390 —
Zahlstellen mitgeteilt würden. Es hätte darum in meinem Interesse gelegen, meine Unterschrift, wie sie zur Abhebung vou Beträgen bei bestimmten Banken diente, nicht preiszugeben, damit jeder, der sich auf diese oder jene Weise meines Kreditbriefes bemächtigte, auf meine Kosten abheben könnte. Im übrigen könnte ich doch meinen Namen schreiben, wie ich wollte, wenn ich nur sonst keine Aenderungen an ihm vornähme.
Wunderlich war die vom Sohne vorgebrachte Begründung, warum der Raubmörder seinen Bater ganz tot gemacht hätte. Er meinte, dies wäre darum geschehen, damit der Schwerverwundete nicht vielleicht noch den Namen des ihm bekannten Raubmörders hätte flüstern können. Dies sollte wahrscheinlich eine Belastung für mich sein. In Deutschland würde ein Räuber nie gewagt haben, drei Schüsse abzugeben, da dadurch alles alarmiert worden wäre. .Hier ist zu bedenken, daß nach dem Bericht des Polizeikonw misfars wahrscheinlich ein Kampf zwischen dem Opfer und dem oder den Raubmördern vorausgegangen ist, und daß solche rabiaten Kerle nicht darauf achten werden, daß der zu Beraubende nur kampfunfähig gemacht wird. Im übrigen ist der letzte Gnadenschuß ins Ohr nach den Schilderungen in Marcaggis „Fleuve de sang" typisch korsisch. Die Bemerkung, der Räuber hätte fürchten müssen, durch drei Schüsse alles zu alarmieren, wird am besten durch das Verhalten der drei Knaben, des Zeugen Fagianelli und seiner zwei Kameraden widerlegt, die das Stöhnen und Seufzen zwischen den Schüssen gehört haben. Ihre Angabe, sie hätten geglaubt, daß es von einem Tiere herstammte, ist unglaubwürdig. Wenn hiernach die Knaben nicht gewagt haben, zu Hilfe zu eilen, so müssen die Zustände in "der Ajaccioer Gegend noch unsicherer sein, als man verlauten lassen will.
(Fortsetzung folgt.)
Sme Studienreise nach Trier-
Von Karl Neurath.
II.
Der 3weite Tag begann naturgemäß mit dem Gewecktwerden,, das je nach der Eigenart und der augenblicklichen Verfassung deS Schläfers mehr oder weniger Arbeit verursachte, aber schließlich doch seinen Zweck erreichte. Hieran schloß sich dann das Aufstehen und die für den Verkehr mit anderen Menschen unbedingt erforderlichen Vorbereitungen, bis mau sich denn gegen 71/2 Uhr wohlhergerichtet an den Kasfeetisch begab, und sich die erlebten „Aventuren" mitteilte. Dann gings im Sturmschritt nach deni Sammelplatz, der» Provinzialmuseum, d-as unter der Leitung Dr. Krügers steht und in denkbar bester Ucber- sichtlichkeit ausgestattet ist.
Nach einem Vortrage des Direktors machten wir, in zwei Gruppen geteilt, einen Rundgang durch das Erdgeschoß, in dem eine große Anzahl prächtiger Steindenkmäler — vorwiegend Grabdenkmäler — ausgestellt sind, von denen das Grabdenkmal des M l b i n u s A s p e r das Bemerkenswerteste ist.
Wie die Inschrift besagt, ließ er es für sich und seine verstorbene Gattin errichten. Es zeigt das Ehepaar in fast Lebensgröße, jedes unter einer Art Baldachin stehend, und ist aus großen Kalksteinblöcken errichtet, an denen noch hier und da deutliche Spuren ehemaliger Bemalung sichtbar sind. Auf den beiden Seiten finden sich Tänzerinnen, die jedenfalls nur als ornamentaler Schmuck aufzufassen find.
Neber dem Sockel ist die von zwei Putten gehaltene Jn- schrifttafel angebracht, das Giebelstück und ein Block mit dem Rumpf. des Mannes fehlen, doch darf man annehinen, daß die Bekrönung von dem Typus der damaligen G-rabsteine kaum — oder doch nur in Nebensächlichkeiten abwich. Bemerkenswert sind vor allem anderen noch das Schulrelief, das Weinfaß u. a.
Um 10 Uhr begaben wir uns in den Dom, der in römischer Zeit eine Gerichtshalle war, jetzt aber natürlich umgestaltet und durch Anbauten im 8. und 12. Jahrhundert erweitert worden ist.
Von dem äußerst liebenswürdigen Domvikar gefiihrt, besichtigten wir zuerst den kostbaren Domschatz, von dem sich jedoch ein Teil im Dom zu Limburg an der Lahn befindet, dem es im Jahre 1827, als Limburg Bischofsitz geworden war, überwiesen wurde.
Das wertvollste Stück des Schatzes ist. der goldene, von trierischen Meistern verfertigte Engelbertschreiu, in dem der Ueberlieferung nach ein Nagel vom Kreuz aufbewahrt wurde. In prunkvoller, höchst tüchtiger Ausführung ist er reich mit kostbaren Edelsteinen besetzt und sein Deckel zum Teil von einem (dem rechten) Fuße bedeckt, von dem der Nagel angeblich herrührte. Ferner ist ein prächtiges Elfenb ein r elief bemerkenswert, das meines Wissens die Gründung einer Kirche der hl. Helena unter dem Kaiser Konstantin darstellt und einige
sehr wertvolle Handschriften in prächtigen Einbänden, die mit Grubenemail und Edelsteinen reich geschmückt sind, viele in Gold gefaßte Reliquien und eine Imitation des sogenannten hl. Rockes, der nach der Ueberlieferung ans dem ersten Jahrhundert nach Jesu Geburt stammen soll, wie der Herr Domvikar uns mitteilte. Ein Stück des antiken Rockes wurde vor einigen Jahren in Bonn untersucht, wobei man — soweit das eben möglich ist — zu der Ansicht kam, daß nichts Ueberzeugendes gegen das Alter des Rockes spräche.
Wir besichtigten dann noch das reiche Chorgestühl, das zum Teil aus dem Mainzer Dom stammt, die Krypta und den int 6. Jahrhundert erbauten frühgotischen Kreuzgang, worauf Prof. Sauer an der Hand eines an alle Teilnehmer verabfolgten Plaues, den Bau selbst erklärte.
In Schnellzugseile ging es dann nach der Stadtbibliothek, ein vom Jesuitenorden in seinem Stile errichtetes. Gebäude, das jetzt als Gymnasium dient und im Erdgeschoß die aus etwa 120 000 Bänden und 15 000 Handschriften bestehende Bibliothek beherbergt. Von den Handsckiristen ist der Codex aureus, ein Evangelienbuch aus dem 9. Jahrhundert das wertvollste Stück, dem sich u. a. auch das Original der Trntz- nachtigall von dem Jesuiten Friedrich von Spee (geb. 1592) cmreiht. Spee ist einer der bedeutendsten Dichter geistlicher Lieder unb ein unerschrockener Bekäinpfer des Hexenwahnes gewesen. Er starb im Jahre 1635 am Fieber, das er sich nach der Eroberung vou Trier als Pfleger zugezogen hatte. Sein Grabmal ist in der Dreifaltigkeitskirche, eine Gedenktafel neben dem Tor der Stadtbibliothek.
Nach den Handschriften und den Inkunabeln ist die Briefsammlung der Bibliothek am interessantesten. Es finden sich Briefe von Ignatius von Loyola, Luther, Goethe, Schiller, dessen letzte Feder ebenfalls Eigentum des Institutes ist, Maria Theresia, Napoleon und anderen hervorragenden Persönlichkeiten, denen jedoch nicht mehr die erforderliche Teilnahme geschenkt wurde, da ein viel wichtigerer Herr feine Rechte geltend zu machen anfing und mit unheimlichen Grollen gegen die Vernachlässigung seiner Bedürfnisse protestierte. Als die Klügeren gaben wir nach und eilten, wie weiland Merkur, mit beflügelten Sohlen nach unseren Hotels, die sich glücklicherweise in nächster Nähe befanden.
Rus uugedruckteu Briefe«» Heiurich Schliemanns.
Die Briefe Schliemanns, die Schneideck in einer Monatsschrift mitteilt, dürsen auf weitgehendes Interesse rechnen. Die Briefe sind an einen begeisterten Verehrer Schliemanns, den verstorbenen Justizrat K a r l P l a t 0 in Kolberg, gerichtet und erzählen von den Ausgrabungen, die der Forscher auf dem Hügel von Hissarlik vornahiu und durch die er eine versunkene Wunderwelt, das Troja Homers, wieder neu erstehen ließ. Zwei ©(erneute sind in Schliemanns Leben die treibenden Kräfte gewesen, die schon in frühester Jugend ihn bewegten: Seine Liebe zu Minna Meincke und seine Begeisterung für Homer unb das SW ter tum. Als seine Familie verarmte, mußte er an der Verwirklichung biefer Heiden Ziele fast verzweifeln. In Fürstenberg in Mecklenburg trat er in ein kleines Krämergeschäft ein unb mußte Heringe, Tal glicht er, Butter und andere nützliche Dinge von früh 5 bis abends 11 Uhr verkaufen. Jede Bildung feines regen Geistes war ihm verschlossen, nur ein verbummelter Gymnasiast, der sich bent Trünke ergeben hatte, rezitierte dem Lehrling für ein paar Gläser Branntwein einige hundert Homerverse, deren Schönheit seine begeisterte Seele gierig aufnahm unb die ihm das Trostlose seiner Sage recht deutlich zum Bewußtsein brachte. Nach mancherlei Nöten unb Irrfahrten gelang es ihm schließlich, sich eine gesicherte Stellung zu verschaffen, aber als er nun das eine Ideal seines Lebens verwirklichen wollte und um die Hand Minnas anhielt, da erhielt er die Antwort, seine Jugend- geliebte habe vor wenigen Tagen eine andere Ehe^ge- schl offen. Nun blieb ihm nur noch feine andere Sehnsucht : die Entdeckung Trojas. Als reicher Großhändler besaß er die materiellen Mittel, seine weittragenden Pläne in Angriff zu nehmen. Zunächst machte ihm zwar die türkische Regierung große Schwierigkeiten, denn sie wollte ihm den Hügel, der die Burg des Priamus barg, nur zu einem ungeheuren Preis- Verkaufen. Aber schließlich setzte er doch seinen Willen durch unb grub, seiner genialen Intuition vertrauenb, auf Hifsariick nach den Ruinen Ilions, während alle Welt bamals noch Bnnar- baschi für die Stätte bes homerischen Troja hielt. Alle Anstrengungen unb Entbehrungen ber Arbeit ertrug mit ihm zusammen seine Gattin Sophie, bie Tochter eines athenischen Kaufmanns, bie eben so heiß wie er Homer unb bas Altertum liebte. Eisige Winde unb fieberschwangere Sümpfe machten den Aufenthalt gefahrvoll. Große Schwierigkeiten verursachten die bunt zusammengewürfelten, ungebildeten Arbeiter. Aber «chliemann verlor nie seine naive Begeisterung, seinen glaubensstarken Hu- mor. Er nannte die Arbeiter scherzhaft mit hochtönenden Namen Agamemnon, Laomedon, Aeneas. „Ich nehme meinen Schwiegervater mit", schreibt er an Plato, „beim er ist ein Herakles unb eignet sich daher sehr fürs Kommando. Nichts flößt dort so große Ehrfurcht ein, als physische Kraft, und wird mein Schwiegervater, um so mehr als er Grieche ist, dort als der größte


