Ausgabe 
10.10.1906
 
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sreude. Denn wenigen Volksgenossen ward, wie ihm, die Mnße geboten, in der Zeit stärkster Entwicklung den Körper yt stahlen und zn veredeln: Auch in der Erfüllung der Wehrpflicht sollte er daher einen anderen als den gewöhn­lichen Platz einnehmen. Wie viele aber haben durch den Trinkzwang des Universitätslebens den Keim zn dauern­de«! Siechtum erworben! Wie viele noch gar nicht alte Akademiker gehen umher, aufgeschwemmt und verunstaltet, buchend unter der Last des Bierfettes, grämlich und aller Lebensfreude bar, ein Spott anderer Stände. Wie viele von ihnen sind lebende Ruinen geworden, weil sic als junge Studenten in wahlloser geschlechtlicher Gier, wie die Alkoholmengen der Studentenkneipen sie erzeugen, einer geschlechtskranken Prostituierten sich hingegeben haben, einem geschlechtskranken Opfer derdoppelten Moral", die in ihrer ganzen Roheit auch ihrerseits wieder wesentlich bedingt durch die Alkoholisierung unserer Bevölkerung und besonders ihrer geistigen Führer, der akademischen Kreise unser Leben zumeist beherrscht. Bei wie vielen Aka­demikern tritt nicht vollends jenes Siechtum, diese körper­liche Verkommenheit so unmittelbar ans, daß schon ihre Wehrfähigkeit bedenklich geschwächt, wo nicht gar vernichtet wird!

Wer studiert hat, der sollte vorbildlich sein in gerader, furchtloser und männlicher Gesinnung. Jahrelang hatte er Zeit, mit den Geistern der Besten und Tapfersten zu verkehren, die die Geschichte der Menschheit gekannt hat. In solchem Umgänge sollte und konnte er fremd geworden sein der Menschenfurcht und knechtischem Geiste. Wie viele frühere Studenten aber sehen wir nicht im Berufe der elendsten und verächtlichsten Streberci verfallen, dem ewigen Bücken vor den Vorgesetzten, dem unausgesetzten Schielen nach Beförderung, dem Kriechen nach oben und dem Treten nach unten! Wo lernten fie das? In der Knecht­schaft des akademischen Trinkzwanges, dem ihr blühendstes Alter unterworfen war! Wer mit 20 Jahren gelernt hat, auf Befehl eines anderen sich mit Bier anzufüllen, bis er es wieder erbrechen muß, der hat damit oft genug das Opfer des Intellekts und den Kadavergehorsam für alle Zeiten gelernt. Er mußte eine Unwürdigkeit dulden, gegen die schon der rein körperliche Stolz des Jünglings mit aller Macht sich auflehnte; der Stolz ist ihm gewaltsam gebrochen worden, er hat gelernt, daß cs nicht gut tut, stolz zu sein.

Durch die akademischen Trinksitten schädigen die höheren Stände das Gesamtleben der Nation in einer Weise, wie es kein anderes germanisches Volk heute auch nur annähernd noch zu erleiden hat. Es ist Heuchelei schlimmster Art, sich über die Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, Dul­dung genießt.

Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird das deutsche Volk verhindert, in der Welt völlig zu dem Platze aufzusteigen, ans den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten kosten uns ein Kapital von Achtung im Auslande. Nicht etwa nur bei Russen, Spaniern, Italiener!! und Franzosen, nein hauptsächlich gerade da, wo es vor allen: darauf ankommt, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den Skandi­naviern, Engländern und Nordamerikanern. Wie sehen denn diese unsere Brüder es an, daß das deutsche Volk im Leben der Träger seiner Bildung ein Ding duldet, wie die aka­demischen Trinksitten? Bestenfalls vielleicht ab und zu mit der fröhlichen Neugier, womit wir Tänze von Negern oder Hottentotten ansehen; meist aber mit grimmiger hoch­mütiger Verachtung für die Brndernation, die so frevelhaft ihre beste Intelligenz verwüsten läßt. Dann aber sind auch, um nur ein Weiteres hervorzuheben, die akademischen Trink­sitten mehr als alles andere verantwortlich für Deutsch­lands koloniale Mißerfolge: Wer in seiner akademischen Jugend dem deutschen akademischen Trinkzwange unter­worden gewesen ist, dem ist in der Regel unfähig geworden, ein Anit in den Kolonien erfolgreich zu verwalten; weder körperlich, noch geistig, noch moralisch ist er mehr den er­höhten Anforderungen gewachsen, die dort an ihn gestellt werden.

Es ist beinahe wunderbar, daß die akademischen Trink­sitten immer noch bestehen; denn allen Großen und Edlen, das unsere Zeit bewegt, schlagen sie ins Gesicht und kein vernünftiger Mann wird heute noch den Versuch machen, sie ernsthaft zu verteidigen.

Menn sich solche Zustände tatsächlich noch immer fort-: erhalten, so ist das nur mit zwei Gründen zu erklären: Einmal mit dem Gesetz der Trägheit, das sich hier darin äußert, daß jederFuchs" inmier wiederBurschen" findet, die ihn in diese Mysterien einführen. Und sodann damit, daß ein junger Mensch zwischen achtzehn und zwanzig Jahren sehr selten Kraft, Selbständigkeit und Selbstgefühl genug findet, um, entgegen einem moralischen Zwange allerschärfster Art, seiner besseren Erkenntnis folgend, eiim fach zu erklären: Das will ich nicht, ein freier Mann läßt sich nicht zwingen, auf Befehl anderer sich mit Bier voll- zugießen. Ehre dein deutschen Kronprinzen, der bekannt­lich in Bonn diesen Mut gefunden hat, wie wenige aber unter den heutigen deutschen Studenten besitzen dieses Rückgrat! Es kommt aber noch hinzu, daß in den melften' Fällen für den Fuchs schon vor seinem Eintritt in das! Leben der Hochschule das wahre Wesen der akademische!: Trinksitten durch einen Schleier falscher Poesie verdeckt worden ist. Den Schleier haben Unkenntnis, Rührseligkeit und Furcht, die Wahrheit zu sagen, um eine Wirklichkeit gewoben, die schon in einigen ihrer rein äußeren Formen außergewöhnlich häßlich ist; wenigstens weist die Geschichte aller Kulturvölker wohl nur eine Erscheinung mit gleich abstoßenden Begleitumständen auf: die bekannten Gast- mähler der römischen Kaiserzeit. ^Dort füllte man sich bekanntlich bis an den Hals init Speise, reizte sich dann zum Erbrechen und weiter. Zn ganz demselben zwingen die deutschen akademischen Trinksitten den ihnen unter­worfene!: Studenten, mit dem einzigen Unterschiede, daß das, was hier erst eingefüllt, dann erbrochen und in neuer Auflage nochmals eingefüllt wird, nicht die Speise, sondern das Bier ist. Besitzen doch nicht selten die dem Kultns des studentischen Trinkzwanges geweihten Räumlichkeiten' nebenan eigene Vorrichtungen, zu dem Zwecke, das Bier dahinein erbrechen zu können.

Diesen Schleier falscher Poesie den akademischen Trink­sitten vom Leibe zu reißen, dazu denkt derVierte deutsche Abstinententag" durch diese feine öffentliche Erklärung ein gutes Stück beizutragen. Er weiß, daß er damit der über­wältigende:: Mehrheit des Deutschen Volkes aller Stände aus der Seele spricht, der überwältigenden Mehrheit, die in der Fortdauer der unglaublichen deutschen akademischen Trinksitten eines der schlimmsten Hindernisse gesunder natio­naler Entwicklung sieht. Indem sich der Vierte deutsche Abstinententag zum Herold dieser Gesinnung macht, nimmt er für die deutschen Abstinenten ausdrücklich eine Ehre in Anspruch: Rücksichtsloser und offener Kampf gegen die deutschen akademischen Trinksitten ist bisher nur von den deutschen Abstinenten geführt worden, keine andere foziale Bewegung und vor allem keine Mäßigkeitsbewegung hat es jemals gewagt, an diesen schlimmsten nationalen Krebs­schaden rücksichtslos das Messer anzusetzen.

Weil wir deutschen Abstinenten für unser Volk und Vaterland eine große machtvolle Zukunft wollen, darum! rufen wir: Nieder mit den akademischen Trinksitten!

Zncker Salz als Förderer der Arbeitskraft.

Bon Dr. Paul W i n t e r.

Nachdruck verboten.

Der Zucker ist ein Nahrungsmittel, welches geeignet ist, die durch Ermüdung erschöpfte Muskelenergie wieder zu heben, die Arbeitsleistung des Menschen zu vermehren. Der französische Forscher Eh. Föro hat nun aber durch zahlreiche Versuche fest­gestellt, daß Äer Zucker ebenso lute andere Reizmittel (Alkohol, Cola), nach der Steigerung der Arbeitskraft eine um so schneller cintretende Ermüdung bewirkt. Schon beim Genuß von 30 Gr. (ungefähr 67 Stück Würfelzucker) war dieser Erfolg deutlich nachweisbar. Je größer die genossene Zuckermenge war, um so mehr erhöhte sich zwar die Leistungsfähigkeit, um so rascher jedoch trat auch eine Abnahme derselben, eine Erschlaffung der Kräfte ein. Daher ist die Anwendnng des Zuckers nur ber kurz dauernder Arbeit oder Muskelanstrengung zn empfehlen, bei längerer aber beschleunigt er die Ermüdung. Günstig wirkt der nervenanregende Einfluß des Zuckers beim üblichen Genuß von süßen Speisen am Schlüsse der Mahlzeiten, wodurcy bic BerdauungSnerven angeregt, die Verdauung begünstigt und das mit derselben verbundene Ermüdungsgefühl verschleiert wird. Auch regt der Zucker direkt die Absonderung des Magensaftes an und unterstüüt dadurch, daß er sich teilweise im Verdanungsapparate in Milch- und Buttersäu re verwandelte, die Verdauung der eiweißartigen, der eisen- und kalkhaltigen Nahrungsmittel. Aber zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit, z. B. auf Märschen und bemr Berakteigen, möge man ihi: nur dann anwenden, wenn man die