M. 54
1906
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Mittellose Mädchen.
Roman von H. E h r Hard t.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
SuseS Blick wurde verwirrt, fast hilflos. Sie befaß nur einen Veilchenstrauß, den der geliebte Mann ihr gebracht und den sie hu Garderobeziunner sofort heimlich in ein Glas Wasser aufs Fensterbrett gestellt hatte, damit er nicht das Schicksal der anderen Blumen teilen sollte, im heißen Ball- saai zu verwelken. Sie konnte sich so schlecht beherrschen, daß der junge Offizier wohl etwas von ihrem Tun ahnte, denn da keine Antwort von den roten Mädchenlippen kam, fragte er leise:
' „Wo haben Sie meine Veilchen, Fräulein — Suse?"
„Ich — ach, ich —"
Suse kam ins Stottern, wand sich förmlich unter seinem zärtlich forschenden Blick und platzte endlich wie ein geängstigtes, trotziges Kind heraus:
„In der Garderobe stehen sie hu Wasser — cs tat mir so leid um sie — ich liebe gerade Veilchen so sehr--
und —"
„Stile!"
Es kam mühsam zurückgcdämpst aus seinem Munde.
„Und? Was weiter?"
Sie wandte sich zur Flucht.
„Nichts weiter!" gab sie übermütig zurück, und da in diesem Moment Frau Meta auf sie zurauschte, lief sie der Kusine erfreut entgegen und hing sich an ihren Arm.
„Wir gehen nach Hause, Suse", sagte sie gelassen, „hast Du Dich genügend abgckühlt? Nein, Du glühst ja noch immer, Du hast unvernünftig viel getanzt."
Suse zog eine Lippe und warf dem eiivas verstimmt dastehenden Trautendorf einen komisch verzweifelten Blick zu:
„Adieu, Herr Oberleutnant!"
Vor den gestrengen Frauenaugen, die ihn nicht gerade wohlwollend musterten, wagte er nicht, das kleine, warme Händchen anders als konventionell flüchtig zu drücken, geschweige denn zu küssen, wie et gern gewollt.
Ingrimmig konstatierte er kurz darauf, als er die breite Kasinotreppe hinabschritt, daß Freund Bittner bei Fran Hauptmann von Brockhaus in höherer Gunst stand, denn er begleitete die Damen nach Hause und das hätte er mehr getan, wär er nicht durch Fran MetaS Benehmen dazu ermuntert worden. Gitten Moment kam ihm die Idee, nachzulaufen und ganz frech und unbefangen mitzugehen, aber er verwarf sie sofort wieder. Sein hübscher Kopf bog sich stolz in den Nacken. Er, Fritz Trautendorf, brauchte einen
Bittner nicht zu fürchten, mochte der auch tausendmal eins gute Partie sein und er nur ein armer Schlucker.
11.
G3 ivar einen Tag nach dem Balle. Das Wetter hatte sich über Nacht geändert, der erste Tauwind fuhr zerstörend über die Pracht des Winters und ließ seine häßlichen Spuren auf seinem weißen Schneegewande zurück.
Nachmittags begann ein flockiger Tauschnee zu fallen, der sich auflöste, sobald er den Erdboden erreichte und nut seinem zerweichenden Vorgänger eine schmutzige, roibrige Masse bildete.
Frau von Vrockhans war mißnmttg gegen 4 Uhr zu einet Sitzung des Vaterländischen Frauenvereins gegangen, dem die Gattin des Btigadekommandeurs vorstand, der Hauptmann saß schon fast den ganzen Tag lang in der Kaserne, sicher zum Schrecken seiner Offiziere, die an solchen Tagen nach einem Balle nichts zu lachen hatten.
Suse Meridies hatte cs sich, allein zurückgeblieben, tut Wohnzimmer bequem gemacht, einen Sessel _ an das hell- brennende Ofenfcuet gezogen, in den sic sich in behaglichen! Nichtstun, die Füßchen in ein weißflockiges Bärenfell vergraben, schmiegte. In der Stille, die sie umgab, ließen sich so gut süße, törichte Träume träumen und sie ivar derart versunken darin, daß sie den Schritt int Korridor überhörte und erst nachlässig den Kopf wandte, als sie das Oeffnca der Tür hinter sich bemerkte. Dann JfittjE sie erschrocken auf. Ihre wunderschönen großen Kinderaugen sahen dem cm- tretenden Hausherrn befangen entgegen.
„Ach, ich dachte, cs iväre Meta!" meinte sie verlegen, nur um etwas zu sagen, und machte Miene, ihren Platz zu verlassen. Aber der Hauptmann war schon neben ihr und druckte sie lächelnd in den weichen Sessel zurück. Er hatte etwas ganz anderes, belebtes, liebenswürdig-herzliches in seiner Art und Weise.
„Bleiben Sie doch ruhig sitzen, Fräulein Suse!" sagte er in fast vertraulichem Tone, „ich setze mich zu Ihnen, Ihr Plätzchen sieht so gemütlich und verlockend aus, meint man, wie ich, aus Regen und Kälte kommt."
Er schob einen zweiten Sessel herbei und ließ sich da. rauf nieder.
„Puh, ist da§ ein Wetter draußen!" fuhr er fort, du schmalen Hände vor die glühende Ofentür haltend. „>sch habe eben befohlen, daß Martin meine Frau mit einem Wagen abholt, aber bis sie da ist, wollen wir Beide ciiv mal ungestört miteinander plaudern, nicht, Fräulein Suse?^
Er lächelte ihr zu. Sein Gesicht, von der Glut bei Feuers rot überstrahlt, gewann ungemein durch den liebens, würdigen Ausdruck oder die dunkelblaue Litewka, welche seins


