsetzung folgt.)
Gustav Jrcussens KiKigeuker.
„ Im „Künstwart" veröffentlicht Adolf Bartels eine eingehende Besprechung des neuen Frensfenfchen Roinans, der wir folgendes, entneljaneii:
Es ist klar, daß ein Roman, der auf das Leben wirken will — und das' will „Hilligcnlei" augenscheinlich und and) eingestandenermaßen —aus dem Leben fommcit must. Er must' ja eigentlich auch wirkliche Menschen haben, aber wenn denn die Gestaltungskraft bei einem Romanschrciber nicht genügt (Das hat Bartels bei Frenssen vorher nachgewicsen. D. R.), so kann doch immer noch eine klare Erkenntnis' da sein, die Verhältnisse richtig gibt und uns über sie und die Wege der Besserung auf» klärt. Wie steht es also in dieser Hinsicht mit „Hilligcnlei"? Was bedeutet der Roman, rein sozial gesehen? Leider must ich auch hier: Nichts! antworten. Ich habe bereits gesagt, daß man unter Hilligcnlei die schleswig-holsteinischen Städte Meldorf und Tönning ziemlich deutlich erkennen kann; aber davon sei abgesehen, ich will Hilligcnlei als die typische norddeutsche Kleinstadt nehmen — ach, was uns Frenssen als solche gibt, ist auch wieder nur Karikatur, ein Zerrbild. Er hat in seinem „Jörn Uhl" die Dithmarscher Bauern als im Untergang begriffen hingestellt — was ihn freilich nicht abhalt, in „Hilligcnlei" mit dem guten Blut der Bvjcs, die von den alten Geschlechtern der Tödicn und Bogdeuianucii . abstammen sollen, herumzurenommicren —> und nun kommen die Bürger der kleinen Städte von den Honoratioren bis zu den Handwerkern daran, nur für die Arbeiter hat er etwas übrig. Die herabzieheude Tendenz gegen das Bürger- tmn geht durch das ganze Buch, Hilligcnlei erscheint in mancher Beziehung als ein Seitenstück zu Seidwyla und als ein „schwarzes"' Seitenstück; denn bei der Darstellung der Leute aus Scldwyla überwiegt der Humor. Ich will das durch eine Reihe von Zitaten Nachweisen. Da heißt es im siebenten Kapitel: „Alle Hilligenleier sprechen vor lauter Wichtigkeit mit gehobenen Schultern und verengter Kehle"; da wird ein Bild von dem Zeitungsherausgeber! des Ortes entworfen — er soll sich für seine Anzeigen mit Eiern, Butter, Ferkeln, Kiuderkleiderii bezahlen lassen —, das zu den wirklichen Verhältnissen auch der kleinsten schleswig-holsteinischen Stadt keineswegs stimmt. Gewiß, die kleinen Lokalzeitungen in Deutschland lassen manches zu wünschen übrig, aber wenn Frenssen von „Verlogenheit und llnfinn" reden und auf ihren „Patriotismus, ihre Windbeuteleien, ihre Ueberschwtznglichkeiten" schelten läßt, so tut er doch Unrecht: Sie sind immer noch besser als die großstädtischen Sensationsblätter, da sie sich eben doch meist auf das bloße Nachrichtenbringcn beschränken und für die „Sensationen" nicht allzuviel Raum haben. Tas bißchen ungeschickter Hurrapatriotismus, das bisweilen vorkommt, hat die ruhigen! Leute dort im Norden bisher auch noch keineswegs verdorben., Natürlich kommt daun auch der Bürgermeister von Hilligcnlei daran, der als schöner Trottel hingestellt wird — im besonderen wird sein schöner, weicher Schnurrbart ausgenutzt, und als seine Herrlichkeit zusammenkracht, da ruft er aus: Schneid' mir den Bart ab, schneid' mir beit Bart ab! — „Er hatte wohl das Gefühl", erläutert Frenssen, „dast er au seinem Bart als an seiner Eitelkeit zugrunde gegangen War." Ist das nicht durchaus künstlich? Wie die Dinge jetzt überall in Deutschland liegen, muß auch der Bürgermeister einer kleinen Stadt tüchtig arbeiten, er kann sich gar nicht mehr gegen den Fortschritt stemmen; in der Tat sind auch die kleinen schleswig-holsteinischen Städte vielfach! musterhaft geleitet. Und es ist Leben in ihnen, seit 1870 sind ganze neue Stadtviertel entstanden, Handel, Verkehr, Industrie ruhen durchweg auf gesundem Boden, nämlich auf dem der großartigen schleswig-hvlstemischen Landwirtschaft; wenn ein«: mal ein Krach vorkommt, so zeugt das eben nur davon, daß dex.


