Ausgabe 
12.1.1906
 
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Jem Wahren, Edlen, Schönen.

Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

So ivar es gekommen. Auf oie Farm des alten Keller drang selten eine Neuigkeit aus der großen Welt. Er gab sein Kind auf; Nosalba war tot für ihn für immer ver­loren, verdorben vielleicht und gestorben. Aber einmal geschah cs doch, daß er stutzig wurde. Er las in den Zeit­ungen von dem neuen Stern am Himmel der Kunst, las den Namen Nosalba Perctti. Und da ergriff eine fieberhafte lln- N'he den greise gewordenen Mann, Er ließ sich einen zuver­lässigen Privatdetektiv aus San Francisco kommen und beauftragte ihn, den Spuren der Pcretti nachzugehen gnnj im geheimen. Er wollte wissen, ob das seine Nosalba war, Der Slgent führte den ihm gewordenen Auftrag mit großer Geschicklichkeit aus; das Resultat seiner Erkundigungen und Kombinationen war, daß er eines Tages an "Keller kabelte:Die Bewußte ist zweifellos Ihre Tochter." Da setzte der Alte sich auf ein Schiff und fuhr nach Paris, um Nosalba zurückzuholen.

Sie folgte dem Vater widerspruchslos, lind sie hatte die Genugtuung, daß sie ihm die letzten Jahre seines Lebens verschonen konnte. Für sic selbst aber war diese Zeit eine endlose Qual, war ein Verzicht auf jede individuelle Regung, ein Vergehen in der Einsamkeit. Sie hatte die Welt gesehen rind konnte sie nicht wieder vergessen.

Ihre Lust am Reiten und Jagen half ihr nur wenig über die Sehnsucht fort. Sie wurde still, in sich gekehrt und träumerisch. Cie träumte im Hellen Sonnenlicht, und wenn sie unter dem Schattendach des Waldes dahinritt. Ta wurden die Goldtupfcn, die des Himmels Glanz durch das Blätier- mecr streute, zu tausend Kulissenlichtern, und des Windes Wehen in den Baumkronen wurde zum rauschenden Beifall der Menge. Nosalba magerte ab, und das köstliche Pfirsich- rot ihrer Wangen verblich. Der Vater sah cs nicht mehr; er ivar stumpf geworden; er lächelte nur noch blöde, wenn die Tochter vor ihm stand. An einem Herbstmorgen fand ihn der Diener tot in: Bette vor . . .

Nun hatte Nosalba ihre Freiheit wieder. Sic verkaufte ihren ganzen Besitz, die Farm und die Minen; sic kehrte als vielfache Millionärin in die Welt zurück. DaS Palais in Paris wurde wieder eröffnet, und es schmückte sich neu. Es wurde eine Sehenswürdigkeit, von der man sprach, ein Tempel des Schönen. Ein Schloßgut in der Provinz kam dazu. Die Gesellschaft begann mit Rosalba zu verkehren. S,e trat nur noch vrivatim auf, obwohl ihr die Kulissenluft

fehlte; aber cs war ihr eine Abwechslung, auch einmal mit der vornehmeren Welt Fühlung zu gewinnen. So wurde ihr Palais bald zum Mittelpunkt des Verkehrs jener Kreise, in denen Geist, Genialität und eleganter Weltsinn sich treffen; auf das Schloß in der Provinz verirrte sich zur Jagdzeit zuweilen sogar die exklusivere Aristokratie.

Das währte ein paar Jahre, die an der Schönheit Nosalbas spurlos vorüber zu gehen schienen. Doch innerlich vermeinte sie zu fühlen, daß sie älter wurde. Sic ivar kern- gesund, und dennoch litt sie. Wieder überkam sic dann und wann ein heißes Sehnsuchtsgefühl, wie damals auf der ein­samen kalifornischen Farm aber wonach?! Sie ertappte sich auf schwarzen Gedanken. Sie durchforschte ihr Herz. Es schien leer zu sein und ivie erloschen. Eine tiefe Unlust be­mächtigte sich ihrer; melancholische Anfälle beschlichen sie. Sie reiste umher, sich zu zerstreuen. In Brüssel, wo sie sich längere Zeit aufhielt, bot ihr ein hochgestellter Mann Hand und Fürstenkrone an; sic wies ihn lachend ab, wie sie es mit vielen getan hatte.

Da erschien gelegentlich ein Berliner Agent bei ihr, fragend, ob sic nicht ivicdcr einmal auftreten wolle. In Berlin kenne man sic noch gar nicht; das sei ein Feld für sie, Wahrhaftig das war eine neue Abwechslungl Sie besann sich nicht lange und sagte zu. Die Zeit bis zu Be­ginn der Saison benützte sie, das alte Nepertoir durchzn- ffudicren und neues hinzuzufügen. Sie setzte sich mit Lichtern und Komponisten in Verbindung, mit Dekorationsmalern, BeleuchiungsLechnikern und Kostümschncidcrn: der Berliner Direktor wollte eineScnsationsuummcr" haben und sollte sic bekommen. So entstand die SerieOvidische Verwand­lungen," in der die Perctti die Rcichshauptsiadt entzückte: ein wunderliches Gemisch von dekorativer Ausstattung, szenischen Effekten, Gesang und Pantomime, aber doch künstlerisch in der Gesamtwirkung, mit etwas pomphafter Musik (von Arigo Rafasli, dem Komponisten derAstarte") und herrlichen Bühnenbildern.

Dieses Wiederauftreten hatte für Rosalba den Reiz der Neuheit. Sie gefiel sich auch in Berlin und begann sich hier, gleichwie in Paris, behaglich und nach ihrem Geschmack ein- zurichten. Die sogenannte Gesellschaft verschloß ihr freilich die' Pforten; als Mitglied desWintergartens" galt sie doch nur für einen Stern dritter Ordnung. Aber das paßte ihr gerade; sie war gesellschaftsmüde geworben und nahm gern mit der lustigen Künstlcrbohbmc vorlieb, die sie rasch, an ihr Hans zu fesseln verstand. Natürlich wurden ihr auch hier mannigfache Liebschaften nachgesagt; selbst ein Mitglied eines regierenden Hauses, ein leicht hinkender Dragoner-Rittmeister mit prachtvollem blonden Schnurrbart, zählte nach der Fama'