Samstag den 11. August
1906
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Der Siern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Nun, sagte ich es nicht, Hans giebt iinmer Anregungen," wendete Karl Viktor sich zu Della.
„Es scheint so," erwiderte sie etwas zerstreut. Tann aber ermannte sie sich und fügte hinzu: „Er hat recht, es ist ein gut Teil unseres Lebens, man muh es hüten."
Graf Alfons hatte indessen mit seinem alten Lehrer ein lebhaftes Gespräch geführt über Bernstadter Gemcinde- angelegcnheiten und das Projekt eines neuen Kirchenbaues. Und als Graf Guido, seine Gattin am Arme, den Salon betrat, herrschte eine sehr gute Stimmung unter den Anwesenden.
Adele wurde der Gräfin vorgestellt.
Ein kalter, prüfender Blick fiel auf die junge Künstlerin.
Eine sehr formelle, stolze Verbeugung war deren Antwort.
Dann hatte man sich an der Tafel niedergelassen.
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Die Kellner servierten Kaffee, Kognak nnd französische Liköre im kleinen Ecksalon neben dein Speisesaal. Die Herren hatten um die Erlaubnis gebeten, rauchen zu dürfen. So waren die Gräfin und Adele eine Weile allein geblieben. Tas Gespräch kam nicht recht in Gang.
„Sie vertragen den Rauch wohl nicht, Ihrer Stimme wegen?"
„Meine Stimme ist äußeren Einwirkungen nicht so leicht unterworfen, Frau Gräfin."
„Das ist angenehm für eine Künstlerin, die doch gewiß viel in Herrengesellschaft verkehrt."
„Das ist in jedem Fall angenehm. Mir aber besonders, weil ich es allerdings nicht liebe, wenn man die Männer, mit denen man gesellschaftlich zusammcntrifft, bei jedem Anlaß daran erinnern muß, daß sie auf Schwächen und Eigentümlichkeiten unseres Geschlechts Rücksicht zu nehmen haben —"
„Sehr liebenswürdig von Ihnen. Dieser Grundsatz wirbt Ihnen gewiß viele Freunde unter den Männern."
„Ich hoffe es."
„Sie mußte sich sehr zrisammennehmen, um diesem unverkennbar feindlichen Tone gegenüber die Form zu wahren. Aber sie fühlte sich verletzt und gereizt. Was gab dieser Frau das Recht, in dieser wegwerfenden, halb verächtlichen halb spöttischen Weise zu ihr, zu sprechen?
„Diesen Wunsch haben Künstlerinnen wohl immer, besonders wenn sie der Bühne angehören?"
Tas war zu arg. Sie fühlte, daß sie diesen Angriff parieren mußte.
„Und er ist durchaus berechtigt, Frau Gräfin. Denn Künstlerinnen bedürfen der Anregung, der großen erweiterten Horizonte, des Kontakts mit geistig Hochstehenden, mit schöpferischen starken Naturen, kurz mit allem, was ihnen kongenial ist, ihrer eigenen Bedeuinng, ihrer eigenen Begabung entspricht. Wo sollten sie dies unter Frauen finden, die leider zumeist noch engherzig, kleinlich und vor allem törieht sind?"
Der Hieb saß.
„Sie urteilen streng, mein Fräulein. Im allgemeinen führt man die Vorliebe der Theaterdamen für die Männer auf andere Motive, zurück." Keine Miene in ihrem harten, unbeweglichen Gesicht verriet den Aerger, der in ihr wühlte. Glatt, beinahe höflich klangen ihre Worte. Das gab auch Della die entsprechende Selbstbeherrschung, und auch ihr Ton war verbindlich, als sie antwortete:
„Mag sein. Wer wollte das bestreiten? Doch gehören diese zumeist der Kategorie der Frauen an, wie sie im Durchschnitt sind: eitel, müßiggängerisch, verweichlicht, unselbständig und abhängig von Gunst und Laune des anderen Geschlechts. Ihre Sonderstelllmg mögen solche Theaterdamen dann leicht ausnützen, dieses andere Geschlecht sich besonders geneigt zu machen. Anch dazu sind ober gewisse Eigenschaften erforderlich: Schönheit, Witz, Liebenswürdigkeit, Anmut, Heiterkeit, Selbstgefühl ..."
„Sagen Sie lieber Gefallsucht rind Unverfrorenheit." —
„Auch das I Es wäre unaufrichtig, es zu leugnen. Aber jedenfalls hat viel dazu beigetragen, daß die Frauen, die geborgen sind in der Obhrit ihrer Familien, geschützt durch eine unangetastete Lebensstellung und vor allen Anfechtungen be- wahrt, neidvoll uird gehässig ihnen gegenüberstehen und die auf exponiertem Posten Stehenden allzu leicht ins Extrem treiben. Wer die Strenge rind Härte beobachtet, mit der Frauen sich gegen ihre Mitschwestern wenden, der begreift es, daß die Angegriffenen Zuflucht bei den Männern suchen. Und ist man erst ans dieseni Wege oder Abwege, ist man erst heranSgedrängt ans den Schranken, die Sitte und Ordnung errichtet, dann findet man sich schwer zurück."
„Sie ... Sie haben viel Erfahrungen und darum viel Milde."
Eine flanrmende Röte überzog Dellas Gesicht.
„Ja, Fran Gräfin, in der Tat, ich habe vieles gesehen in de>r zwei Jahren, in denen ich der Bühne anzugehören das Glück habe. Und ich habe viel Milde, weil ich hoch- siehe, hoch über allem, was klein ist und niedrig. Das gibt mir die Nachsicht, den Fehlenden und Strauchelnden


