Ausgabe 
12.1.1906
 
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zu ihren Verehrern. Der begünstigste aber war ein blutjunger Wii'tßiggänger mit hübscher Larve und müden Augen, der Typus des Dekadenten, Herr Priestap.

Priestap war erst vor Jahresfrist nach Berlin gekommen. Er erzählte selbst, daß sein verstorbener Vater ein wohl­habender Fabrikant in Ncwyork gewesen sei; nur verschwieg er gern, daß er sein Vermögen der hervorragend guten Her­stellung von Margarine zu verdanken hatte. Er ^plauderte geläufig in sechs Sprachen, war von vortrefflichem Benehmen, von weicher, eiivas selbstbewußter Liebenswürdigkeit und hatte sonst herzlich wenig gelernt. Er war nach Deutschland ge­kommen, um, wie er sagte, dieSports-Karriere" einzu­schlagen, und begann diese damit, daß er sieh für Riesen­summen ein halbes Dutzend mitttelmäßiger Gäule andrehen ließ. Im übrigen war er, immer im Frack und hohem weißem Stehkragen, in jeder Theaterpremiere zu finden und stand mit den kleinen Theatersternen auf Du und Du und mit den größeren auf freundschaftlichem Grußfuße.

Er war ein charmanter Bummler. Er tat eigentlich nichts, denn aueh um seinen Stall kümmerte sich sein Trainer mehr als er selbst. Er lebte in den Tag hinein und schlug dem lieben Herrgott in großer Gemächlichkeit die Zeit tot. Dabei hatte er eigentlich keine schlechten Passionen. Er spielte nicht oder doch nur gelegentlich auf der Rennbahn. Wenn er gut speiste und trank, so geschah es mehr seinen Freunden zu Gefallen als aus Neigung zur Schlemmerei. Die Weiber liebten ihn und plünderten ihn gern ans; er verachtete sie im Grunde genommen. Er war ein Bummler aus schlechter Erziehung. Aber er war auch ein lieber Bursche, von großer Gutmütigkeit, immer hilfsbereit, ein Mensch, an dem. man viel verdorben hatte.

Priestap lernte durch den Komponisten Rafaöli die schöne Rosalba kennen. Rosalba befand sich in jenem gefähr­lichen Alter, in dem die somnge Jugend mehr Reiz auf die Frau auszuüben pflegt als der welterfahrene Mann. Und gerade mit Priestap ging es ihr eigentümlich. Es lag etwas nt seinem Wesen, das sie anzog. Sie wußte nicht, was es ivar. Ter junge Mensch interessierte sie. Schon aus ihrem Schönheitsempfinden heraus war er ihr sympathisch. Und es lag da wie ein Dunstschleier, hinter dem vielleicht nichts war, der aber Rätsel aufgab. Er hieß Harry. Tas war der Borname ihres verstorbenen Kindes. Sie hatte dies Kind längst vergessen. Nun fiel ihr lvieder ein: Harry hatte ihr Knabe geheißen. Er mußte ihr bei seinen Besuchen von seinem Leben erzählen. Tas war nicht viel. Die Eltern hatten ihn als ihren Einzigen vergöttert, nun waren sie tot, und die Fabrik widerte ihn an. Ihm ivurde übel bei den dort gewonnenen, geformten und gepreßten Fettmassen. Ta überneß er sie einem Onkel und ging nach Europa. Er tat so, als besäße er große sportliche Interessen. Aber sie waren wirklich gering. Er hatte zu nichts so Zechte Neigung: er war von Grand aus verbummelt.

Rosalba fand das abs Neulich. Sie versuchte allerhand schlummernde Funken in ihm zu entfachen. Sie selbst hatte taufend Interessen. Sie besuchte Maler und Bildhauer und durchstöberte auch in Bern» die Läden der Antiquitäten­händler nach kostbaren Funden. So gut gefiel es ihr in der nordischen Hauptstadt, daß sie bereits Auftrag gegeben hatte, ihr Pariser Palais und ihr Schloßgnt zu verkaufen. Sie wollte sich an einem der Havelseen eine Billa bauen lassen; sie schwärmte plötzlich für märkische Landschaften. Tann tauchte der Plan eures neuen Theaters in ihr auf, das sie selbst zu leiten gebuchte: eines Universaltheaters für Oper und Schauspiel, große Feerieen, Konzerte und Oratorien mit märchenhafter szenischer Ausstattung. Und wieder andere Ideen schwirrten durch ihr lebhaftes .Hirn . . .

Priestap hörte ihr zu tvie eine Märchenerzählerin. Tas war ihm etwas neues: diese Bühnenfee mit dem beweg­lichen Geiste und der blühenden Phantasie, eine große Dame und doch glücklich nt der Kulissenlust, eine gottbe- gnadete Künstlerin, die sich in einen: Tingeltangel höret: läßt. Sie dünkte ihm wirklich auch wie eine Märchenprin- zessin. Sie war die bezauberndste Wirtin und dennoch tut» nahbar- wollte sie es sein. Priestap wußte: es war alles Unsinn, was man ihr nachsagte. Er war der einzige, der ihr näher getreten war.

, Sie wurden gute Freunde, und doch spattn sie ein Zauberkreis ein. Daß sie sich liebten, wußten beide. Keiner

sprach davon. Priestap war eine schüchterne Natur. Tas war er immer gewesen; selbst unter feilen Weibern verließ ihn feine Verlegenheit nicht. Und Rosalba schämte sich. Jetzt wachte ihr Herz auf, das so lange geschwiegen hatte; und de:: sie lieben sollte, ivar ein Kind gegen sie. Ta schämte sie sich.

Aber es sollte die Stunde kommen, da der Zauberkreis brach. Ai: einem winterlichen Nachmittage hatten sie bei flackernden: Kaminfeuer lange miteinander geplaudert. Ganz plötzlich stürzte Priestap zu Nosalbas Füßen und umschlang sie, unzusammenhängende Worte, stammelnd mit glühen­dem Gesicht und flammenden Augen. Und da brachei: auch in ihrem Herzet: die Feuer auf; sie zog ihn an sich und wollte ihn küssen und fuhr, wie voi: einem Peitschen­hiebe getroffen, zurück. Seine Augen, seine schönet: grauen Augen, in denen die lodernde Leidenschaft wie Brandglut durch dunstige Schleier brach, mahntet: sie jach an ver­gangene Zeiten, und es ging eit: Riß durch ihr Herz und ein Lähmen durch alle ihre Glieder. Sie fuhr zurück und streckte die Hände gegen ihn aus :ti:d starrte ih>: an, und ein irres Lächeln krampfte s'ch tu ihre Mundwinkel ein.... Großer Gott, das waren die Augen Gustav Lunds! . . .

Tie jähe Vermutung, wie ein Blitzstrahl zündend, ivurde zur Geivißheit, als sie Priestap näher nach seiner Ber- gangenheit aussorschte. Er war eii: Adoptivkind imd kanttte nicht einmal seines Vaters Namen. Als kleines Kind war er nur durch ein glückliches Ungefähr bei einem schrecklichen Eisenbahnunfall vor dem Tode vewahrt worden.' Ein gleich ihm gerettetes Ehepaar hatte sich des verwaisten Bübleins angenommen, das jammernd zwischen Trümmern, Schutt und Leichen umherkroch, und hatte es später so lieb ge­wonnen, daß sich die beiden nicht mehr von dem Kleinen zu trennen vermochten. Er wurde als Kind irgend eines Verwandten in dem Priestapschen Hause erzogen, bis sein Pflegevater nach erfolglos gebliebenen Aufrufen an die Verwandtschaft des Knaben und Erledigung aller sonstigen Formalitäten die Adoption durchzusetzen wußte.

Es gab keinen Zweifel mehr für Rosalba und Harry Priestap, daß sie Mutter und Sohn waren. Aber der Schrecken dieser Erkenntnis verlor allgemach ai: Wucht. Es wurde friedlich in ihren Herzen; nur ein stilles Weh blieb zurück. Tie Leidenschaft klärte zu inniger Liebe sich ab. Sie schlossen sich eng aneinander an. Wieder begann die Welt zu klatschen. Aber die beiden kümmerte es nicht. Rosalba trug sich mit neuen Plänen. Um der Direktion! des Wintergartens nicht Verlegenheiten zu bereiten, wollte sie den Schluß der Saison abwarten und sich dann ganz in das Privatleben zurückziehen. Aber cs sollte kein Leben der Ruhe werden. Sie wollte Harry seinem Drohnendasein entreißen und ihm eine Position schaffen: vielleicht als Direktor ihres neuen Theaters, vielleicht als Herr großer Landgüter sie schwankte noch. Ihre Liebe wurde eine blinde Vergötterung. Sie hatte seit langem gespürt, daß es tu ihr einsam zu werdet: begann; nun aber stiegen große Ziele vor ihr auf und sie fühlte ihre Jugend zurückkehren. Es kam wie eine zweite Blüte über sie.

Und dann kam der rasche und plötzliche, zerstörende Tod. Tas herniederkrachende Gesimsstück schmetterte sie laut­los zu Boden, und ihr rotes Blut färbte die Dolden der drei weißen Lilien in ihrer Hand purpurn . . .

Tas war der Roman der schönen Rosalba.

4.

Claudius Imhoff bewohnte eine sogenannte, Aarten- wohming. Ter Berliner Hauswirt pflegt, vielleicht mit Rücksicht auf die Kraft der Hypnose bei beständigen Wteder- holuttgeu, jede Hofwohnung also zu benennen. Auch in dem Hause, in dem Imhoffs Quartier lag, ließ sich über die Berechtiguttg der Bezeichnimg Garten streiten. Zwischen den hohen Mattern, die den viereckigen Hof umschlossen, lag ein winziger Rasenfleck. Nordwärts davon befand sich der große Müllkasten, südwärts eine Art Reck, an den: Teppiche ausgeklopft werden konnten. Ties war der Garten.

Tie Gartenwohnung Imhoffs lag tut dritten Stockwerk und bestand ans drei Zimmern und einer Küche. Es war auch noch eine Kammer dabei, in der die alte Liesegang logierte, aber dies Kämmerchen war so klein, daß das Bett den meisten Platz einnahm. Im ersten Zimmer am Flurgang schlief Nina, daneben Imhofs; das größte Gemach wurde der Salon benamset.

Ta saß Claudius am Mittcltisch, vor sich eine Masse . Papiere, und machte sich. Notizen.