1906
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Kitteliofe Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
/Mer wenn Tu es wußtest uttb mich trotzdem neu
____A schönen, fragen- wie eilt müdes Kind
behieltest, warum dann —"
Sie vollendete den Satz nicht, denn in ihren Augen lag auf einmal eine bange Frage, die Frage an ein unverstandenes schiveres Schicksal.
Er verstand den Borwurf, den dieser Blick ihm bewußt predigte. Leidenschaftlich küßte er die schönen, src Ven Augensterne, daß sie schließlich mit gesenkten Lidern au seiner Brust ruhte. Ta begann er zu sprechen. Er schilderte ihr den Vormittag, an dem er gehofft, ein glückstrahlendes Bräutchen in seine Arme schließen zu können und an denk er jene entschliche Entdeckung gemacht hatte, die durch Bittners Bericht noch bestätigt^ nwrden war, und sie erzählte mit leiser Stimme alles, ohne ihm im Grunde etwas neues zu berichten, Er halte sich die ganze Sache ungefähr so vorgestellt.
„Warum schriebst Du bloß nicht, Liebling? Das mußte mich doch an Deiner Liebe zlveifeln lassen", fragte er zuletzt
vorwurfsvoll.
Sie richtete sich auf und strich verlegen das wirre Haar aus der Stirn. Sie mußte erst ihre Gedanken sammeln, um sich der Einzelheiten jenes Schreckenstages zu erinnern.
„Warum ich nicht schrieb, Fritz? Ja, siehst Tu, uh schlief wohl auch sehr lange nach dem Balle — wie spät es war, als Betty mich mit der Depesche in der Hand weckte, das weiß ich Dir wirklich nicht, ich war ja ganz wirr vor Schreck — ich hab- mich gar nicht allein entziehen können, so haben mir die Hände gezittert und Betty mutzte mir bei allem helfen — ich hatte meine ganzen Sachen einzw bäcken — es war ein Gehetze, eine Aufregung — ich dachte wohl daran. Dir zu schreiben, aber ich war ja keine Minute allein und ich wußte auch nicht, durch wen ich den Brief schicken lassen Mte — nnd außerdem — Du hattest mir doch gesagt, daß Du früh gleich kommen würdest nnd.mein Zug ging erst um eins, bis dahin mußtest Tu ja bei mir sein. Wie Tu dann doch nicht kamst und Leutnant Bittner mich zur Bahn brachte, da hab' ich den: immer etwas sagen wollen, aber ich hatte solche Angst, den ersten Schritt zu tun, weil ich dachte, daß ich Deiner nicht wert sei und paß Du mich nicht mehr mögen würdest, wenn Du erst das Von Brockhaus erfahren. Als Tu dann nicht schriebst, auch stach Papas Tode nicht, da war mir's ganz klar, daß ich Dich nicht hatte festhatten dürfen. Ach, Fritz, dieses verzweifelte Warten aus den Briefträger, wochenlang — das schlimmste war die Ungewißheit, ob ich Dich wirkliche durch 'eigene Schuld verloren oder ob ich Dir gar nur eine flüchtige Liebelet gewesen sei — «es in mir hat sich anfgelehnt dagegen, daß ich Dich verlören haben sollte,"
Sie schwieg wie erschöpft von der Gewalt der Er- innerung. Sein Arm schloß sich fester tun ihre zarte, bebende Gestalt. ,
„Mein armes Kind", sagte er leise, „wie eticketzltch mußt Tu gelitten haben! - Höre nun metns Beichte auch ich habe nicht recht an Dir gehandelt, als ich Dich ganz einfach im Stich ließ, ohne mir vollgtlttge Beweise für Deine Schuld zu verschaffen. So vermied ich peinlich allem, was Di und Dein Verhältnis zu Brockhaus be- traf, nachzuforsch;-.i und als ich endlich durch einen Zufall erfuhr, daß das Ehepaar Brockhaus längst wieder und zwar in schönster Eintracht zusammenlebte, daß ihre Eh« durch Dich keine dauernde Störung erlitten habe, Deine Schuld also nur gering sein konnte — da war es zu spat. 1
Er zögerte flüchtig und als er dann weitersprach, lagerte eine Wolke auf seiner iveiß gegen die Mänöverfarbe des Gesichts abstechenden Stirn.
„Ich hätte gern jetzt alles gut zu machen gesucht, mem Herzenskind, wenn nicht ein Ereignis dazimschen gekommen wäre, das mich davon zurückhielt, Dich noch einmal an mich zu erinnern. Ich verlor um jene Zeit bei einem der vielen Bankkrachs, bereit auch Tn Dich vielleicht erinnern wirst, mein ganzes '.mögen — ich lebe seitdem mit Hilfe meiner Verwandten weiter, bis zum Hauptmann geht's nicht ohne einen Zuschuß — aber selbst wenn ich endlich Hauptmann bin, das heißt Hauptmannsgehalt habe — wenn wir sehr, sehr bescheiden leben, Suse, da könnten lvir's ja wagen.",
Sie hatte ihm bis dahin ganz ruhig zugehört, ohne Zeichen irgend einer Bewegung, der Kopf wieder an seine Brust gelehnt. - . .
Nun hob sie ihn rasch- empör, daß, er ihr voll tns. Gesicht sehen konnte nnd — er traute seinen Augen kaum, sie lächelte ihn an, ein so liebes, tapferes .Lächeln, das Lächeln des Weibes, dessen Glück erst vollkommen, wenn es sich opfern kamt.
„Nein, Fritz!" sagte sie fest, „wir werden uns nicht heiraten — ich kenne leider zu gut die Misere einer solchen Liebesheirat von meinen Eltern, her. Wenn ich mir denke, unsere Liebe sollte mal so im Elend und im Dunkel enden, dann möchte ich lieber gleich auf der Stelle tot sein. Unsere Kinder könnten sich dann auch mal so mnhsettg durchs Leben 'schlagen, wie. ich jetzt, nee, ich danke, Herr Franke." L ,r
Fhre naive, von jeder Prüderie freie Ausdruckweise amüsierte und entzückte ihn zu gleicher Zeit. Er küßte sie stürmisch. . , . „ ...
„Suse, Goldenes, Du bist w grausam uermmihg. 3$ kenne doch keine andere Sehnsucht mehr, als Dich mein Weib nennen zu dürfen. Laß 11118 doch warten, Herzblatt, vielleicht gewinne ich das große Los oder Du beerbst irgend einen verschollen geglaubten Onkel."
„Ich hab' aber keinen."
„Dann 'ne Tante."


