Ausgabe 
10.12.1906
 
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bewegte, dessen Sebert und Seiden dem Inhalt seiner Sehre gleich war, und dieser Mensch sollte durch jenen, oft wunderlich süßen, mit langen Socken und wohlgepflegtem Spitzbart, durch jenen durch die Tradition geheiligten ChristustYP verkörpert werden können? (Ev. Matth. 11, B. 7, 8.)

Tas erscheint dem Wesen Jefn entsprechend unmöglich. Wer nicht nur Jesu Wesen ist in den herkömmlichen Chrtstusdarstell- ungen vergewaltigt worden, sondern auch seine Süßere Einkleidung rnbezug auf Bart uiid Haar, denn: Jesus trug keinen Bart und das Haar kurzgeschnitten.

Beweis: Wenn wir uns um bt_e ersten Christnsdarstellungen der ersten Jahrhunderte nach Ehristo bemühen, so erfahren wir die bekannte Tatsache, daß die Darstellungen Je,u bis ms vierte Jahrhundert (mindestens!) bartlos sind und nur m Betrefs der Haartracht die hellenistische von der alexandrinischen Austastung abweicht. Diese zeigt kurzes, jene etwas längeres Haupthaar. Mtt- hin wäre das Bartlose sicherer als das Kurzhaarige. Das ,Kurz- haarige wird aber durch die Aussagen der Bibel zur zwingen­den Gewißheit. _

Unter den Juden trugen nur die Nasiraer langes Haupthaar. Weil Jesus ümt Nazareth benannt wurde, war er noch kein Nasiräer. Das Widersmach einmal seinem Wesen, ein andermal den Tatsachen. Da Jesus vermutlich auch Wein trank, sicher aber zu Toten einging, so konnte er nicht Nasiräer fein, denn nach 4. Mose 6, B. 310 durfte der Jünger Nasirs nicht Wein trinken, noch zu Toten eingehen. War Jesus aber fein Nasiräer, so trug er den Juden gleich das Haar kurz. Und wenn uns dies noch nicht genügte, so redet Paulus im ersten Kv- riutherbrief Kap. 11, B. 14 eine so unzweideutige Sprache, daß, wer sich auch nur ein ganz klein wenig auf Psychologie versteht, unmöglich zu der Annahme eines langen Haupthaares bei dem, von Paulo über alle Maßen geliebten und verehrten Herrn und Vorbild gelangen kann: denn Paulus sagt hier der Gemeinde mrz und klar:Es ist dem Manne eine Unehre, so er lange Haare zeuget, für das Weib hingegen eine Ehre."

Paulus aber stand der Zeit Jesu jedenfalls nahe genug, um zu wissen, ob er nicht durch feinen Ausspruch Jesus selbst an den Pranger stellte. Hätte Jesus langes Haar getragen, so konnte Paulus das Tragen längeren Haupthaares vielleicht verbieten, weil es eine Anmaßung wäre aber eine Unehre?!

Wir fragen uns erstaunt, wie aber wurde die Wandlung mög­lich, wenn die Kunstgeschichte, die Bibel und die Sitten der Israeliten sich zwingend in einer Aussage decken? Das konnte nur durch ein Wunder geschehen durch Wunderberichte!

Eusebius, der Kirchenhistoriker und Bilderfeind, ward von der Konstantia (Kaiser Konstantins Schwester) um ein authentisches Bild Jesu gebeten, und Eusebius erzählt, daß er einst von einem Weibe zwei Philosophenbilder erhielt, die angeblich Paulus und Christus darstellten. (?)

Wir fragen umsonst:Wo bekam das Weib im 4. Jahrhun­dert die Bildnisse har?"Tie angeblichen": und:Warum muß der Philosoph notwendig bärtig sein?" Diese und ähnliche Legenden, insbesondere aber die Berichte von, Personen, denen Jesus erschienen sein sollte, schufen den traditionellen Christns- typ. Und diese Berichte konnten das Authentische der Christus- bitdcr in den Katakomben Roms, wenn sie etwas anderes aussagten, . verdächtigen, und konnten unter Hinweis auf Roms Göttergestalten glaubhaft machen: jene Darstellungen seien nur Symbol nicht Bildnis. Daß Zeus bärtig war, und daß Petrus mit Vollbart, Paulus mit Spitzbart anstandslos ebendaselbst gegeben waren, wurde übersehen. Trotzdem. Es wird gesagt, daß der in das Christen­tum eiitge'oritngene Hellenismus im 4. Jahrhundert durch eine orientalische Flutwelle überholt wurde, welche Flut uns dann auch den bärtigen Typus nicht nur, sondern zugleich ein wirk­liches Bildnis Jesu gebracht haben soll. Wir vergegenwärtigen uns: Nachdem im 4. Jahrhundert die Stätte der frommen, Ueber- lieferung von Grund aus zerstört war, versuchte Hadrian im Jahre 130 Jerusalem als heidnische Stadt aufzubauen und in die römische Kolonie Aelia Cnpitoliua zu verwandeln. Den Juden war bei Todesstrafe der Zutritt zur Stadt verboten und an Stelle des jüdischen Heiligtums ein Jupiter-Capitolinus-Tempel errichtet. 326335 wurde Jerusalem erst offiziell unter Kon­stantin eine christliche Stadt. Man vergegenwärtige sich nun: die Zerstreuung der Juden, die Mission der Christen, welche beide Faktoren, wenn über das Aussehen Jesu Wichtiges urti> Rich­tiges zu sagen war, dieses schon im 4. Jahrhundert bewirkt haben mußten. Wenn daher die Darstellungen Jesu bis ins 4. Jahrhundert bartlos waren, so waren sie schon von Jerusalems Wissenschaft beeinflußt; nur die künstlerische Darstellungstechnik war hellenisch oder alexandrinisch, nicht aber das rein mensch­lich Wissenschaftliche, was jenseits des künstlerischen Stils lag. Was aber konnten denn Jerusalems Christen auch so lange ver­schweigen, was zu wissen gewiß der Gemeinde, sicherer aber noch den darstellenden Künstlern, wichtig fein mußte?

Die osten angeführten Gründe beantworten diese Frage: Sie hatten nichts verschwiegen. Trotzdem siegte das orientalische Wunder mit seiner bärtigen, die übermenschliche Würde personifi­zierenden Christusgestalt über den sonnig Hellen und schönen, hellenistischen Jüngling.

Der kirchlichen Auffassung entsprach eben zunächst die strenge Erhabenheit des Weltversohners, wie ihr später der Renaissance- thp des Masters Dürer:Der Gott der Siebe" entsprach. (Eine bartlose Christusstudie von Leonardo da Vinci und Michelangelos Christus auf dem jüngsten Gericht sind seltene Ausnahmen von der Ueberlieferung.)

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Ergänzungsrätsel.

Nachdruck verböte:

K.. n . r g .. t z.. H .. m . l .. n, D .. n.. h. . a . . u. . r.. n;

W..s. w..I .i. I.. e. s.. n,

N.. m. n. w .. l e. w . r.. n!

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Logogriphs in voriger Nunnnerr Pfeife (zum Tabakraucheit), Pfeffer.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'fchen Universttäts-Buch- und Steindruckeret. R. Lange, Oltßat,