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Papa!"
(Fortsetzung folgt.)
Mal mit Euch plaudere, aus der — Ferne! Ach, so weit, so schrecklich weit!
Ich habe gut geschlafen. Erst allerlei geträumt, auch von zu Haus und von Bernstadt. Dummes Zeug! Aber es ist doch hübsch, daß uns die Träume so rasch wo anders hinführen, schneller als die Eisenbahn. Und nach einem festen Schlaf bin ich daun aufgewacht und jetzt sage ich Euch: Guten Morgen, Muttchen, guten Morgen, teurer Papa! Gott segne Euch und behaltet lieb
Eure Della.
Grüßt Toto und Miezchen und die alte Anna. Toto braucht nur zweimal in der Woche frisches Bogelkraut,
157 Hage Korsischer Mauömörder.
Erinnerungen an Korsika.
Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adols T i e m a n n. (Nachdruck erwünscht.)
imd jetzt, wo ich nicht da bin, mußt Du daran denken und aufpassen, daß sie ein zweites Täßchen nimmt. Sie mag's gerne und es schmeckt ihr gut. Und viel Zucker und Sahne rein, das kleine, geliebte Frauchen ist zu schmächtig. Ich glaube immer, sie hat sich zu sehr abgearbeitet — doch daran darf ich nicht denken, sonst möch' ich nach Hause fliegen, und ich kann doch nicht — jetzt muß ich arbeiten, unablässig; und fleißig sein will ich, und dann — M letzt sind nvir dabei, also — der Professor meint, daß ich es wirklich sehr weit bringen kann. Und iuenn ich's erreiche, o Vater und Muttchen, wie sollt Ihr glücklich sein! Vorbei ist's mit der Arbeit und Sorge. Papa darf dann nicht mehr im Winter in der kalten Kirche die Orgel spielen. Mur noch, wenn's ihm beliebt, zu seinem Vergnügen. Und Mutting kriegt ein neues, schwarzes Atlas- kleid mH Spitzen und darf nicht mehr kochen und waschen und nähen und plätten — so viel Arbeit den ganzen Tag. Und daneben noch sparen, damit alles nett scheint und nobel auch, wie in einem Hanse, in den» eine Primadonna geboren wurde. Und darum durfte ich auch nicht mit zugreifen rmd nichts wisieii von Eiiren Sorgen und Mühen! Erst verstand ich es nicht, fand's wohl gar natürlich — aber jspäter und jetzt hier, wo ich meine Jugend noch einmal überschaue, jetzt weiß ich's. Wie Euer ganzes Leben nur ein großes, herrliches Opfer für mich war imd wie Ihr Euch alles versagtet, um mich nur nichts entbehren zu lassen. Und wie Ihr -mich anfzoget und verwöhntet, während Ihr bescheiden imd einfach nichts kanntet cus die stillen Freuden der Genügsamkeit. Und ich nahm das alles an wie selbstverständlich, als ob es mir gebühre, und dachte nicht nach darüber und war glücklich, weil ich Ei.ch glücklich sah. Dem: Ihr wart es doch und seid es :md sollt es immer bleiben. Ihr beiden so miteinander, Ihr beibeit geliebten, einzigen Alten! Und was Ihr mir damit gegeben, das ahnt Ihr kaum. Dieses Hans und diese Kmd- heit und Jugend. Wie Sonnenschein lag es um Euch m I dem innigen Frieden, der Euch vereinte. Und die tausend Freuden meines jungen Lebens wurzelten in dieser reinen, Harmonie. Ich konnte lachen, wem: ich wollte, und spielen,^ dem: nichts trübte den ewig heiteren Himmel, der über mir blaute, und jauchzen und singen! — Singen l So lange, bis ich mich von Euch weggesungen habe! Das, was uns 1 so innig band, hat uns getrennt. Seid nicht döse, - Ihr lieben alten Leute, wenn ich auch für einen Augenblick'traurig bin. Es wäre unnatürlich, wem: man das Elternhaus verlassen, dieses Elternhaus, und es nicht wäre. Und ich bin es recht sehr oder richtiger: ich war es. Vorgestern, am Tage meiner Ankunft, und gestern früh, als ich zum Professor ging. Es war alles so düster und schwer um mich her. Grau die Luft in feuchten Nebeln, und die Bäume froren, und die Büsche weinten, und die Blumen schickten stich an, zu sterben. Auch die großen Gebäude erschreckten mich, und bei Tante Hannchen ist's so ganz anders wie bei Euch. So elegant und - vornehm und falt. Aber sie ist sehr gut zu mir, und Lucie auch, und ich bin wohl recht undankbar! Bin cs wohl überhaupt, denn als ich bei Euch war, da wußte ich auch gar nicht, ■ wie viel ich Euch zu danken habe — jetzt erst weiß ich es.-. Man wird sich des Guten, das man besessen, erst bewußt,' wenn n:an es nicht mehr hat. Ach, Muttchen, Muttchen, könnte ich Dir nur jetzt aus der braunen Kasieekanne deinen Kaffee einschänken! Ihr werdet wohl nun, wo ich fort bin, die kleinere in Gebrauch nehmen, die oben am, Schnabel etwas ausgebrochen ist. Aber ich will endlich vernünftig sein! Also heute früh war ich schon viel weniger traurig. Auch gestern nachmittag und abend. Der Professor hat n:ir nämlich wirklich eine glänzende Zukunft prophezeit. Er Isvrast in überschwänglichen: Lobe von meiner Stimme uuti wollte es dir selbst schreiben. >Und so weiß ich doch, daß ich erreichen kann, wovon wir alle > uns so viel künftiges Hlück versprechen. Ich wollte Euch das gestern abend schon mitteilen, aber ich war sehr müde, und ich wollte frisch-seifs und munter, wenn ich das erste
Die doppelte Unterschrift, die einen Kaufmann nach Angabe des Sohnes verdächtig macht!
Ich schrieb meinen Vornamen Adolf, wenn ich bei. o akkreditierten Bankhäusern Geld aufnahm, nut ewembc schen „b". Das erste Zeugeuprotokoll hatte ich wohl m einem lateinischen „d" im Vornamen unterschrieben, oo ich mich in einem Lande befand, in dem man nur late I / schreibt. Bei meiner zweiten Vernehmung bat Ny w w mäunisch philiströser Genauigkeit darum, nnr mein Unterschrift zu zeigen, damit ich das zweNe p o ebenso zeichnen könnte. Als mich der UniersuchuugsucYtu deswegen interpellierte, legte ich ihn: klar dar, daß z Sicherstellung von Kreditbriefen ganz bestimmte por« von Unterschriften angewendet und diese den eu z
(Fortsetzung.)
Ebenso wurde meine sichtliche Verlegenheit in folgendem Vorfall am Spätnachmittage falsch gedeutet. Für meine Korrespondenz wollte ich einige Marken kaufen. Der Portier im Flur des Hotels war abwesend, und so trat ich in das spärlich erleuchtete Direktorzimmer em. In meiner Kurzsichtigkeit erkannte ich in der verschleierten, feinaekleideten Dame mit dem Hut auf dem Kopfe, die hinter dem Schreibtisch des Direktors saß, nicht die Kellnerin, die in den ersten Tagen im Hotel bedient hatte, ich glaubte vielmehr die Hotelbesitzerin, die vielleicht ausgehen wollte, oder von ihrem Hotel de France gekommen war, vor mir zu haben und fragte deshalb französisch nach Marken. Da mir auf Deutsch nicht recht verständlich geantwortet wurde, bemerkte ich, daß ich mich getäuscht hatte und verfiel m den anderen Irrtum, W die Dame ein neuer Kurgast wäre, der auf Mademoiselle Ruby wartete. Ich trat darauf beschämt, wie ein begossener Pudel, mit eiuigeu gestammelten Entschuldigungen ab. Rechtsanwalt Decori hat zum großen Gaudium des Auditoriums in einer laumgeu Weise dieses schwerwiegende Verdachtsmoment damit gedeutet, daß ich als schüchterner Jüngling vor dem jungen hübschen Mädchen Reißaus genommcu hätte
Die Gattin des berühmten Rechtsgelehrten, Geheimen Justizrats und ordentlichen Professors Dr. Ritter v. Sch. aus B., die ich in Gesellschaft ihres Gemahls und des Barons v. d. L. in der Nähe der Billa Belvedere aus der Salariostraße überholte, hat ihre größte Verwunderung darüber ausgedrückt, daß ich so langsam emherschrrtt, und daß mein Mantel von unten bis oben zugeknöpft gewesen sei. Wenn es auch nicht kühl in der, Sonne war, so kam von den Schneebergen ein kühler Wind herüber, und in) mochte mich die ganze Zeit über nicht mit abwechselndem Auf- und Zuknöpfen meines sehr leichten, ärmellosen Staud- mantel beschäftigen. Außerdem füllte beide Mantclseiten- taschen der reichliche Proviant, die bei aufgeknöpftem M-ntM hin und herpendelnd, mich beim Gehen behindert hatten, Im übrigen scheint Frau Professor v. Sch. zu vergeßen, daß wir den 30. Dezember hatten und ihre verehrten I Schwestern in: Juli noch Pelzschmuck führeii. Das furchtbare Dementi derselben Zeugin, sie hatte nicht 6erneut, daß ich einen Krimstecher be: mir getragen hacke, nut oem ich, hier und dort anhaltend, die Landschaft beschaute, lost sich dadurch in Wohlgefallen auf, daß ich den Krnn techer in der Brusttasche meines Mantels trug und das Umhange futteral als unnötige Bagage aus meinem Zimmer gelaßen


