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Gedankens wie ein Berauschter. Hochgebaren und reich mag sie fein, stolz und makellos mochte sie auch fein vor den Menschen, aber er mußte es anders — Werner war ihr Sohn. Je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer wurde er feiner Sache. Wie es war, die näheren Umstände, das alles ging ihn nichts an; es war ihm einerlei; aber die Tatsache schien ihm einfach und selbstverständlich genug: Werner war ihr Sohn, und sie mußte dies vor jedem geheim halten; deshalb hatte sie ihn bei seiner Mutter untergebracht und dieser Geld gegeben, wovon sie lebte und wofür sie stillschwieg. Miß West wars, die die Kiste mit den Büchern geschickt; sie ivars, die alle diese kostbaren Geschenke genmcht halte, und ohne Zweifel war es auch mir auf ihr Betreiben hin gefchehen, daß er jetjt als Sekretär bei den Romseys war.
All dieser Unsinn, daß er dem jungen Erben das Leben gerettet hatte, war ja ganz nett für die Leute, die nichts von der Sache wußten; ihm, dem Wissenden, konnte es aber nicht im geringsten imponieren. Seine Gedanken unb Folgerungen schienen sämtlich lichtvoll, klar, einfach, selbstverständlich. Es war nicht an der Richtigkeit der Sache zu zweifeln. Werner Jefferies, der als sein Bruder und der Sohn seiner Mutter galt, war in Wirklichkeit der Sohu dieser Frau, die ihr Geheimnis so viele Jahre hindurch so gut zu verbergen gewußt.
„Und ein sehr nettes Spielchen ist's gewesen," sagte er sich, „ein sehr ruhiges, niedliches Geschäftchen. Meine Mutter hat bequem davoit gelebt — ich muß mehr davon haben. Wenn ich's bewahren soll, muß ich einen guten Preis haben, einen weit besseren Preis, wie sie gehabt hat."
Er glaubte das Schlimmste von Marian West; glaubte, daß sie, die als Frau von makellosem Rufe galt, tatsächlich keinerlei Recht daraus habe; . doch fein Gefühl des Mitleids oder Bedauerns für die Frau, die eine solche Bürde einsam zu tragen hatte, rührte sein Herz. Mit keinem Gedanken dachte er daran, was sie leiden und ausstehen mußte, wo sie fand, daß das Geheimnis, das sie so sorgfältig gehütet, jetzt ihm bekannt war. Er ignorierte sie vollständig; ihre Person kam ihm nur soweit in Betracht, als er daran dachte, was er bei dem Geschäft aus ihr herauszuschlagen hoffte.
Er hatte so lange auf ein und derselben Stelle gestaiiden und halb wild, halb geistesabwesend vor sich hingestarrt, daß die Passanten aufmerksam auf ihn wurden, mehr als einmal hatte der Polizist an der Ecke ihn schon verdächtig scharf ins Auge gefaßt, nun lachte er laut auf, daß es durch die Straßen schallte, und schritt seines Weges weiter.
„Ich hab's gefunden! Ich Habs gefunden!" frohlockte er innerlich. „Das Geheimnis, wonach ich all diese Jahre hermngctappt habe, ist endlich mein!"
Er war viel zu aufgeregt, um daran zu denken, sich auszuruhen oder zu Bett zu gehen; er wollte alles ausführlich überlegen, sich entscheiden, welchen Plan er verfolgen und wie er Marian West von seiner Entdeckmig in Kenntnis setzen solle.
„Sie soll mich gut bezahlen," sagte sich Jack, „sie scheint reich genug. Sie hatte Diamanten am Halse und an den Armen, woran ich mein Leben lang genug hätte. Sie soll mir genug geben, daß ich so leben kann, und ich will ihr Geheinmis dann treu bewahren, wie es meine Mutter vor mir getan hat."
Das schien Jack die einzige Schwierigkeit bei der Sache — wie viel würde wohl für ihn genügen? Wie viel sollte er fordern?
„Ich werde es ganz geschickt deichseln", dachte er. „Ich werde sie beiseite nehmen und ihr sagen, daß ich alles hon der Abbotsviller Affäre weiß — daß ich alle Beweise habe, daß Werner ihr Sohn ist; daß aber alles ganz gemütlich und nett sich arrangieren läßt, wenn sie sich zu was Hübschem herbeiläßt; es ivird dann gar keine Not haben — älles ist dann in Ordnung."-
So dachte et; so legte er sich seine Pläne zurecht, mit der vollständigsten Rücksichtslosigkeit gegen alles und jedes was sein eigenes Interesse nicht berührte. —
Marian West hatte sich umgekleidet und war ins Gesell- schaftszrmmer gegangen^ Jeder der dort .Anwesenden wär
zu gutherzig und zu wohlerzogen, um irgendwelche Bemerkungen über Jack zu machen; seine Tölpeleien und Absonderlichkeiten waren ohne Bemerkung passiert. Es war aber doch eine Erleichterung für alle, als er ging, und Marian an seine Stelle trat. Alan liebte und verehrte sie so allgemein, wie gütige, edle Frauen stets verehrt werden, und trotz des einen verhängnisvollen Irrtums in ihrem Leben war Miß West aller Hochachtung und Per- ehrung auch tatsächlich wert.
„Wie angegriffen dir heute abend aussiehst, Marian!" bemerkte Lord Wayne
Sie bemühte sich, die lähmende Furcht abzuschütteln, die ihr so kalt und schwer auf dem Herzen lag.
„Was ist's nur?" fragte sie sich voll Schrecken, „was! ist nur über mich gekommen? Warum bin ich so nervös beim Anblick dieses jungen Mannes geworden? Kanu es etwas Natürlicheres geben, als daß er seinen Bruder besuchen kommt? Gerade der Umstand, daß er es getan, be- weist, iöie ganz und gar nichts er mußte. Und doch, was bedeutete dieser Ausdruck in seinem Gesicht? Was sagten feine Augen, als sie den einen Moment so listig und tückisch in meine blickten?"
Als sie sich den Blick vergegenwärtigte, wurde cs Marian West beinahe schlecht vor Schrecken — kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn.
Als die Besucher sich sämtlich verabschiedet, und die glücklich strahlende Elsie „Tantchen Marian" schnell zu- geflüstert: Balduin wolle sich nicht mehr zufrieden geben, sondern partout den Hochzeitstag festgesetzt wissen, — trat Lady Wayne zu ihrer Schwester. Sie schlang den Arm um Marians Nacken und beugte ihr schönes Gesicht über ihre verstörten Züge.
„Marian", sagte sie, „heute abend hast du wieder das alte sorgenvolle Aussehen wie früher. Was ist's nur?"
„Der alte Schmerz", war die Erwiderung; „er hat mich den ganzen Abend über gequält. — Sag, Evelyn, wer war denn der merkwürdige junge Mann, den ich sah, als ich vorhin durch die Halle kam?"
Elsie lachte und hüpfte dann schnell fort, um den Verweis nicht mehr zu hören, den die Mama ihr dafür unweigerlich erteilt hätte.
„Du hast doch hoffentlich freundlich mit ihm gesprochen?" fragte Lady Wayne schnell. „Es war Herrn Jefferies' Bruder, ein einfacher, ungebildeter Jüngling vom Lande."
„Was hat ihn hierher gebracht?" fragte Miß West.
„Ich habe Werner sehr gern, wie du weißt", sagte Lady Wayne, „und als er mir erzählte, sein Bruder sei in der Stadt, glaubte ich, es wäre ihm angenehm, wenn wir ihn auf einen Abend zu nus einlüden."
Marian sah sichtlich erleichtert aus.
„Er sah mir so merkwürdig für einen Besuch ans, daß ich es nicht verstehen konnte, tote er nur hierhergekommen."
„Ich habe nie einen so großen Unterschied zwischen zwei Brüdern gesehen", sagte Lady Wayne beistimmend. „Kein junger Prinz könnte feiner gebildet, taktvoller, von angenehmeren Umgangsforinen sein, iöie Werner Jefferies. Es macht mir .Vergnügen, ih>t im stillen zu beobachten, ihn sprechen zu hören, ihn zu betrachten; aber sein Bruder, der arme Junge, ist mehr oder weniger nichts tote ein Bauer."
„Brüder sind sich oft ganz bedeutend unähnlich", sagte Marian müde.
„Jit diesem Fall ist die Verteilung aber nicht ganz billig gewesen", lachte Lady Wayne. „Werner hat die ganze Schönheit, die gangen Gaben, sein Bruder hat —. geradezu nichts."
Sie war überrascht, daß Marian, die sonst so ruhige Marian, sie plötzlich leidenschaftlich in die Arme schloß, küßte und mit. Tränen in den Augen rief:
„Auch bei uns wars so, Liebling. Wir sind Schwestern, Kinder einer Mütter; du hast alle Anmut und Schönheit, ich habe nichts." - ! Irl • • N Ni
„Nichts?" wiederholte Lady Wayne, „wie, Marian, mein Liebling, ivas wäre ich wohl gewesen ohne dich?^ j v i
88. Kapitel.
Das Böse beginnt seinen Lauf.
^Angenehme Nachrichten?" fragte Lady Wayne ihren Gemahl, der mit lächelnder Miene einen gerade eröffneten Brief überflog..


