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Es war am Vormittage; die Helle Sonne schien warm in den Salon: einen höchst sonderbaren Salon. Tas Ganze machte zunächst den Eindruck, als sei hier seit zwei Jahren nicht ausgefegt und der Stmub gewischt worden. Tas Mobiliar erinnerte an bessere Tage; es war vielleicht sogar einmal kostbar gewesen. Aber es war es nicht mehr. Tie gelbe Seide auf Sofa und Fanteuils hatte eilten bräunlichen Ton angenommen, und an den Nähten zeigten sich schwarze Streifen. Der eine Sessel stand wehmütig schief, weil ihm eilte Fußrolle fehlte, bei einem anderen hielt sich die rechte Armlehne nur noch notdürftig in der Balance. Ter Teppich war abgetreten und in den Farben verblichen. Tas Bärenfell vor dem Damenschceibtifch sah aus, als ob selbst die Motten ihm nicht mehr trauten, und der Bärenkopf aus Papiermacho hatte keine Zähne mehr; auch fehlte ihm ein Ohr; dafür trug er auf dem anderen Ohr einen roten türkischen Fez. Es war ein närrisches Zimmer. Es hatte auch seine Prunkstücke. An den Wänden hingen zahllose Lorbeerkränze mit bunten Schleifen und Goldaufdruck, hingen auch mancherlei Photographien von Künstlern und ganze Arrangements von Bildern, Die Claudius Imhoff in den verschiedensten Rollen darstellten. Aber alles war grau von Staub.
Drei Photographien über Dem Sofa waren Damenporträts. Tie drei Frauen Imhoffs blickten in harmlosem Nebeneinander auf ihren gewesenen Eheliebsten herab, der es nie versäumte, ihnen allmorgendlich freundlich zuzunicken. Tie erste Frau, eine niedliche Soubrette, war ihm durchgeganbeit; die zweite, eine schöne Koloratursängerin, hatte sich in aller Form Rechtens von ihm scheiden lassen, um einen reichen Lederhändler in Worms zu heiraten; von der dritten hatte er sich nach gütlicher Einigung freundschaftlich getrennt, als er seine Bühnenlaufbahn aufgeben mußte und sie nicht mehr ernähren konnte; sie hatte jetzt die Theaterrestauration in Oschatz gepachtet und schickte Jiu- hofs zuweilen noch eine Terrine Gänseleberpastete: sein Leibgericht.
Imhoff trug sein diesjähriges Morgenkostüm. Tas war etwas dürftig, denn es bestand nur aus dem braunen Trikot Neluskos, über das er ein paar weite Pantalons aus „Belmonts und Constanze" gezogen hatte; zudem bedeckte den Oberkörper ein arg zerrissener weiblicher Frisiermantel und den Kopf ein altegyptisches, gelbweiß gestreiftes Nackentuch; letzteres stammte aus „Aida". Imhoff trug seit Jahren, wenn er in den Vormittagsstunden daheim war, seine alten Opernkostüme auf. Nun war aber nicht mehr viel vorhanden.
Ter ehemalige Sänger war im Begriff, ein Personal für die neue Oper zusaminenzustellen, für Deren Ban Urban Hammer kürzlich Die Vorhangborte gekauft hatte.
(Fortsetmng folgt.)
Alte Gießener AdreßimHer.
Ein Adreßbuch Der Stadt Gießen, das in der Brühlschen Truckerei gedruckt wurde, erschien bereits vor Mehr als 60 Jahren. Es ist Die wahrscheinlich erfte Herausgabe auf diesem Gebiete und liegt uns aus den Jahren 18 4 0 und 1841 vor. Nach dem Adreßbuch von 1841 enthielt die Stadt Gießen einschließlich Der Domäne Schifsenberg: 33 öffentliche, 780 Privat-, in Summa 813 Gebäude. Hierin: 131ö Familien, worunter 1285 männliche, 1290 weibliche Kinder unter 14 Jahren und 3000 männliche, 3094 weibliche Personen über 14 Jahren, in Summa 8669 Einwohner.
Tiefe teilen sich in: 7791 Lutheraner, 485 Katholiken, 2 Uniierte, 391 Juden, unter diesen sind: 151 Staatsdiener, 412 Gewerbsleute, 37 'Ackerleute, 62 Acker- und Gewerbs- leute, 30 Taglöhner, 538 Dienstboten, 335 Fabrikarbeiter, 101 Handwerksgesellen und 38 Lehrlinge.
Zünftige Gewerbein Gießen.
Dackerzunft: 40 Meister. 1. Zunftmeister: Christian Lober. 2. Zunftmeister: Balthasar Noll.
Gerber- und Kürschner-Zunft: 12 bezw. 6 Meister. 1. Zunftmeister: Jakob Sack. 2 Zunftmeister: vakat.
Hutmacher- und Strumpfweber-Zunft: 2 bezw. 3 Meister. 1. Zunftmeister: E. C. Busch, 2. Zunftmeister: Ludwig Gail.
Küfer-, Glaser- und Drechsler-Zunft: 17, 7 bezw. 3 Meister. 1. Zunftmeister: Philipp Schmall. 2. Zunftmeister: Georg Faber.
Maurer-. .Steindecker- und Mcißbinder-Zuttst: 7, 4 bezw.
9 Meister. 1. Zunftmeister: Balthasar Kann. 2. Zunftmeister: Gottlieb Strauch.
Metzgerzunft: 38 Meister. 1. Zunftmeister: Adolf Möhl. 2. Zunftmeister: Josef Möhl.
Sattler-, Zinngießer- und Kupferschmiede-Zunft: 6, 1 bezw. 2 Meister. 1. Zunftmeister: Andreas Walz. 2. Zunftmeister : Bernhard Kühne.
Schlosser-, Büchsenmacher-, Wagner-, Schmied- und Messerschmied-Zunft: 13, 1, 5, 5, bezw. 5 Meister. 1. Zunftmeister: Philipp Sartorius. 2. Zunftmeister: Fr. Wannig.
Schneiderzunft: 85 Meister. 1. Zunftmeister Ludwig Schwab. 2. Zunftmeister: I. Engel.
Schreinerzunft: 46 Meister. 1. Zunftmeister: Heinrich! Hellmold. 2. Zunftmeister: B. Leng.
Schuhmacherzunft: 118 Meister. 1. Zunftmeister: Heinrich Ockel. 2. Zunftmeister: Jakob Dörr.
Vorstand des Leichenwagens: G. Felsing.
Spengler-, Kammacher-, Gürtler- und Rotgießer-Zunft! 9, 2, 1 bezw, 2 Meister. 1. Zunftmeister: Georg Ph. Faber. 2. Zunftmeister: Andreas Otto.
Zimmer-Zunft: 7 Meister. 1. Zunftmeister: PH. Bast, 2. Zunftmeister Melchior Euler von Wieseck.
Unzünftige Gewerbe.
Apotheken: 3. Barbiere: 7. Blaufärber: 2. Buchbinder: 11. Buchdruckereien: 4. Zigärrensabriken: 2. Ellenwaren- händler: 19. Gasthäuser: 8. Goldschmied: 1. Großhändler: 4. Häfner: 1. Kaffeehäuser: 2. Knopfmacher: 2. Lederhand- lungen: 3. Leinenweber: 7. Liqueurfabrikanten: 2. Materialisten: 2. Mechanikus: 2. Müller: 3. Perückenmacher 3. Posamentier: 2. Seifensieder 3. Seiler: 6. Schornsteinfeger: 3. Spezereihandlungen: 27. Steindruckereien: 3. Tabakfabriken: 3. Tapezierer: 5. Uhrmacher: 4.
Leichenbesorger: Schneidermeister Fr. Haben ich t, Schuhmachermeister Peter Bergmann.
Curt v. M ü it ch o w.
Korsett und Handschuhe.
Vor einigen Tagen feierten in Paris die Korporationen bet Korsett- Fabrikanten und H a n d s ch n h - Fabrikanten durch große Festlichkeiten bett Ruhm ihrer Industrien. Beide haben in der Tat einigen Grund dazu. Tenn während im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte ein gewisser Wind der Unabhängigkeit die Welt durchbrauste und manche Bastillen tyrannischer Herrschaft wegräumte, verstanden Korsett und Handschuhe ’ ihre Tyrannei ungeschmälert aufrecht zu erhalten: Hände und Büste haben nach wie vor ihre Bastillen! — Was nun das Korsett anbetrisst, so gibt ihm die Legende einen höchst gewöhnlichen Ursprung: Ein Metzgermeister soll im 13. Jahrhundert, um seine redselige und stets widerspruchsvolle Frau zum Schweigen zu bringen, in seiner Verzweiflung versucht haben, dieser das Atmen zu erschweren, indem er sie in den Panzer eines Korsetts einschloß. Doch der Frau gefiel das Korsett, weil es ihre Körperformen vorteilhaft hervorhob, sie behielt das Korsett und redete weiter. Und schnell verbreitete sich von da ab das Korsett zur all- gemeiuen Mode bis in die höchsten Kkeise hinaus. Vergebens hat man seitdem in Wort und Schrift gegen das Korsett geschrieben und geredet. Vergebens haben Priester von der Kanzel gegen das Korsett als „Teufelswerk" geeifert; vergebens haben Aerzte, Moralisten und Philosophen ihr Talent verschwendet, um auf die Schädlichkeit des Korsetts hinzuweisen! Vergebens selbst haben Kaiser und Könige ihm den Krieg erklärt: Joseph II. verbannte cs vom Hose und aus den Schulen; Napoleon I. bezeichnete es als den Mörder beS Menschengeschlechts! Napoleon starb im Exil nnd Joseph II. schrieb sich die eigene Grabinschrift, daß er ein unglücklicher Fürst gewesen sei. Doch das Korsett, ewig verjüngt in neuer Mode, bewahrt seine siegreiche Herrschaft bis auf den heutigen Tag. — Auch die Han d s chu h e haben stets wieder zu triumphieren vermocht, wenngleich ihnen zeitweise die Sitte weniger hold war. Besonders' im 16. und 17. Jahrhundert konnte man sich int Luxus prächtig ausgestatteter Handschuhe kaum genug tun. Dennoch war es damals verboten, mit Handschuhen die Kirchen und die Gerichtssäle zu betreten. Auch hätte man geglaubt, einen Freund zu verletzen, indem man ihm die behandschuhte Hand reichte. Lange Zeit galt es nicht minder für unschicklich, beim Tanzen die Handschuhe anzubehalteti. Bor einen Fürsten oder vor einen Höhergestellten mit Handschutzen nn den Händen hinzutreten, hätte als Mangel an Respekt gegolten. Auch würde man das Andenken eines Gatten oder eines Vaters ober eines Nächstverwandten nicht in gebührender Weise geehrt haben, wenn man nicht mit bloßen Händen dem Sarge gefolgt wäre. Aber wennschon im 18. Jahrhundert die Männer gegen das Tragen von Handschuhen eine gewisse verachtende Gleichk- giltigkeit zeigten, so haben die Handschuhe Dafür in heutiger Zeit eine glänzende Revanche genommen. Heute gebraucht ein richtiger Gentleman, wie nnlängst ein Modeblatt aus'ftihrte, täglich 6 Paar verschiedene Handschuhe; renntierlcderne Haiidschuhe.uM'->


