1906
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Der Siern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Im Hause des Kantors und Lehrers Brandt herrschte helle Freude. Mit der Morgenpost wären zwei Briefe ange- kommcn. Für den einen halte der Kantor Strafporto bezahlen müssen, aber was wollte das bedeuten seinen» Inhalt gegenüber. Bedeutungsvoller noch war allerdings der zweite, der auf feinem englischen Papier nur einige mit etwas ungelenker Schrift geschriebene Zeilen enthielt:
Sehr geehrter Herr Kantor I
Ich beglückwünsche Sic zu der Stimme Ihres Fräulein Tochter. Sie ist sublim. Ein großer Star wird mit ihr am Kunsihimmel aufgehen. Ich bin entzückt, ihr Maöstro sein zu dürfen. Ich begrüße Sie!
Ranzoni.
Der Kantor und seine Frau waren nicht ivenig erstaunt, daß der berühmte Gesangslehrer seine Meinung direkt zu erkennen gab. Das hatten sie gar nicht erwartet. „Della muß einen geradezu überraschenden Eindruck auf ihn gemacht haben, wenn er das tut," sagte die Mutter.
„Jedenfalls ist es nicht das Gewöhnliche. Man erzählt, er soll sehr stolz sein und unzugänglich," erwiderte der Kantor nachdenklich, „vielleicht steht in den Briefen etwas davon —"
„Ach wirklich. Da ist ja einer von Hannchcn und einer von dem Mädel." Frau Brandt faltete die Briefe auseinander.
„Meine Schwester nimmt zu dickes Papier zum Schreiben, darum muß man Strafporto zahlen," sagte sie tadelnd, setzte die Brille auf und schickte sich an, zu lesen.
„Laß mich, Alte, ich lese dir vor, was sie geschrieben haben. Ich denke, es kann sich hören lassen und wirb die zwanzig Pfennige wert sein."
Dabei lachte er übers ganze Gesicht, machte sich's im Ledcrpolsierstuhl, der in der Nähe des Fensters stand, recht bequem und begann:
Lieber Schwager und Schwester!
Hab' ich's Euch nicht gleich gesagt, daß die Della ein Phehnomen ist? Kaum hatte der Ranzoni sie gehört, als er erklärte, sie sei ein Stahr, und er wolle sie ausbilden. Sie ist mit einem glücklichen Fuß nach Dresden gekommen und Eure Tochter wird ein leuchtendes Gestirn am Kunst- Himmel sein — una artista graude — das hat er gesagt. Ich habe es mir von Della aufschreiben lasten. Sie ist gesund hier angekommen und auch heute schon viel froher, aber sie muß mehr essen unb sie wird uns einstens alle glücklich machen. Lucie grüßt vielmals. Was aus
ihr werden soll, weiß ich nicht, schade, daß sic kcin Talent hat, aber cs ist doch für die ganze Familie ein Glück, daß Dellchen es hat. In treuer Liebe
Eure Johanna.
NB. Der Ranzoni ließ sich Deine Adreste geben. Er sagte, er wolle Dir selbst mitteilen, wie er die Stimme gefunden habe. Sehr nett, nicht wahr.
Die Obige.
„Mit der Orthographie der Fremdwörter lebt deine Schwester auf etwas gespanntem Fuße."
„Gott, schulmeistere doch nicht gleich, Hermann", begegnete sie ein wenig empfindlich seinen Neckereien. „Was liegt an der Orthographie, ivenns Herz nur gut ist, und 'nen Justizrat hat sic auch bekommcn, trotzdem sie die Fremdwörter nicht richtig schreibt. Ihrem seligen Mann war das ganz egal, deswegen war er doch ein hoher Beamter, und sie hat sich an seiner Seite sehr gut entwickelt."
„Ja, und die andere von den beiden Schwestern, dis gebildete, hat nur 'nen armen, simpel» Kantor gekriegt."
„Pfui, Hermann!"
„Hermännchen, wenn ich bitten darf, Alte! Was sich liebt, das neckt sich! Uni) ich bin heute so froh uni- gut aufgelegt, na, und wir zwei beide verstehn uns doch, wir haben unsere eigene Orthographie, nicht wahr? Lieb- haben wird immer groß geschrieben und zufrieden sein auch, und dann kommen drei Hauptworte: Weib und Kind und ..."
„Mann", fiel sie ihm ins Wort und sah ihn zärtlich an.
„Ich ivolltc eigentlich sagen: Courmacher! Denn nicht wahr, Bertchcn, wenn wir so glücklich sind wie heut, da erlaubst du wohl mal wieder, daß ich dir die Cour schneide?"
„Und darüber vergißt du den Brief von Della."
„Weiß Gott, nein! Nun aber aufpassen!"
Sic sctztcn sich beide unwillkürlich in Positur, und eine feierliche Stimmung schien sich ihrer nach den vorhergehende» Scherzrcde» zu bemächtige»:. Frau Brandt rückte ihren Stuhl näher an de» Polsterstuhl heran und stützte die Hand auf die Lehne. Gespannt bing ihr Auge en» Antlitz des Mannes, als wolle sie jedes Wort, das er lese»» würde, sich in seinen Züge»» wiederspiegeln sehe».
„Guten Morgen, Mütterchen, guten Morgen, teurer Papa! Gott grüße Euch beide, meine heißgeliebte»», g»ite» Ettern. Unb denkt ein Weilchen, daß ich neben Euch sitze am Frühstückstisch. Um diese Zeit klopst gerade der Briefträger bei Euch an und bringt meine Grüße. Gieße bei» süßen Muttchen noch eine Tasse ein, Papa, sie vergißt immer an sich selbst, weil sie nur für die anderen sorgt,


