Ausgabe 
10.12.1906
 
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.Lebt et noch?" unterbrach Lord Wayne.

Ich weift es nicht, ich wollte es nicht einmal wissen; später, als mir die Schuppen von den Augen gefallen, schämte ich mich bitterlich dessen, ivaS ich getan.

Wir waren getraut, und mein Mann sagte, unser Hochzeitstag sollte in einem nahegelegenen kleinen Strandorte zugebracht werden.

Zunächst brachte er mich zu einem hübschen, kleinen Hotel, daS eine schöne Aussicht auf das Meer hatte. Am Speisesaal war ein großer Balkon, dort frühstückten wir.

Ich sing an zu weinen, Marian sollte zu mir kommen. .Laß mich ihr doch schreiben, ihr alles mitteilen," bettelte ich, sie wird nicht böse iverden sie ist nie böse."

Das einzige Mal, das ich ihn habe die Stirn runzeln und ungehalten werden sehen, ivar damals.

Evelyn," sagte er und nahm meine Hände in die seinigen,Kind, versuche mich doch zu verstehen, versuche doch zu begreifen, was meine Verheiratung Marian antut. Vor Jahren habe ich sie geliebt und sie mich; ich weift, daß sie mich liebte und weift, daß so lange sie lebt sic sich nie wieder tun irgend einen anderen Main: kümmern wird. Vor Jahren hätte sie mich geheiratet, wärest du nicht ge­wesen. Sie sagte mir, sie könnte ihr Leben für uns hm- geben, daß du aber als hilfloses Kind das stärkste Anrecht auf ihre Liebe besäßest. Sie gab mich mif, verzichtete mit voller Ueberlegung auf ihr ganzes Lebensglück, und zwar deinetwegen; und jetzt bekenne ich dir, ich bin ein zu großer Feigling, um dies edle Herz zu Tode zu verwunden dadurch, daß ich ihr sage, ich habe die junge Schwester geheiratet, um derentwillen sie das Glück ihres ganzen Lebens auf- gegeben."

Sie muß es doch einmal irgendwie wissen," rief ich, und ivie kann ich sie wieder sehen, täglich mit ihr verkehren und ihr dies nicht sagen?"

Um meinetwillen," erwiderte er,weil ich Dich darum gebeten habe; und alle Opfer sind leicht für die, die wir lieben. Evelin, das Allererste, ivaS ich tue, sobald ich in Indien bin, soll fein, daß ich ihr schreibe. Ich könnte sie nicht sehen und es ihr sagen, obwohl ich ihr kein Unrecht getan habe. Sei also zufrieden sie wird dich nicht tadeln, wenn sie alles weiß."

Und du wirst sicher als allererstes schreiben," sagte ich zu ihm,sobald dti in Indien landest, damit sie alles weift."

Gewiß, gewiß; mit der ersten Post. Vertraue mir, Evelyn; ich habe noch nie etwas UnivahreS gesagt. Nun ober laß uns diese Sorge vergessen und mir daran denken, daß nichts uns trennen kann."

Wir blieben in denr kleinen Strandorte bis nachmittags. Meine Abwesenheit siel nicht weiter auf; die Dienerschaft zu Hause dachte nur an ihr eigenes Vergnügen.

Es schien so merkwürdig, ohne ihn nach Hause zu gehen, so merkwürdig, daß ich meinen Trauring abziehen und sorg­fältig verstecken mußte; daran zu denken, das? ich eine ver­heiratete Fran war, deren Manu sie über alles liebte. So sonderbar, und doch war es alles wahr."

Ein leiser Schrei entfuhr Marian West, der Schrei einer Seele in Qual in so bitterer Qual, daß jeder weitere Tropfen das Maß überlaufen läßt.

Evelyn, still, o still! Weißt du auch, daß jedes dieser Worte Tod für mich ist?"

Das unaussprechliche Weh in dem lieben, guten Gesicht, die Qual im Tone dieser leisen Stimme ließen Lady Wayne verstummen und ihre Schwester ansehen.

Zum ersten Male verloren die starken Arme ihre Kraft; zum ersten Male in ihrem ganzen Leben wandte Marian West sich ab von der Schwester, der sie mit so unermüdlicher, nie wankender, treuer Liebe geliebt.

Das war meine einzige Liebe, Evelyn," sagte sie leise, und du hast sie mir genommen. Mein ganzes Leben lang bin ich also einer falschen Liebe, einer falschen Erinnerung treu gewesen. O, es ist hart zu ertragen."

Doch Lady Wayne folgte ihr und kniete vor ihr nieder.

Du mußt mir verzeihen, Marian du mußt mir ver­geben,," schluchzte sie,kein Tod könnte mir so bitter sein, wie deine Liebe verlieren. O, meine Schwester, meine ge­liebte Schwester! Ich habe gesündigt, ober meine Strafe ist schwer, Marian; und wenn du dich von mir wendest, wenn du mir deine Liebe entziehst, wie soll ich sie bann ertragen? Du, die du niemals irgend eine Bitte unerhört gelassen, wirft mir meine jetzt nicht abschlagen."

70. Kapitel.

Was darauf folgte.

Marian West konnte der großen Liebe ihres Lebens nicht untren werben. Sie konnte der Bitte ber Schwester, für die sie alles geopfert, was ihr lieb und teuer war, auf die Dauer nicht widerstehen.

Marian," klang es an ihr Ohr,meine Schivcster, sage, daß du mir vergiebst; sieh nur, weil er dich so liebte, und weil ich dich so liebte, verbargen wir dir unser Geheimnis. O, Marian, die du so gut bist, so hoch über allem stehst, was irdisch ist, vergieb mir."

Marian," sagte Lord Wayne leise,ich vereinige meine Bitte mit der meiner Gattin; schwerer Kummer steht ihr noch bevor; vergib ihr, damit sie wenigstens den Trost Deiner Liebe hat, um das Kommende bestehen zu können."

Und Marian gab nach; die Schwesterliebe fiegte. Sie beugte sich nieder und küßte das blasse, flehende Antlitz.

Ich vergebe Dir, Eve. Ich würde Dir mehr wie das vergeben, nicht Liebling; es war ja nicht Deine Schuld; Du wärest jung und leicht zu beeinflussen. Ich vergebe Dir, wie auch ich Golt bitte, mir alle meine Fehler und Verirrungen meines Lebens zu vergeben, und es sind ihrer viele."

Wieder fühlte Lady Wayne sich von liebenden Armen umschlungen, fühlte die sanften Lippen, die nur den einen Vorwurf geäußert, wieder auf ihrer Stirne; fühlte ihr Haupt wieder an das treue Herz gedrückt, dann sagte ihr Gemahl:

Beendige Deine Erzählung, Evelyn; ich habe noch viel zu erfahren."

Dann kam noch ein Aufschub der Trennung. Mein Mann verließ England erst fünf Tage später, Mrs. Thornton war noch immer abwesend; und das Einzige, was mich jetzt noch wundert, ist, daß die beständigen langen Besuche meines Mannes in ihrem Hanse keine Aufmerksamkeit erregten.

Dann kam die Zeit, daß er fort mußte. _ Nur Gott wußte, was erlitt; nur Gott kannte die Qual dieses leiden­schaftlich liebendes Herzens. Ich ging mit ihm zur Bann. Ich habe Kummer, Schmerz, Verzweiflung gesehen, aber keinen wie seinen.

Er hielt mich im Arm, heiße Tränen fielen mir aus seinen Augen aufs Gesicht; er küßte mich wohl tausendmal, mit solchem Schluchzen, wie ich nie geglaubt hätte, daß ein Mann cs könnte.

Du nsirst Marian also kein Wort sagen? versprich mir das noch einmal; ich werde sofort schreiben. Ehe ich etwas Geschäftliches oder irgene sonst etwas beginne, werde ich an sie schreiben."

Und ich wiederholte mein Versprechen. Das war es, warum ich, als Du gegen mich wie ein Engel der Barm­herzigkeit wärest, Deine Güte und Liebe nur mit verstocktem Schweigen erwiedern konnte, das als das Höchste von Undank erscheinen mußte. Dann beginnt eine große Leere in meiner Erinnerung. Ich kann mich nur entsinnen, daß ich unter einem schwülen Himmel stand, seine leidenschaftlichen Küsse brannten mir auf den Lippen aber er war fort! Mein Geheimnis hatte mich nicht so sehr gequält und gedrückt, so lange wie er da war und es mit mir teilte, aber jetzt fiel die ganze Last und Bürde wie mit einem Male auf mich, um mich zu Boden zu drücken, zu erdrücken.

Kein Augenblick bei Tag oder Nacht verging, wo ich nicht dachte, es würde entdeckt werden. Wenn es etwas lauter wie gewöhnlich an der Tür schellte, fuhr ich empor