Ausgabe 
11.4.1906
 
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schlanke, geschmeidige Figur umschloß, er kam Suse plötzlich ; überraschend jung vor, gar nicht wie ein älterer Herr, vor dem sie immer eine Art Respekt gehabt hatte. Und als er sich nun, nachdem er sich die Erlaubnis dazu cingeholt, eine Zigarette entzündete und sich ebenfalls bequem zurücklegte, wich ihx erster Aergcr über sein Erscheinen einem gcivisscn heimlich süßen Reiz, der dieses töte ä tete mit dem ihr stets rätselhaften Manne umwob. Sollte ihr vielleicht in dieser Dämmerstunde eine Lösung dieses Rätsels werden?

Run erzählen Sie mir etwas hübsches, Fräulein Suse!" begann er im leichten Plauderton,an was oder an wen dachten Sic denn, als ich störend hier hereinplatzte?"

Sie konnte nicht verhindern, daß ihre Wangen sich ver­räterisch rot färbten.

Oh, ich dachte an alles mögliche, an den Ball gestern, an alles Schöne, das ich hier schon genossen habe, an das, was mir noch bcvorsteht, mit einem Worte ich träumte."

Sie träumten?" wiederholte er nachdenklich.Träume sind das Vorrecht der Jugend", und dann mit einem Blick, der wie in weiter Ferne etwas zu suchen schien,es gab auch in meinem Leben eine kurze, sehr kurze Zeit, in der ich träumte."

Das junge Mädchen hatte sich aus ihrer nachlässigen Stellung ein wenig aufgerichtet von Neugier erfaßt über die sichtliche Erregung, die durch seine Worte vibriert hatte, aber ihr Gefühl wandelte sich in eine leichte Beklemmung^ als sie seinem Blick begegnete, der in einem kurzen, leidenschaftlichen Aufleuchten den ihren suchte. Ihr Herz begann unruhig z>! klopfen und bestrebt, keine peinliche Pause im Gespräch ent­stehen zu lassen, meinte sie scherzend :

Uni) natürlich sind Ihnen diese Träume alle in Er­füllung gegangen?"

Nein."

Es klang so hart und kalt, diesesNein", in dem Moment war er wieder so ganz der alte, schroff abweisende, daß Suse sich mit einem scheuen, erschrockenen Ausdruck in dem erblaßten Gesicht unwillkürlich znrückbog. Der Mann sah cs und cs griff ihm ans Herz. In einer ungestümen Befühlsanfwallung ergriff er eine der kleinen, ein wenig widerstrebenden Mädchenhände.

Ich habe Sie erschreckt, Fräulein Suse, nicht wahr, Sie haben vergnügt plaudern wollen, und ich alter, gries­grämiger Kerl komme Ihnen da gleich mit einer schroffen Art, für die Ihr sonniges Gemüt ja lein Verständnis haben kann. Nein, nein, schütteln Sie nicht den Kopf, cs ist so, woher sollten Sie denn auch schon etwas wissen von Dingen, die einen Menschen hart und verbittert machen können, wie ich es bin."

Er ließ ihre Hand fallen und griff sich an die Stirn, als fühle er dort einen körperlichen Schmerz.

Dann warf er die verlöschte Zigarette achtlos in eine kleine Nippschale auf dein Tischchen hinter sich und fuhr leidenschaftlich zu sprechen fort:

Sie werden sich wundern, Fräulein Suse, daß ich gerade Ihnen gegenüber einmal die kühle Maske vom Ge­sicht herunterreiße und Ihnen zeige, daß mir auch ein Herz in der Brust schlägt und ich nicht so ruhig und gfricly giltig bin, wie ich nach außen hin erscheine aber sehen Sie, Fräulein Suse, mit Ihnen ist noch einmal die Jugend in mein Leben getreten. Wenn ich Sie so beobachte mit Ihrem kindlichen Frohsinn, Ihrer Genußfähigkeit, Ihrer leichtherzigen Glückszuversicht, daun fühle ich deutlich wie nie, daß man mich um das Beste im Leben betrogen hat um meine Jugend."

Er schöpfte tief Atem, schwieg einen Moment, stand daun auf und begann in dem allmählich sich verdunkelnden Zimmer auf und ab zu gehen, während er, von einem plötzlichen Mitteiluugsdraug toie von einer Krankheit be­fallen, weitersprach:

Wollen Sie wissen, wie ich aufwuchs? Ich habe meine Eltern nicht gekannt, eine rechte Heimat nie besessen. Bis ich ins KadettenhauK kam, wurde ich als unnützer Brot­

esser unter lieblosen Verwandten herumgestoßen, die sich meiner nur aus Staudesrücksichten anuahmeu. Liebe hat mir keiner gegeben, aber jeder glaubte, das Recht zu haben, über meine Zukunft bestimmen zu können. Ihrer Meinung

nach stand einem vermögenslosen Brockhaus nur eine Kar­riere offen er mußte Offizier iverden. Ich wurde cs nicht ungern, denn ich war von frühester Jugend au den Gedanken gewöhnt, aber kennen Sie die Misere eines Offi­ziers, der mit seiner ganzen Existenz von der Gnade eines halben Dutzends Verwandten abhängt? So viele teilten sich nämlich in meine monatliche Zulage, jeder gab zwanzig

I Mark. Natürlich reichte ich nie. Ost bin ich hungrig zu j Bett gegangen und gefroren hab' ich auch. Und dazu die I Briefe von Onkeln und Tanten, mich einzuschränken, etwas I tüchtiges zu leisten, mich dankbar zu erweisen für die un- | geheurcu Opfer, welche verwandtschaftliche Liebe mir brachte.

Oh, cs war ein reizendes Leben."

Er lachte bitter auf.

Und wie viele mag es gegeben haben, die mir neid- Ivoll nachsahen, wenn ich säbelrasselnd den Talmi glanz meiner Leutnantexistenz durch die Straßen trug. Nach außen hin entbehrte ich nichts und entbehrte doch alles für mich gab's kein sorgloses Genießen, kein fröhliches Sich>- gehenlassen, kein ungetrübtes Glück. Auch meiner Leut- nantsiiebe mußte ich entsagen. Sie war ein süßes, herziges blondes Ding, ein Sonnenschein wie Sie, Suse aber bettelarm und schließlich vernünftiger als ich sie heiratete einen reichen Baumeister ich habe nie wieder von ihr gehört. Mit ihr schwand mein letztes Hoffen auf Glück, ich wurde zum kalten, hartherzigen Streber. Ich heiratete meine Frau, weil ihr Reichtum mich aus unerträglicher Abhängigkeit befreite und weil sie keine glühende Liebe von mir' forderte. Wir haben ruhig und leidenschaftslos neben einander her gelebt und nur einmal ist es Ivie ein verzweifeltes Auslehnen über mich gekommen, als mein Onkel, gerade der, der immer am meisten über die Zulage für mich gestöhnt hatte, starb und mir ein unerwartet hohes!

I Vermögen hinterließ. Jetzt iväre ick frei und unabhängig gewesen und war doch fürs ganze Leben gefesselt. Nun, ich habe mich auch darein gefunden, obgleich es eigentlich das schwerste war, was mich im Leben getroffen. All die anderen kleinen Mißhelligkeiten, die noch kamen, störten mich nicht mehr, an dem, was in mir versteinert war, prallten sie ab. Gewaltsam hab' ich mein Herz in all diesen Jahren gegen die Menschen um mich verhärtet, ich weiß, daß es immer nur lose Fäden sind, die Geselligkeit, Kamerad­schaft zwischen mir und anderen spannt, im allgemeinen geht mein mir tunlichst aus dein Wege. Aber nun zunt erstenmal", er hielt in seinem ruhelosen Umherwandeln inne und trat dicht neben den Sessel, in dem seine junge j Zuhörerin regungslos, wie betäubt, lehnte,tut es mir1 weh weil Sie' es sind, Suse, in deren sonnigen Augen! ich die Scheu, vor mir lese, weil ich bemerke, wie bedrückt, ja verängstigt Sie sich in meiner Gegenwart fühlen, wie Sie sich Zwang antun, freundlich und unbefangen mit mir zu sprechen, während bei allen anderen das kleine Plappermäulchen nur so sprudelt vor- Uebermut."

Ein leises, fast zärtliches Lachen kam von seinen Lippen.

iHab' ich nicht recht, Suse?" fragte er, sich mit beiden I Armen auf die Lehne ihres Sessels stützend, daß sein I Gesicht dem lichtblonden Köpfchen ganz nahe war und er I einen Moment in Versuchung kam, seine Lippen in das lockere krause Haar zu drücken. Ob sie es instinktiv ahnte? Sie richtete sich hastig empor.

IJa, Sie haben recht, Herr Hauptmann!" stammelte sie, in reizender Verlegenheit vor sich niedersehend,ich hatte immer Angst por Ihnen, ich dachte, Sie mögen es nicht gern, ivenn andere Menschen lustig sind und dann" sie stockte, und nach einem raschen Aufblick, in dem schon etwas von ihrer gewöhnlichen Schelmerei zum Vorschein kam, fuhr sie entschlossen fort:für sehr hoch­mütig hab' ich Sie auch gehalten, mir schien's, als ob Ihnen Sie arme, bürgerliche Verwandte Ihrer Frau recht unbequem wäre"

Um Gottes ivillen, hören Sie auf, das wird ja eut entsetzliches Sündenregister i" fiel er ihr ins Wort,so ein gräßlicher Kerl war ich also in Ihren Augen. Aber, Kind, liebe, kleine Suse, haben Sie denn nicht gemerkt "

Er biß sich plötzlich fast erschrocken auf die Lippen. Was siel ihm denn ein? Er durste sich ihr kaum gewonnenes Vertrauen doch nicht durch eine Liebeserklärung gleich wieder verscherzen. Und es wäre wahrhaftig eine geworden, eine sehr feurige dazu.

Alter Esel!" dachte er in grimmig.