Ausgabe 
10.9.1906
 
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tie Dinge ganz anders liegen. Der Pilz ist namltch nicht dm eigentliche Pflanze, die eigentliche Pflanze ruht unter der Erd­oberfläche, unfern Blicken verborgen. Wenn eine Pilzspore, also das vorhin geschilderte kleine Kügelchen, vom Winde oder durch irgend eine aridere Vermittelung nach einer Stelle gebracht wird, die für ihre Weiterentwicklung günstig ist, so beginnt fte, sich nach einer Seite hin auszudehrien, sie wächst zu einem Faden aus. Von diesem Faden wachsen seitlich wieder andere Fäden ab, die sich durch weiteres Wachstum immer mehr verzweigen, sie verfilzen und verflechten sich, und so entsteht unter dem Erd­boden, innerhalb eiires Stückes von faulem Holze, unter der Rinde eines abgestorbenen oder auch noch lebenden Baumstrunkes und dergl. ein mehr oder minder weitmaschiges, netzartiges Ge­flecht, das man als Pilzlager, mit den botanischen Namen Mycelium, bezeichnet.

Dieses Mycelium ist die eigentliche Pflanze. An ihm bilden sich nach einiger Zeit knöpfchenartige Verdickungen, die sich dann nach oben strecken. Beim weiteren Wachstume entwickeln sie sich dann je nach den verschiedenen Arten in den mannigfachsten Formen, die uns, nachdem sie die Oberfläche durchbrochen haben schließlich als diejenigen Gebilde erscheinen, die uns als Pilze oder Schwämme bekannt sind. Erst mit ihrem Sichtbar­werden können wir natürlich tvissen, daß hier unter der Erde eine Pflanze entstanden ist, die weitere Teile nach oben entsandt hat. Es fragt sich nun, welche Bedeutung haben diese Teile für die Pflanze oder in welchem Verhältnisse stehen die Pilze zum Pilzlager, zum Mycelium? Der Botaniker bezeichnet sie uns als Fruchtkörper, Fruchtträger, weil sie dazu bestimmt sind, die Heilt en Fortpflanzungskörperchen, die wir als Sporen bereits kennen, in großen Mengen heranzubilden und kurze Zeit in sich zu bergen. Ist die Sporenbildung vollendet, sind die Sporen reif, so fallen sie «a us, tropfen mit sich bildender Flüssigkeit, mit schleimartiger Gallerte, ab oder verfliegen in Staubwolken, und dann hat auch der Pilz seine Bestimmung als Frucht­körper erfüllt. Zeigte er bis zu diesem Zeitpunkte eine gewisse Derbheit, fühlt er sich fest, prall an, so wird er nun welk, weich, er fühlt sich teigig an, der Stiel, der vorher straff und fest war, welkt meistens auch ab und von dem vorher unser Auge erfreuenden Gebilde bleibt nichts übrig, als eine uns an- ek?lnde, faulende Masse, die sich nach und nach in ein Nichts auslöst.

Es wird Sie zunächst - interessieren, zu erfahren, wie und wo an dem fertigen Schwamme die Sporen gebildet werden. Doch bevor wir dieser Frage näher treten, möchte ich noch einiges nachholen. Sie hiben vorhin gehört, daß die Spore sich dann weiter zum Mycelium entfaltet, wenn sie auf eine ihrer Ent­wickelung förderliche Stelle gelangt. Auch hier erblicken wir einen Gegensatz zum Samen, dessen Keimung und Weiterentwick­lung bei genügender Feuchtigkeit und Wärme überall im Erdboden vor sich geht. Die junge Pflanze zieht dann aus dem Erdreiche ihre Nahrung. Anders ist das bei den Pilzen. Diese, also zunächst ihr Mycelgeflecht, gedeihen nur da, wo Stoffe in Fäulnis über­gehen. Namentlich günstig hiefür sind tierische Auswurfstoffe, aber auch abgestorbene Teile von Pflanzen. Die bei der Fäulnis entstehenden Produkte dienen den Pilzen unmittelbar als Nahr­ung, aus dem Boden können sie nach Art der Wurzelpflanzen keine nährenden Stoffe gewinnen. Auch eine andere Weise der Ernährung geht den Pilzen ab.

Die mit Blättern versehenen Pflanzen verdanken ihre grüne Farbe den massenhaft in ihnen angehäuften grünen Körnchen, die man als Chlorophyll oder Blattgrün bezeichnet und die bei der Ernährung insofern eine wichtige Rolle spielen, als sie die aus der Luft aufgenommenen Stosfe in einer sür das Pflanzen­wachstum erforderlichen Weise umwandeln, assimilieren. Das ist beim Pilze auch nicht der Fall, er besitzt kein Blattgrün, und wenn es auch welche mit grüner Farbe gibt, so rührt dies von ganz anderen Farbstoffen her.

Der Pilz ist also ein Fäulnisbewohner und in manchen, verhältnismäßig seltenen Arten auch ein echter Schmarotzer, indem sich sein Mycelium auf gesunden Pflanzenteilen, namentlich Wurzeln, ansiedelt und diesen, natürlich zu deren Schaden, ihre Säfte entzieht.

Im Folgenden wollen wir uns zunächst einmal die einzelnen Formen ansehen, unter denen die Pilze gewöhnlich aufzutreten pflegen. Dabei möchte ich noch bemerken, daß ich bei diesem Vorträge nicht von jenen kleinsten Lebewesen spreche, wie sie als Krankheitserreger, als Hefepilze, als Verursacher von Blatt­krankheiten und dgl. vorkommen, sondern nur diejenigen Arten, die man auch als Schwämme bezeichnet, die meist schon durch ihre Größe in die Augen fallen, die man, wenn sie ungiftig sind, zum großen Teile genießen kann, wenn giftig, zu vermeiden lernen muß. Diese allein sollen besprochen werden.

, Da wollen wir zunächst die Form etwas genauer betrachten, wie sie bei den Hut- oder Schirmpilzen am weitesten ver­breitet vorkommt. As ziemlich allgemein bekannten Vertreter können wir den Champignon zum Muster nehmen. An einem vollständig ausgebildeten Champignon unterscheiden wir den Schirm oder Hut, wonach die ganze Gruppe ihren Namen hat, und den mehr oder weniger lang gestreckten Stiel. Ist der Pilz noch jung, eben erst aus der Erde herausgekommen, so können wir die Unterseite des Hutes vorerst nicht genau betrachten.

Es zieht sich nämlich von seinem Rande nach dem Stiele za eine zarte Haut, die als Schleier bezeichnet wird. Dieser zerreißt beim weiteren Wachstume, kurze Fetzen bleiben noch eine Zeit­lang am Hutrände hängen, während am Stiele gewöhnlich ein als Ring bezeichneter Rest hasten bleibt, der in manchen Fällen mit dem Stiele in keiner festen Verbindung steht und sich auf- und abschieben läßt. Für gewisse Pilzarten ist dies ein Kenn­zeichen. Nachdem so der Schleier geschwunden ist, können wir uns sie Unterfläche genauer ansehen. Wir bemerken hier eine sehr große Zahl dichtgedrängter, meist scharfrandiger, papierdünner Blättchen, wie die Speichen eines Rades angeordnet, die man als Lamellen oder Blätter bezeichnet. Pilze, die sie auftveisen, heißen Blätterpilze. An diesen Blättern werden zu Milliarden die Sporen gebildet und ausgeschieden. Obwohl diese, wie schon erwähnt, mikroskopisch klein sind, können Sie sich ihre un­geheure Anzahl dort deutlich wahrnehmbar machen. An einem noch frischen Champignon schneiden Sie den Stiel ab und legen den Hut mit den Lamellen nach unten auf eine Glasplatte. Am andern Tage schon können Sie unter dem Pilze die von UM ausgefallene Sporenmasse vorfinden, ein schokoladebraunes, trocke­nes Pulver, das in seiner Auflagerung auf dem Glase genau die strahlige Anordnung der Lamellen oder Blätter wiedergibt. Die Farbe der Sporen ist natürlich auch nach den Pilzarten verschieden. Nicht alle Pilze sind Blätterpilze, auch haben nicht alle, wie der Champigtwn, einen Schleier und einen später als dessen Rest zurückbleibenden Ring. Sehen wir uns von einem andern ziemlich bekannten Schwamme, von dem Steinpilze, die Unterseite des Hutes an, so erblicken wir eine ungeheure Menge seiner, durch schmale Zwischenwände von einander getrennter Löchelchen, sogenannter Poren. Das sind weiter nichts, als die Ausmündungen feiner Röhrchen, in denen bei dieser, Gruppe, den Röhrenpilzen, die Sporen gebildet werden. Auf einem von der Oberfläche des Hutes nach der Unterseite durchgeführten Schnitte können Sie sich diese Röhrchen in der Längsbildung deut­lich anschaulich machen. Sie werden bei fortschreitendem Wachs­tume bei manchen Arten sehr weit, z. B. bei dem Kuhröhrling, wo sie, von unten betrachtet, fast den Bienenwaben mit ihren sechseckigen Zellen ähnlich sehen. Andere Pilze haben statt der Blätter oder Röhren nach unten gehende Stacheln mit fernen Ausmündungen, auf alle weiteren Formen des Futters, so nennt man auch diese die Sporen tragenden Gebilde, können wir hier nicht näher eingehen. , '

k Eine von den Hutpilzen ganz abweichende Gestalt haben dir Boviste oder Stäublinge, sie sehen einer Birne oder Flasche ähn­lich, der Kartoffelbovist, ein Giftschwamm, hat die Gestalt und oft das Aussehen einer Kartoffel mit rissiger Schale. Die Boviste bilden die Sporen in ungeheurer Anzahl im Innern^' wenn sie reif sind, platzt die derbe, oft lederartige Schale meist oben in der Mitte, und aus dem so entstandenen Loche entleeren sich die Sporen als eine gelbbraune Staubwolke. Dieses Spvren- pulver haben die Imker ftüher benutzt, um beim Arbeiten an den Stöcken die Bienen zu betäuben. Wieder andere Pilze sehen aus wie Keulen oder, wenn sie sich verzweigen, wie Korallen­stöcke oder Hirschgeweihe, es ist dies die Gruppe der Keulen­oder Korallenpilze, auch Hahnenkämme genannt, andere wieder haben Becherform. Bei den Morcheln hat der Hut die Form eines Kugel oder eines spitzen Kegels, dabei ist die ganze Oberfläche mit Falten und grubigen Vertiefungen versehen. , Noch andere Pilze bestehen aus einer schmierigen, gallertartigen, hin unh her schwappenden Masse. Es ist kaum möglich, die verschieden­artigsten, ost ganz merkwürdigen und seltsamen Formen, unter denen die Pilze sich zeigen, zu beschreiben. Wenn Sie bei Ihren Spaziergängen ein achtsames Auge auf all dies haben, so wer­den Sie Gelegenheit finden, den ungemeinen Formen- und Farben­reichtum zu bewundern. Der Mensch ist aber nicht nur geneigt, immer nur das Schöne und Prächtige an den Naturerschein­ungen zu bewundern, sondern auch stets bereit zur praktischen Verwertung. Da liegt bei den schönen Pilzen die Frage nahe: Kann man die essen? Doch beherrscht gerade bei den Pilzen auch wieder die Angst die Gemüter und die Tatsache, daß es giftige Schwämme gibt, hält auch wieder vom Genüsse ab. Daher verkommen alljährlich in unfein Wäldern unausgenützt ungeheure Mengen billiger Nahrungsstoffe, die auch vielen Leuten eine Erwerbsquelle bieten könnten. Zu Ihrer Beruhigung. kann ich Ihnen sagen, daß eigentlich verhältnismäßig wenige Pilze giftig sind, recht viele dagegen eßbar. Zwischen beiden Gruppen stehen solche, deren Genuß zwar nichts schaden würde, die man aber doch nicht verspeisen wird, weil sie sich durch einen bitteren Ge­schmack auszeichnen, beim Essen im Halse ein Kratzen verursachen usw. Wir bezeichnen sie daher nicht als giftig, aber als un­genießbar. Dahin gehören auch solche, die wegen ihrer zähen, lederigeii oder holzigen Beschaffenheit sich nicht zum Genüsse eignen. Hierher gehörende Pilze sind aber mitunter doch vep-i wertbar, so der Zunderschwamm.

(Schluß folgt.)

Die Kömgin des Eisens.

Ein Pariser Schriftsteller, Jacques Landau, so schreM man demB. D." aus Paris, hat es sich nicht verdrießen lassen, die weite Fahrt von ber französischen Hauptstadt