466 —
gegenüber, und die souveräne Verrichtung für Bosheit und 9?eit>."
Ihre Stimme hatte sieh nun dach ein wenig gehoben, trotzdem hatte niemand, der die beiden Damen beisammen sah, vermuten können, daß hier heimlich vergiftete Geschosse uuiherflogen und dem Gespräeh einen verletzenden Inhalt gaben.
Weder die Gräfin noch Adele hätten auch zu sagen vermocht, wie dies gekommen. Eine instinktive Feindseligkeit, vielleicht beiden unbewußt, war zum Ausbruch gekommen.
Adele war empört. Alles in ihr zitterte und bebte von unterdrücktem Zorne. Sie fühlte, daß sie nicht lange mehr imstande sein würde, sich zu beherrschen. War das die Gastfreundschaft, die ihr geboten wurde? Die Gastfreuudschaft, die von den Giersdorfs in edelstem, bestem Sinne geübt wurde, so lange sie denken konnte? Was wollte diese fremde, verbitterte Frau unter ihnen?
Graf Guido warf in diesem Augenbliek aus dem Rauchzimmer einen fast besorgten Blick auf die beiden Dauien, die scheinbar ruhig miteinander plauderten.
„Armer Graf!" dachte sie, und nun begriff sie plötzlich diese geheime Feindschaft der andern. Wie im Fluge sah sie ihn, wie er in Dresden vor ihr gestanden hatte.
„Armer Graf!"
Hotte sie heute so stolz und kaltblütig die Angriffe seiner Frau zurückweisen können, wenn sie fein Anerbieten damals eingenommen hätte? Und dann sah sie den Grafen vor sich, wie er in Mailand in ihrem Zimmer im Hotel Milano zu ihr sprach. . . ,
Soeben trat er aus dem Rauchzimmer zu ihnen.
„Armer Graf! Arme Gräfin!" Jetzt verstand sie die verbitterte Frau, und ein tiefes Mitleid erfüllte ihr grossmütiges Herz. Sie war wie umgewandelt. Sie verstand und verzieh.
„Haben die Damen angenehm geplaudert?" fragte Alfons, der mit Dr. Hübner jetzt ebenfalls zu ihnen trat.
„Das wage ich leider nicht zu behaupten," antwortete Della schnell. „Ich habe die Frau Gräfin mit prinzipiellen und ganz theoretischen Fragen aus dem Leben der Künstlerinnen unterhalten — ich fürchte, fast gelangweilt! Man ist zu sehr Partei dabei, um objektiv zu bleiben. Und Partei-Interesse ift der Tod jeder angenehmen Unterhaltung. Ich bedauere dies und hoffe, die Frau Gräfin wird entschuldigen."
Mit einem nur dieser verständlichen Nachdruck hatte sie gesprochen. Und dann sah sie sie fragend an und las in igren Augen die Antwort, dass sie mit diesem stillschweigend geschlossenen Frieden einverstanden sei. Laut aber entgegnete die Gräfin: „In der Tat, man darf nie nach landläufigen Anschauungen Kreise und Dinge beurteilen, die man nicht tennf." Dabei stand sie auf und faßte mit der Hand nach der Stirn. Sie war totenbleich und ein Schwindelanfall schien sie zu erfassen.
_ „Es ist zu heiß hier, Viktor, bitte, öffne ein Fenster", rief Dr. Hübner dem Hinzulretenden entgegen. Dann nahm. er ein Glas Wasser und reichte es der Gräfin.
Sie sank auf den Stuhl zurück, von dem sie sieh erhoben hatte.
„Es geht vorüber", lispelte sie.
„Nachwirkung von Migräne heute morgen", tröstete Alfons, „Sitzung dauerte für nervöse Damen viel zu lange dazu Sekt! Vertragen nichts Ungewohntes —" Er blickte auf Della.
„Gnädiges Fräulein sehen auch ganz bleich aus." Diese stand etwas abseits neben ihrem verlegen und eingeschüchtert dreinschauenden Vater. Hochaufgerichtet! Tie Blicke der Gräfin zugewendet und dem Arzte, der sich mit sie bemühte.
wor selbst einer Ohnmacht nahe, aber um nichts in der f*e seist eine Schwäche gezeigt. Mit aller Macht h'elt sie sich aufrecht. Sie fühlte, daß die Blicke des Grafen Guido auf ihr hafteten, daß nicht ein einziger seine Gattm traf.
„In der Tat, es ist sehr heiß hier. Ich möchte in die
frische Luft. Wenn die Herrschaften entschuldigen, würde ich mich empfehlen." Klar und vernehmlich kamen diese Worte.
Der Graf verneigte sich zustimmend. Sie nahm den Arm ihres Vaters. Dieser schob sieh bis zur Gräfin nnd sagte treuherzig:
„Ich wünsche der Frau Gräfin eine recht gute Besserung."
Stumm verneigten die Damen sich voreinander. Nichts verriet, was zwischen ihnen vorgegangen war.
„Hätten die Damen nicht allein lassen sollen", schnarrte Alfons. „Beim Plaudern unerträgliche Hitze nicht beachtet . . . immer zu eifrig bei der Sache?"
„Ich bedauere den .kleinen Zwischenfall unendlich", wendete sich Graf Guido ihr zu . . . „und auf Wiederlehen, gnädiges Fräulein, auf Wiedersehen, Herr Kantor!"
„Schönen Dank fürs genossenene Vergnügen", erwiderte dieser.
„Adieu, Herr Graf!" Dann noch ein rasches Abschiednehmen von den anderen, sie waren draußen. Ein Atemzug hob ihre Brust.
,/51E)! Das tut wohl!" sprach sie halblaut vor sich hin.
Slls sie sich in die Wagenecke zurücklehnte, trat ein Herr ins Portal.
Sie glaubte, Wittelsbaeh zu erkennen und schloß die Augen.
Der heutige Tag war reich an Ereignissen, überreich.
Sie fühlte sich müde und sprach auf der kurzen Strecke nach ihrem Hotel kein Wort. In ihrem Innern aber tönte es wieder, was sie so ost in der letzten Stunde gedacht: armer Graf!
Tas Gastspiel von Adele Brandt im königlichen Opernhaus zu Berlin war beendet. Sie hatte so hinreißend schön gesungen, so vollendet gespielt, daß ihr Auftreten sich sensationell gestaltete. Das Publikum brachte ihr begeisterte Ovationen und die Abschiedsvorstellung einen Triumph, wie man ihn ähnlich in Berlin noch nicht erlebt hatte. Es war, als wollte man beweisen, daß Berlin selbst der größten Künstlerfchaft erst die vollgültige Prägung leihe. Alles, was die Fama von den Erfolgen der Brandt schon hergetragen hatte, sollte überboten werden durch das, wa§ man ihr entgegenbrachte. Und es war viel.
Sie selbst, an großen Enthusiasmus und überschwengliche Beifallsäußerungen gewöhnt, war wie betäubt. Das über» lieg alle Hoffnungen, alles, was sie bisher erlebt hatte. Es zog wie ein Freudenrausch, ein Entzücken durch das Haus. Erst immer wie ein Anhalten des Atems, wie eine Verzauberung, in der die Hörer gefangen waren, ein Sekunden währendes Schweigen, und dann brach der Jubel aus. Begeisterung und Veifallskuudgebungen, die das Publikum in eine außergewöhnliche Erregung versetzten und jene nervöse wie mit Elektrizität geladene Stimmung hervorriefen, die nur in der Hpperkultur der Großstädte möglich ist.
Della Brandt!
Das war das Ereignis des Tages. Der hellstrahlende Star am Kunsthimmel, die Sensation der Weltstadt. Die Zeitungen waren angefüttt mit ihrem Ruhm, und in vollständiger Elnstiminigkeit priesen sie die „göttliche Sängerin" bei der mir eines ihrer Gesangskunst ebenbürtig fei — jh^ darstellerischen Leistungen, lind dann wurde der Name Wittelsbach laut, des genialen Künstlers, der neben dem alten Maästro Ranzoni ihr Genie erkannt und ihre Aus- bildung geleitet hatte. Die fabelhaftesten Gerüchte tauchten auf. Wahrheit und Dichtung woben einen ganzen Leaenden- kranz um Adelens Haupt.
Sie selbst erreichten diese eifrigen Histörchen nicht. Sie las die Zeitungen nie.
Diese hätten ihr nur sagen können, was sie ohnedies wußte. 1
©te fühlte ihren Erfolg, ihre Wirkung auf das Publikum.
(Fortsetzung folgt.)


