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und glaubte, es komme jemand nnd erzähle alles von mir. Mrs. Thornton kehrte gerade am Tage, nachdem mein Mann abgereist war, zurück, machte aber keinerlei Bemerkung über das Vorgefallene, nicht einmal über die Abreise meines Mannes, obwohl er regelmäßig in ihrem Hause verkehrt hatte. Ich glaube, ihre eigenen Angelegenheiten nahmen sie damals gerade sehr stark in Anspruch. Die einzige Bemerkung, die sie fallen ließ, bezog sich darauf, daß Marian nicht nach Brighton gekommen war, sie sagte, es habe sich wohl nicht arrangieren lassen, herüberzukommen, worauf ich erwiederte: „Nein." Hoffentlich habe ich mich nicht gelangweilt, was ich ebenfalls verneinte. Ich blieb noch zwei Wochen bei ihr und kehrte dann nach Hause zurück.
„O, Marian, es dauerte lange, bis ich mein schreckliches Geheimnis in seiner ganzen Schwere erfaßte. Dieme Qual und Angst läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Ich hatte keine Hilfe, keine Hoffnung, keinen Trost. Wenn ich so darauf zurückblicke, nimmt es mich nur Wunder, daß ich nicht darunter erlag. Dann ging ich auf Besuch zu einigen Bekannten in Nord-England. Ich wagte kaum zu hoffen, daß ich mein Geheimnis vor ihnen würde verbergen können. Ich wußte nicht, was ich tun, wohin ich mich wenden, wen ich um Hilfe bitten sollte. Ich war fast wahnsinnig vor Elend.
„Nimmt cs Dich Wunder, daß ich so wenig Liebe für den Mann empfinde, dessen selbstsüchtige Leidenschaft all dies unsägliche Weh über mich gebracht?
„Ich war damals gerade achtzehn. Ich war in einem Wirbel der Leidenschaft fortgerissen, halb im Traume getraut worden, wußte kaum, was heiraten hieß. Mein Mann hatte mir ein Versprechen äußersten Geheimhaltens abgezwungen, war tausende von Meilen weit fortgegangen und hatte mich allein in meinem Elend zurückgelassen.
„Ich schrieb ihm, Marian, daß er zurückkommen müsse — einerlei, was eS gäbe — einerlei, ob Königin oder Land gut oder schlecht von ihm dächten, einerlei, ob seine Zukunft dadurch vernichtet werde oder nicht — er müsse zurückkommen!
„Und dann — o, Marian, ich muß stark sein, daß die Erinnerung mich nicht überwältigt — eines Tages saß ich allein im Gesellschaftszimmer, und Miß Greenaway, die Dame, bei der ich zu Besuch war, kam herein. Sie hielt eine Zeitung in der Hand, die sie gerade gelesen hatte.
„Was für ein schreckliches Unglück ist das doch," sagte sie. Ich sah sie erstaunt au und wunderte mich, was neben meinem eigenen Kummer und Unglück wohl noch fürchterlich sein könne. Ich fragte sie, was?
„Ein englischer Dampfer verbrannt," gab sie zur Antwort, „mitten im Indischen Ozean, und von all den Hunderten an Bord sind nur vier Mann gerettet."
„Ich weiß noch, ich hatte ein Gefühl, als ob eine kalte eiserne Hand mir nach dem Herzen griffe und es zusammen- presse. Ich weiß auch noch, daß ich mich selbst über den Klang meiner eigenen Stimme wunderte, als ich fragte: „Wie hieß der Dampfer?"
„Die Meerkömgin," erwiederte sie. „Lesen Sie den Bericht hier; er ist sehr interessant."
Ich nahm ihr die Zeitung aus der Hand und las, wie der Dampfer, worauf mein Mann sich cingeschifft, durch Feuer inmitten des Indischen Ozeans vernichtet worden war, •— und der erste Name auf der Liste der Toten war der seinige, war der meines Mannes, des Vaters meines Kindes."
(Fortsetzung folgt.)
DSerhessische Ermuerungeu.
Ein alter Oberhesse, Herr L. Kimmel, der sich seit Jahrzehnten in Nord-Amerika befindet, hat aus Washington einem hiesigen Bekannten einen Brief geschrieben, in dem sich folgende, weitere Meise interessierende Erinnerungen des Schreibers an seinen diesjährigen Besuch in der alten Heimat und an seine Jugend befinden:
In jeder deutschen Brust schlummert das Verlangen zum
Wandern und, als 79 jähriger Jüngling, bemächtigte sich meiner im letzten Frühmhr eine solche unwiderstehliche Sehnsucht, die Berge und Täler, die Wälder und Fluren der alten, lieben Heimat zu durchwandern. Den Ort, wo ich, obwohl in tiefster Armut, die glücklichsten Tage mit meinen Schul- und Jugend- genofscn verlebt, wünschte ich noch einmal zu sehen. Am 4. Juli betrat ich im Hafen von Baltimore den Dampfer Neckar und nach einer angenehmen Fahrt von elf Tagen langte ich in Bremen an. Hätte ich Flügel gehabt, ich wäre der alten Musenstadt Gießen zugeflogen. In Gießen angelangt, wurde ich freudig überrascht über den herrlichen Anblick der Stadt. Da, wo früher nichts wie Garten und Wiesen zu sehen waren, sind die prachtvollsten Stadtteile wie aus der Erde hervorgezaubert worden. Da sah ich wieder einmal die kräftigen Gestalten von Studenten mit bunten Kappen und großen Schmarren auf der linken Wange durch die Straßen wandeln und hie und da den rotwangigen Mädchen einen freundlichen Blick zuwerfend und wie die Letzteren verschmitzt denselben von der Seite her nachsahen. Das scheint, ist beim Alten geblieben. Ob eine Neuerung beim gegenseitigen Benehmen eingetreten ist, ist mir bei meinem vorgerückten Alter auch ganz gleichgültig.
Mein erster Ausflug galt meinem Heimatsdorfe Rödgen. Mein erster Gang führte mich nach dem stillen, einsamen Friedhöfchen des Dorfes. In unmittelbarer Nähe des Kirchhoftores gewahrte ich den Grabstein meines lieben Vaters, der jetzt schon über ein halbes Jahrhundert den ewigen Schlaf angetreten hat. Stumm und mit beengter Brust stand ich da und lieh der Tränen freien Lauf. Langsam schlich ich durch die laugen Reihen von Gräben: durch. In vollem Schmerz las ich die Namen derer, mit denen ich einstens so viel gescherzt, gelacht, gesungen und getanzt habe. Dort schlummern sie und ihre freundliche Stimmen wird mein Ohr niemals wieder hören. Auch ich sehne mich bald nach Ruhe.
Im allgemeinen scheinen sich die Zu st an de bei der Landbevölke rung viel, und zwar zum Besten, geändert zu haben. Sie haben bessere Schulung, bessere Kleider, besseres Benehmen und bessere Nahrung. Ein Rätsel ist es für mich, wie bei fünf Mahlzeiten den Tag die V:rda::ungsvrgane ihre Funktionen zur Befriedigung ausführen können, wo hier bei uns mit drei Mahlzeiten täglich, schon viel über Unvcrdaulich- keit geklagt wird. Die früheren Spinnstuben in den Dörfern scheinen in Oblivion geraten zu sein. Das Agitieren einiger Geistlicher damals, die Spinnstuben als gemeinfchüdlich zu erklären, wäre demnach überflüssig geworden. Gar manche frohe Erinnerung knüpft sich noch an jene Spinnstubenzeit. In den Jahren 1848 und 1849 lieferte ich anonyme Beiträge für den ,Der jüngste Tag', Mehr Dich', Milde giose' usw., ,Aus der Bauernspinnstube', was mir später Unannehmlichkeiten bereitete. Der damalige Landrichter Ploch in Gießen, ein herzensguter Mann, warnte mich später, davon abzulassen, da Schnüffler aufgespürt hätten, wer der anonyme Schreiber sei. Nun, Schwamm drüber. Es schweigen alle Flöten. Auch mich hatte der damals von Frankreich, in den Märztagen 1848, herüber- kommende Freiheitssturm angehaucht. Die akademische Jugend von Gießen war begeistert für die Sache der Freiheit; auch die Bürger wetteiferten mit den Studenten in Demonstrationen, Exerzieren usw. Volksversammlungen wurden abgehalten und oft zeitgemäße, aber auch oft unvernünftig und unausführbare Forderungen an die Regierung gestellt. Die Bauern begnügten sich bloß mit einer Petition an die Regierung, um das Laub in ihren eigenen Waldungen zusammenrechen zu dürfen, nur es als Streu für das Vieh benützen zu dürfen. Gar manche lächerliche Szenen wurden dabei aufgeführt. Unter den meist begeisterten Verfechtern der Sache befanden fich die folgenden Studenten: Rudolph Fendt, Friedrich Otto Schenck und August Becker. Sie alle haben das Zeitliche gesegnet.
Mehrere bedeutende Staatsmänner und Gelehrte in den Vereinigten Staaten habe ich getroffen, welche die Vorlesnngen auf der Universität in Gießen' gehört und die die Oertlichkeiten der Stadt so genau wieder gaben, daß es meine Bewunderung erregte. Hier einige Namen davon: Cassius M. Clay, bedeutender Staatsmann und früher Ber. St. Gesandter irr Rußland; Richard Nates, voruraliger Gouverueur und Wer. St. Senator von Illinois u. m. a.
Für die v'elen Beweise vor: Freundschaft und Zuvorkommenheit von nie' t dortigen Freunden, die mir während meiner neulichen Ski . s'eeise zu teil wurde, sage ich meinen herzlichen Tank.
Achturrgsvollst zeichnet
Louis Kimmel.
Wie sah Jesus aus?
Ter Maler Ludwig Fahrenkrog sucht im „Türmer" (Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart) nachzuweisen, daß der herkömmliche Christustyp nicht echt sei.
Jesus, der runter dem Sternendome Gethsemanes seine Nächte zubrachte, der einsam an wüsten Orten oft und viel den Vater suchte, des Wahrheitsliebe glühender Gottesliebe voll, dem Kinde, dem reuigen Zöllner, der büßenden öffentlichen Dirne voll wahrhaft großer Liebe den Weg zum Himmelreich wies, dessen Worte Gewalt waren und dessen Geistesmacht Jahrhunderte;
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