Ausgabe 
10.8.1906
 
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freudigem Wirken zusammentrat, ist es wohl gestattet, rück­schauend einen Blick zu werfen auf die Verhältnisse, unter denen seine Gründung erfolgte und unter denen er seinen Zielen zu­strebte.

Der Wiener Kongreß hatte am Anfang des Jahrhunderts Europa eine neue Gestalt gegeben. Er hatte auch den deutschen Bund geschaffen, aber das Verlangen nach wirklicher unlös­barer Einigung der deutschen Stämme, das unter dem Druck der napoleonischen Zeit in Millionen patriotischer Herzen neu geboren worden war, hatte er nicht erfüllen können. Wohl fehlte es nicht an ernsten Versuchen, namentlich Preußens, diese erwachenden Kräfte machtvoll zusammenzusassen, aber das große Beginnen scheiterte an den Interessen fremd er Nationen, und an dem Widerspruch Oesterreichs. Was in dem deutschen Bund zustande kam, tvar so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Patrioten erstrebt hatten. Ebenso unerfüllt blieb die zweite der ausgestellten Forderungen: Freiheit und Teilnahme des Volkes an dem öffentlichen Wesen. Denn die versprochenen Ver­fassungen wurden von den meisten Fürsten garnicht, von anderen nur nach langem Zögern gewährt. Deutschland sank sür ein halbes Jahrhundert in einen trostlosen politischen Zustand hinab.

In einem Briefe vom 31. März 1824 schrieb Prinz Wilhelm von Preußen, unser nachmaliger Kaiser:hätte die Nation 1813 gewußt, daß nach elf Jahren von einer damals zu erreichenden und wirklich erreichten Stufe des Glanzes, Ruhmes und Ansehens nichts als die Erinnerung und keine Realität übrig bleiben würde, wer hätte damals wohl Alles geopfert, solchen Resul­tates halber?"

Das bezog sich zwar nur auf die Lage Preußens, hatte aber sür ganz Deutschland Geltung.

Doch der deutsche Einheits- und Freiheitstraum war nicht ausgeträumt. Je geringer die Hoffnung, umso heißer wurde die Sehnsucht nach seiner Erfüllung. Und die diese Sehnsucht nährten, waren deutsche Turner!

. Der alte Jahn Hatte schon vor Ausbruch des Krieges von 1813 ine Jugend zu tnrnerischeni Tun vereint, nm sie zu stählen für den bevorstehenden Kampf. Während des Feldzugs hatte er immer neue Freunde seiner Sache gewonnen. Namentlich die akademische Jugend war es, die er mit seinen Idealen ersüllte. So geschah es, daß nach b_em Friedensschluß der nationale Ge­danke zunächst auf den deutschen Universitäten neue. Wurzel schlug und in der Gründung der Burschenschaft seinen Ausdruck fand. Wo man wie hier in Gießen bei den Schwarzen glaubte, nia)t m i t den Fürsten zur Einheit gelangen zu können, da wollte man das Ziel ohne sie erreichen und schwärmte sür die deutsche Republ i k.

Für die Turnsache selbst war das ein schwerer Nachteil, denn von nun an galt das Turnen für Hochverrat. Ueberall, auch hier in Gießen, tvo schon 1818 das erste größere Turnfest gefeiert worden war, wurden Ende März 1819 die Turnplätze durch die Behörden geschlossen. Es begann die Demagogenhetzc, dann die Zeit, in der von den Erwachsenen heimlich unter be­ständiger Gefahr ,b es Entdecktwerdens die edle Kiinst gepflegt wurde. Eine Heimstätte aber Hatte sie in den Schulen und dadurch Gelegenheit, turnerischen und vaterländischen Geist in die Herzen der Jugend zu pflanzen.

Diese Gelegenheit hat sie treulich genützt. Als int Anfang oer vierziger Jahre sich in Gießen eine neue Turngemeinde bildete, ivar,es wie anderwärts das bürgerliche Eletnent, aus dem sie hervorging. Durch Deutschland ging wieder ein Hauch freieren Geistes. Die liberalen Gedanken, die in den dreißiger Jahren in der Behäbigkeit des Bürgertums sacht eingelullt waren, wagten sich wieder hervor. Lebhafter flutete das politische Leben und abermals waren es die Turner, in deren Kreise von Recht und von Freiheit und Einheit des Vater­landes geschwärmt wurde. Begeistert sangen sie das gerade damals von Hoffmann von Fallersleben gedichtete Lied der Deutschen: Deutschland, Deutschland über alles, dessen letzte Strophe lautet: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, Danach laßt uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand Blüh' im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland!

Im alten Mißtrauen gegen die Fürsten, die man als Hindcr- ntsse auf dem Wege zur Einheit ansah, waren diese Ideen revolutionär und fanden neue Nahrung von Außen her. Es bereitete sich die große Bewegung vor, die am Ende des Jahr­zehnts Europa und mit ihm Deutschland erschüttern sollte.

Kurz vor dem Ausbruch der Revolution wurde der Gießener Turnverein im Oktober 1846 endgiltig gegründet. Von der Behörde als politisch verdächtig unterdrückt, lebte-er im Ber- borgenen weiter und feierte im Frühlingssturm des Jahres 1848 feine. Auferstehung, um sofort an den Ereignissen hervorragenden Anteil zu nehmen.

Nun kam eine Zeit, später von den Einen belächelt, ja ver- spottet, geschmäht von den Andern; eine Zeit, nicht frei von krankhaftem Ueberschwang und politischer Unreife, aber doch voll Schwung, erfüllt von Idealismus, und warmherziger Begeisterung urtb vor allem voll vaterländischen Hochgefühls. . llnter. den Opferwilligsten sind die Turner. In den vor- dersten Reihen kämpfen sie sür die Volksrechte. Ihre Freiwilligen­scharen strömen nach Norden, den in ihrer Freiheit bedrohten

Schleswig-Holsteinern Hilfe zu bringen. Und so ost in der Folge, die Fahne der ineerumschlungenen Herzogtümer entrollt wird, sind deutsche Turner bereit, Blut und Leben für sie daranzusetzen. Noch 1862 nimmt der Turner statt des Stabes das Gewehr zur Hand und auf den deutschen Turnplätzen, auch dem unsrigen in Gießen, sehen wir statt turnerischer Uebungen kriegerisches Ex­erzieren.

Das Jahr Achtundvierzig hat die deutsche Einheit nicht ge­bracht. Die ihm folgende Reaktion arbeitete der Erweiterung der Volksrechte entgegen. Aber das Gefühl der Zusammengehörig­keit aller Deutschen sand Ausdruck in den Sänger-, Schützen- und Turnvereinen und in den Verbrüderungsfesten, die sie allerorten feierten. Namentlich in den Turnvereinen sammelte sich die feurige Jugend und es begann ein hoher Aufschwung turnerischen Lebens. Nach kurzem Rückgang im Anfang der fünfziger Jahre nahm auch unser Turnverein teil an diesem Emporstreben, ja, er stand bald in der ersten Reihe! Im Jahre 1849 war L. Ehr. Rübsamen sein Lehrer geworden, ein Mann von nicht geioöhnlicher Tatkraft, dem unsere Stadt neben der Einführung des Schulturnens auch die Begründung der Jugendfeste, die ja eigentlich turnerische Jugendwettspiele sind, und die Errichtung einer Schwimmlehr­anstalt verdankt. Dieser Mann hat den Verein, nachdem der Tiefpunkt glücklich überwunden war, von 1858 an von Erfolg zu Erfolg geführt. Auf den drei ersten mittelrheinischen Turn­festen waren es Gießener Turner, die jedesmal den ersten Preis errangen. 1860: Gg. Lotz, 1861: Karl Nehmeier und 1862: Hermann Haustein. Der Letztere, der beste Turner Gießens, vielleicht Europas, ging noch im selben Monat als Vertreter seines Vereins nach London, wo er sich bei dem Stiftungsfest des dortigen deutschen Turnvereins ebenfalls den ersten Preis errang. Einen gleichen Preis im Springen und Steinstoßen holte er sich auf dem dritten deutschen Turnfest in Leipzig. Mit Kraus und Rausch vertrat er die Gießener Turner im Mai 1865 bei dem ersten deutschen Turnfest in Paris.

Mittlerweile hatte sich die politische Lage gänzlich genähert. Man erblickte in dem Streben nach Einheit nicht mehr einen revolutionären Gedanken. Eine starke Hand, Bismarcks Hand, hatte Preußens Führung übernommen und führte mit ihm auch das ganze deutsche Vaterland dem Tage entgegen. Und heller und heller wurde der Himmel über uns und jubelnd begrüßten die geeinten Brüder Deutschlands aussteigende Sonne. Der deutsche Eiuheitstraum war glanzvoll erfüllt.

Verehrte Festgenossen! Die historische Entwicklung eines Volkes ist ewigen Gesetzen unterworfen. Keine dauernde Um­wälzung ist die Wirkung plötzlich auftretender Kräfte; sie kann von ihnen den Anstoß erhalten, niemals aber verursacht werden. So konnte das alte deutsche Reich, das 1806 an den auseinander strebenden Interessen seiner Glieder zugrunde gegangen war, nicht nach wenigen Jahren durch einfachen Kongreßbeschluß wieder zu­sammengefügt werden. Auch 1848 war der Grund sür den Auf­bau eines neuen Reiches noch nicht bereitet. Wohl waren wir nahe daran, es bedurfte nur eines Wortes aus dem Munde Friedrich Wilhelms IV. und er hatte die ihm gebotene Kaiserkrone sich aufs Haupt drücken dürfen. Ein Glück, für die deutsche Einheit war es, daß er das Wort nicht gesprochen hat. Die Kämpfe, die der Errichtung des Reichs unmittelbar vorangingen, wären uns nach Bismarcks Ansicht doch nicht er­spart worden und wer will sagen, ob nicht in ihnen eine vorzeitige, auf schwachen Füßen stehende Gründung wieder zu- sammeugebrochen und damit sür unabsehbare Zeit die end- giltige Einigung unmöglich geworden wäre?

Die deutsche Turnerschast hat ihr politisches Ziel nicht als unmittelbare Folge ihres Wirkens erreicht gesehen. Dennoch Hat sie als Hüterin und Pflegerin des nationalen Gedankens in trauriger Zeit an der Gründung des. neuen Reiches ganz beson­deren Anteil. Der Schmied unserer Einheit, Bismarck selber, hat wie er auf der ersten Seite seiner Gedanken und Erinner­ungen erzählt seine ersten deutsch-nationalen Eindrücke in einer turnerischen Vorschule mit Jahn'schen Ueberlieferungen, der er vom 6. bis 12. Lebensjahre angehörte, empfangen. Die Turnerschast hat aber auch unsere Väter in unablässiger Arbeit gestählt für die Kämpfe, denen wir das Reich danken.

Und nun wir es haben, sind da die nationalen Aufgaben der Turnerschast erfüllt? Kann sie ausruhen von ihrer Arbeit und sich begnügen mit der Pflege der Leibesübungen?

Wohlan, sie hat es seit 1871 nicht getan. Sie ist ihren Ueber­lieferungen treu geblieben und auch seitdem allezeit die Hüterin eines freien deutschen Geistes, die Erzieherin des Volkes zu körper­licher und geistiger Tüchtigkeit gewesen. In jüngster Zeit drohen die Kräfte unserer Jugend sich zu z e r s p l i 11 e r n in allerlei undeutschem Sport, der vom Ausland her bei uns eindringt. Da ist es von neuem die Ausgabe der Turnerschast, solcher Zer­splitterung entgegen zu treten und die Jugend um ihre Fahne ^u sammeln, um nach guter deutscher Sitte an Reck und Barren, in Sprung und Lauf nervige Männer heranzubilden.

Und auch die andere der beiden Aufgaben muß immer von neuem erfüllt werden.

Nach den großen Tagen, die der Gründung des Reichs ge­folgt sind, kamen andere Zeiten. Nicht mehr, wie vor 30 und 20 Jahren lauscht die Welt auf Deutschlands Wort und beugt sich seinem Spruch. Aus der Wacht müssen wir fein und immer bereit