Ausgabe 
10.8.1906
 
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entschuldigte, daß seine Fran nach einige Minuten ansbliebe. Sie sei nicht wähl gewesen und wollte daher erst kommen, wenn der kleine Kreis vcrsannnelt sei, dec ihm die angenehmsten Erinnerungen an die gemeinsame Heimat wecke. Und er sei überzeugt, daß seine Frau, wenn auch die einzige Fremde unter ihnen, sich freue, die atten, lieben Bernstadter Freunde kennen zu lernen. Er betonte diese Worte sehr auf­fallend und erbat dann einen kurzen Urlaub, um die Gräfin zu holen.

In dieser Zeit fanden dieehemaligen Bernstadter", Ivie Alfons sagte, sich aufs herzlichste zusammen.

Schlage vor, sofort einen Verein ehemaliger Bern­stadter zu gründen. General-Intendant wirb so klug sein, Fräulein Brandt dauernd an Opernhaus zu fesseln .. . dann sind wir alle wieder hier beisammen." Er war überaus heiter und liebensivürdig.Natürlich wir jungen! Aber ist doch enorm lieft, daß auch der Herr Kantor hier ist, und Guido . . . natürlich bei solchem Anlaß I Wer das gedacht hätte, Fräulein Della! Lasse mir natürlich Vorzug nicht nehmen, größte Sängerin des Jahrhunderts bei reizendem Vornamen zu nennen . . . Gestatten doch, meine allcrgnädigsle Lands­männin?"

Gewiß, Herr Graft"

Della I Klingt scharmant! Ganz Mnsik! Höre es ordentlich noch durch die Säle und Korridore in Giersdorf schallen . . . Della . . . Del . . . la . . . Del ..... h! Besonders Karl Viktor leistete darin Bedeutendes, und Hübner."

Er verstand, bei allen diese Jugenderinnerungcn lebhaft wachzurufen und sie ins Gespräch zn ziehen. Della, Carl Viktor niid Hans hatten sich rasch an ihr besonders freund­schaftliches Verhältnis erinnert.

Ja, und wissen Sie . . . mein gnädiges Fräulein . . oder darf ich . . . darf ich Della sagen?"

Ich bitte darum ... ich hoffe, zwischen uns hat sich nichts geändert, nicht wahr, Hans?"

Bei mir nicht ..."

Also dann, Viki und HanS! Es bleibt beim Alten!"

Das ist reizend! Und ... du ... du .. . erinnerst dich noch, wie wir den Berg hinunterliefen?"

Und unten fast kopfüber angekommen wären, wenn der bedächtige Hans sich nicht vor mich hingeschoben und auf­gefangen hätte?"

Ja, der bedächtige Hans hat es beibehalten, den Menschen das Leben zu retten. Hast du auf deinen Kttnftler- fahrten gehört, daß er einer unserer hervorragendsten Nerven­ärzte ist . . Professur so gut wie gewiß."

Ach . . . Viktor . . ." wehrte er ab.

Ich habe hie und da von euch gehört, nicht allzuviel in der Unruhe meines Lebens." Ein herber Zug trat in ihr Gesicht, das während dieses Geplauders in freudiger Er­regung sich belebt hatte,aber vergessen habe ich nichts . . gar nichts." Mit einem tiefen, befreienden Atemzuge rief sie diese Worte.

Hans sah ihr in das schöne Antlitz scharf und prüfend, und dann senkte sich sein Auge in das ihre.

Ein seltsames Gefühl durchdrang sie.

Du ahnst vielleicht nicht, welchen Schatz du dir in diesen Erinnerungen bewahrt hast, Della," sagte er ruhig, und welche feste Stütze, welchen sicheren Anhaltspunkt uns in den Kämpfen des Daseins das giebt, was man aus Kind­heit und Jugend sich hinübergerettet in das anspruchsvolle Leben, dem man dann gehört. Moderne Weltstürmer und hyperkluge Lebenstünstler spotten zwar über Tradition und Pietät, und ein unbequemer Ballast scheint es ja oft für den Flug zur Höhe . . . aber es scheint wirklich nur so. Diese Eindrücke und treu bewahrten Beziehungen, wenn sie gute und freudige sind, wie die unseren es waren, geben der Seele ein inneres Gleichgewicht, ein festes Jnsichberuhen, das wohl erschüttert werden, aber nicht völlig verloren gehen kann. Und dann erhöht die Tradition die Würde der Persönlichkeit."

(Fortsetzung folgt.)

Nachklänge zum Turnv.remsjuöikäum.

Prolog

gesprochen bei der Weihe der neuen Vereinssahne von Fräulein L. Eule r.

Als Frühlingsahnen zog durchs deutsche Land

Und in Alt-Gießen freies Bürgertum sich rührte

Auch unser Turnverein entstand

Der sich als Leitstern damals schon erkürte:

Selbstlose Arbeit zu des Vaterlandes Heil! So konnte es der Tnrnerschar nicht fehlen, Und wie der Bürger Gunst i h r ward zuteil Könnt auch die Bürgerschaft stets auf s i e zählen.

Mißtrauisch stand ihr deshalb nur entgegen

Des allen Polizeistaats enger Geist

Der es nicht sehen konnte, wenn sich wollte regen Das freie Menschentum, das Aller Glück verheißt.

Es kamen trübe Zeiten für die Turnerschareu,

In denen ihrer Ideale sie beraubt, Doch konnten sie im Herzen sich bewahren Den Glauben an die Zukcknft, den kein Teufel raubt.

Und statt der wort- und tatenreichen ersten Zeiten Gabs stille Arbeit jetzt int Dienst der Turnerei, Ilm Deutschlands Hoffnung unsere Jugend vorbereiten, Das; sie für alle Znknnst ivohl gerüstet sei.

In diesem Sinn wirkten Weisfenbach, Nübsamen,

Und noch manch andren Mann man nennen kann, Und wenn auch manchmal ernste Stürme kamen, Der Turnverein bestand sie wie em Mann.

So könnt er freudgen Herzens mit erleben

Des Vaterlandes Einigung, den Siegeszug der Turnerei, Und stolz dar! heut er sich das Zeugnis geben, Daß er sein Banner rein stets hielt und frei.

Was auch die Zukunft noch mag bringen,

Die Turnerei steht fester hier als Stein und Erz, Weil stolzem, freien Bürgersinn sie könnt entspringen, Weil sie begründet ist im treuen deutschen Herz.

So können heule frohen Sinnes wir begehen

Den Tag, da 60 Jahre hier besteht die Turnerei,

Als schönstes Festgeschenk vom Himmel mir erflehen, Daß der Vergangenheit die Zukunft würdig sei.

Und zu den vielen, die sich heute eingesunden, Gesellen Gießens Frauen, Gießens Mädchen gerne sich Um frohen Herzens laut hier zu bekunden, Daß ihnen nie die Lieb zur Turnerei verblich.

Nicht neu ist diese Liebe, sie spendeten vor Jahren Schon unsrem Turnverein die liebe alte Fahn, Die mit ihm manches Glück und manches Leid erfahren, Ihm allezeit voranweht auf ber Ehrenbahn.

Den; Banner, das die Turner ost geleitet

Zum Wettkampf um den hehren Siegespreis, ©ei. heute selbst ein Ehrenschmuck bereitet, Dem Turnereichenkranz geselle sich das Lorberreis!

Ehrwürdge Zeugin aus vergangnen Tagen,

Dn bleibst ja stets des Turnvereines höchste Zier, Doch unsre Jugend wills mit Neuem, wagen, Ihr stiller Wunsch war längst ein neu Panier!

So nehmet jetzt der Frauen Festesspende, Doch eine Bitte ausgesprochen sei: Daß stets das neue Banner bei Euch fände, Den alten T u r n e r g e i st, die Lieb zur T u r n e r e i k

E, H.

*

Festrede

gehalten von Herrn Dr. Ebel.

Hochgeehrte Festversammlung!

Nicht zur Befriedigung eines flachen Vergnüauugsbcdürsnisses feiern wir Heute abermals wie der Herr Festpräsident mit Recht hervorgehoben hat, ein Fest, größeren Stils, vielmehr gilt, wie jene erste Feier, auch die heutige der Pflege hvher Güter. Denn nicht die Ausbildung der Muskeln des Einzelnen erkennt eine Turngemeinde als Selbstzweck, nicht als Selbstzweck das Erringen eines Preises im Wettkampf, vielmehr ist die Förderung . der VoWgesundheit, die Stärkung der physischen und moralischen Wehrhaftigkeit des Volksganzen für den fried- ltchen und, wenn nötig, auch für den blutigen Kampf der Völker ihr edles Ziel.

Weit über diesen ersten Zweck hinaus hat aber die deutsche Turnerschaft von Anfang an idealere Ausgaben erfüllt, die ihr einen hervorragenden Einfluß auf die nationale Entwickelung unseres Volkes gesichert haben.

«n- .verehrte Festgenossen! Heute, da unser Turnverein die Wiederkehr des Tages begeht, an dem er vor 60 Jahren zn