übersetzt sich sozusagen die Quintessenz ihres Seelenlebens in | die Erscheinung. Bei Agnes von Sorben konnte ein kluger Menschenkenner kaum irren. Sie hatte etwas Ausgeglichenes und Ruhiges. Tas war wohl nicht angeboren; es war viel­leicht erworben rind erkämpft. Aber es war unverkennbar. Jedes Hastige war ihr fremd. Eine gewisse entschlossene Festigkeit gab ihr Prägung. Sie machte den Eindruck, als habe sie sich durch viel Schwere« und Widerwärtiges zu eurer inneren Klarheit durchgeningen, die nun in allen ihren Neuste- rungen >n Wort uni) Tat und ihrem Eichgeben zu --rage trat, zu einer Harmonie der Geistesanlagen, die es ihr ermöglichte, sich in allen Lebenslagen zurecht zu finden. ,

Unwillkürlich teilte sich das Ruhige und Beruhigende ihres Wesens auch Hammer mit. Ihm war. als gleite eine sanfte kühle Hand über seine rebellischen Nerven. Sie war eigentlich nicht sein Geschmack. Das Pikante reizte ihn mehr, das Kecke, auch in der Uebertreibung. Aber sie gefiel ihm doch. Ihr Profil ivar regel mäßig und fein, die Nase außer­gewöhnlich schön; das schiicht gescheitelte Haar legte sich dun­kelblond über die freie Wölbung der Stirn. Noch dunkler schattiert waren die Brauen über den veilchenblauen Augen, deren Ausdruck ebenso wir der empfindliche Mnnd zuweilen der ruhigen Reise ihres Gehabens zu widersprechen schien. Lluch in ihrer Erscheinung lag diese Reife. Sie mochte An­fang der Zwanziger sein; doch die große volle Figur gab ihr etwas Frauliches.

hall- mit flinker Hand die letzten Blätter cingcreihi und ->,-oo |id) nun wieder.

Nichts weiter, Herr Baumeister?" fragte sie.

Er fuhr aus tiefem Sinnen auf.Was?--ah

nein nichts weiter--ich danke Ihnen, gnädiges

Fräulein--"

Sie schaute ihn bittend an.Nichtgnädiges", Herr Baumnster," sagte sie mit leichtem Lächeln.Ich bat schon einmal darum. Der Ausdruck ist schließlich nur eine land­läufige Wendung. Trotzdem. In meiner Stellung pardon, sie ist mir lieb, und ich bin froh, daß ich sie habe . . . aber immerhin: als Ihre Sekretärin kann ich nicht gnädig sein."

Doch", erwiderte Hammer. ,^Zum Beispiel. . . Eine Frage vorweg: was machen Eie jetzt?"

.Ich will nach Hause."

Nach der Frobeustrafle. Haben Sie ein gemütliches Zimmer?"

O ja. Mit alten Möbeln. Wer es ist recht behaglich."

Unb da essen Sie Abendbrot. Sie kaufen sich unter­wegs ein Viertelpfund Schinken, ein paar Scheiben Wurst, vielleicht ein paar Eier. Und daun kochen Sie sich Tee dazu."

Sie haben es erraten. Genau so mache ich es all- alleudlich. Mit entsprechender Abwechslung; aber die Varia­tion ist nicht groß. Nur der Tee steht immer als feste Säule auf dem Menü."

Und daun schmökern Sie."

Zuweilen. Zuweilen studiere ich auch. Tie. Geheim­nisse der doppelten Buchführung sind mir noch nicht ganz erschlossen. Aber ich hoffe, sie zu bewältigen. Auch die Knappheit des kaufmännischen Stils in Verbindung mit der ergebensten Wertschätzung will erlernt sein."

Nun stand auch Hammer auf.Jedenfalls sind Sie immer allein", sagte er.Oder haben Sie Verkehr?"

Fast gar keinen; absichtlich sehr wenig."

Hammer verbeugte sich.Sie sehen dies Kompliment, Fräulein von Sorben. Fassen Sie es als eine würdige und zeremonielle Einleitung zu dem auf, was kommen wird. Ich gebe mir hiermit di« Ehre, Sie feierlichst zum Weud- esseu einzuladen, und zwar zu jungem Huhn und ge- trüfseltem Risotto, ich glaube, man nennt in der Sprache der Gastrosophie diese köstliche Mengung ä la eipolata, und füge hinzu, daß Genoveva in solchen Gerichten Meisterin ist. . . Nun sehe ich, daß Sie sichtlich schwanken, ob Sie meine Einladung auuehmen sollen ooer nicht. Ich habe das erwartet, denn Sie sind ein junges Mädchen aus guter Familie, u-id ich biu em alter Junggeselle. Aber auch in dieser Hinsicht müssen Sie die Verhältnisse berücksichtigen öder besser gesagt den Einzelsaitl. Denken Sie, man böte Ihnen eine Stelle als Hausdame an, sei es bei einem armen Wit werb iei's. bei einem in Ehren angegraute Jung­

gesellen : würben Sie sich da scheuen, sie anzunehmen?"

Agnes war bei der Einladung leicht errötet, und etwas wie Verlegenheit überkam sie. Aber das ging im Augen­blick vorüber; sie fand sofort ihre ruhige Heiterkeit ivieder.

Ich würde sie annehmen, wenn fie mir zusagte", er­widerte sie;weun ich die Neberzeugung gewönnen hätte, es mit einem Ehrenmann zu tun zu haben . . . Herr Bau­meister, die armen Mädchen ,aus guter Familie' werdert- immer zahlreicher, und der Wettbewerb um eine auskömm­liche Stellung wird immer mehr erschwert. Da muß inan neben den großen Ansprüchen auch mancherlei von der anerzogenen Empfindung beiseite lassen. Tas ursprüngliche, Gefühl wird schließlich doch immer das Richtige treffen. Wir alleinstehenden Mädchen dürfen nicht mimosenhaft zittern; wir müssen tapser sein können: müssen vor allem ein starkes Selbstvertrauen besitzen, das uns auch gegen dis Möglichkeit unangenehmer Erfahrungen wappnet. Schon der reine Gedanke geistiger Kraft gibt uns einen gewissen Schutz."

So ist es", sagte Hammer, und sein Auge ruhte wohl- gefällig und nicht ohne Bewunderung auf dem jungen Mädchen.Und da ich nun Ihre Prinzipien kennen gelernt habe oder vielmehr Ihr Bestreben zu einer lebensvoller« Verwirklichung des Ihnen eigenen sittlichen Prinzips das ist gut ausgedrückt, uicht wahr? und es ist mcht mokant gemeint, sondern ganz ehrlich ernpsuuden da werden Sie auch meine Bitte mcht abschlagen, heute einmal mein kümmerliches Abendbrot zu teilen. . ."

Er verbeugte sich nochmals, und Fräulein von Sorbenj lachte.Das ist ivieder etwas anderes, Herr Baunicister. Wären Sie nicht Sie, dann würde ich jedenfalls dankend nein sagen. Nicht etwa der Menschen wegen, die vielleicht entrüstet den Kopf schütteln werden, wenn sie erfahren, daß wir gemeinsam Huhn <i la eipolata gegessen haben. Den Klatsch fürchte ich mcht. Wer es würde mir mcht passen. Doch ich nehme an, und da ist vielleicht viel Ein­bildung dabei, daß ich Ihnen wirklich eine Freude wachs, lucitii ich uicht ablehne"

Halt hol" rief der Baumeister.Ich bui zti einem Einwurf gezwungen. Keine Rede von Einbildung. Es ist mir wirklich eine große Freude, wenn Sie bleiben: cs ehrt mich auch. Es ist ganz gewiß eine Ehrung. Soll ich das detaillieren?" r .

Nein. Mso ich akzeptiere. Ich habe nur noch eins Bedingung. Ich niöchte Genoveva helfen; ich möchte selbst tu die Mysterien der Eipolata einzudringen versuchen. Ich stehe mich gut mit Ihrer Landgräfin. Wir sprechen zu- weilen italienisch miteinander: ich in schönstem Toskanisch und sie in mnbrischem Dialekt; da verstehen wir uns tue. Aber es erhöht den Reiz der Unterhaltung, wenn tou) schließlich zur Gestikulation Zuflucht nehmen."

Gehen Sie zu ihr", sagte Hammer Heller,und Horen, Sie, Fräulein von Sorben, noch eins: lassen Sie das Huhn, I verdoppeln. Ein ehrenwerter Baumeister soll immer zwer Hühner im Topfe haben. Ich werde mich inzwischen nach dem Getränk umtun. Zwar hatte ich Pschorrbräu befohlen; aber das mag bleiben. Ich habe noch Chianti nn Keller; der gehört zu dem Pranzo. . ."

So ging denn das Fräulein in die Küche, wo Genovevai die Hände vor Ueberraschnng zusammenschlug, während Kammer eine seltsame und höchst ungewohnte Beschäftigung zu entwickeln begann. Er deckte nämlich eigenhändig den Tisch im Eßzimmer, und zwar mit großer Eleganz, suchte ein paar kostbare alte Gläser hervor und Prachtstücke fernes! Porzellans, einen Tafelaufsatz aus Sevres, den er mit Rosen füllte, die er schleunigst voni Portier holen ließ, und nahm auch e in wertvolles Silberbesteck aus dem Schrank, das ihm Fridolin Weher nach dem Bau seiner Villa in besonderer, Verehrung dediziert hatte. Und dann ging er in den Seiler,, den Chianti zu besorgen, entzündete alle Lichter im Speise­saal und änderte schließlich sogar seine Toilette: er zog' sich den Frack an und schlang eine weiße Krawatte um bei« Kragen. , . ,

Inzwischen hatte man sich in der Küche m den Idiomen, von Umbrien und Toskana über den Risotto und das Huhn, verständigt, und. das Souper konnte beginnen.

I , (Fortsetzung solgt.).