Ausgabe 
10.9.1906
 
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Montag den 10. September

Mr. 133

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Der SLern.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

. (Schluß.)

Es war am Nachmittag desselben Tages.

Die junge Sängerin hatte ihre Rolle noch einmal durch- geschen. Sie tat dies immer ain Tage der Vorstellung, so oft sie auch die Partie schon gesungen hatte. Rus Anlaß der Frühjahrsparade war IhSätre par6 angesagt.

Obwohl sie ihres Erfolges sicher sein konnte, war sie vor jedem Auftreten von jener Unruhe erfüllt, die wahrhaft ernste Künstler, die an sich selbst die höchsten Anforderungen stellen, stets aufs neue erfaßt.

Die geheimnisvolle Wirkung, die aus der Berührung mit der Öeffentlichkeit ersteht, versetzte sie stets in eine Stimmung, die zwischen zager Bangigkeit und triumphierendem Selbstgefühl hin und her schwankte.

Bald in mutigem Hochgefühl, bald im . furchtsamen Zweifeln, jetzt die Gewißheit des Sieges, dann die Augst vor dem Mißlingen jene schwankenden, taumelnden Gefühle, die erst im entscheidenden Augenblick dem festen Willen ge­horchen und dann zu höchster Konzentration sich sammeln. Wie oft hatte sie das erlebt l Immer wieder unterlag sie diesen wechselnden Empfindungen.

Sie stand am Klavier, schlug noch einige Töne an rmd begleitete sie mit halber Stimme..

Darin schaute sie nachdenklich vor sich hin. Der Besuch ihrer Cousine hatte sie verstimmt. Mißmut und Bedauern kämpften in ihrem Herzen. Wie taktlos und ungebildet war Lucie ihr erschienen. Kleinlich rmd töricht. Mit schlecht ver­hehltem Neid hatte sie sich aufgespielt, erst als die Freundin der Gräfin Giersdorf niib ihre Vertraute, dann als die Aerinliche, Bedauernswerte, die auf das Wohlwollen der besser situierten Cousine rechnet mehr als das, einen An­spruch erhebt.

Jämmerlich wahrhaftig und so ohne innere Aufrichtig­keit rnrd Vornehmheit. Ein Unbehagen erfaßte sie. Und dieses Mädchen steht ihr nahe durch die Bande des Blutes.

Scherl blickte sie sich in ihrem eigenen Zimmer um, als sei sie selbst fremd hier, als gebühre ihr der Luxus nicht, die Schönheit, die sie umgab. Hatte sie ihn nicht sich selbst geschaffen?

Aber auch andere erringen ihn leichter wie sie. Ohne ihn mit ihrem Herzblut zu bezahlen, mit unsäglichen Opfern, mit grenzenloser Arbeit und trauriger Entsagung. Ihre ganze Natur hatte sie ihrern Beruf dargebracht. Neigung, Gewohnheit und Erziehung hatten sie auf einen ganz anderen Weg gewiesen.

Ein wehmütiges Lächeln umspielte ihre Lippen. Allch heute iiod), wo sie vor erreichten Zielen stand, war Ane un­endliche Sehusllcht in ihrem Herzen nach den häuslichen, stillen Freuden, die sie im Eltcrnhause gekannt und die s>e niemals aus ihrer Seele verlieren lvürde.

Nicht um allen Glanz und Prunk der Welt.

Der mochte andere berauschen.

Teresa Streitmann die Gräfin Giersdorf l

Es bedurfte nicht einmal des Talentes, eines großen Könnens, um das zu erreichen I Der künstlerische Nimbus tat's auch, die reizvolle, prickelndeAtmosphäre der Welt, der auch sie angehörte.

Dieser Scheinweltl

Ein heißer Zorn quoll in ihr auf!

Wahrlich, cs verlohnte sich, als Stern am Himmel dieser Welt zu stehen. Dieser Welt miS Papier und Fetzen.

Tiefe Bitterleit ivar in ihrer Seele. Nicht die große, gewaltige Kraft trägt uns empor . . . Piider und Schminke haben die gleiche Wirkung. Teresa Streitmann, diese hübsche, kokette Mittelmäßigkeit, nimmt den Platz ein, den einst die gütige, vornehme, alte Gräfin Giersdorf so würdig ausgefiillt hatte und selbst Gräfin Luise!

Hatte sie nicht tausendmal recht, als sie mit adelsstolze» Verachtung von den Künstlerinnen sprach, die Stellungen tust geborenen Aristokratinnen usurpieren?

Ein herbes, verstimmtes Lachen.

Künstlerinnen! Was sich so nennt! Was unter diesem Namen ganz andere Absichten verfolgt und ausführt.

Und Alfons ivar ein so prächtiger Mensch! Wa? mag Karl Viktor dabei denken und Guido? Arme»' Guido!

Ein schwerer Seufzer stieg empor.

Müde von den quälenden, peinigenden Gedanken, hat« sie sich in einen Fauteuil niedergelassen, der zwischen den. Klavier und dem Kamin stand. Armer Guido! Mit seinem Lebensglttck hatte er bezahlen müssen, was der andere m tändelndem Spiel sich eroberte. ,

Fa, wenn Della Brandt eine Komödiantin gewesen wäre imd nicht eine echte Künstlerin!

Wenn ihr dieses stolze Bewußtsein wenigstens Glück ge­geben hätte. Glück 1

Wiederum seufzte sie und sah trübe vor sich nieder.

Sie hatte nicht bemerkt, daß Dr. Hübner in das Zniuner getreten war. Geräuschlos war er cingetreten mit dem Rechts des Freundes und Hausarztes, der nicht erst gemeldet zu werden braucht. r

Erst als er dicht vor ihr stand, gewahrte sie rhn.

«Hans, du?"