1806
Nr 116
Krertag brr W. August
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Der Stern.
)ir)ma:t von Ulrich Fran k.
Nachdruck Ucrbotctt.- (Sortfefcung.)
„Jedenfalls steht eines fest. Die Weiber haben in Guys Leben keine große Nolle gespielt. Solange ich mich erinnere, von irgend einem lebhaften Interesse, von Verlieben, von großer Leidenschaft habe ich nie was gehört/ sagte Karl Viktor nachdenklich.
„Das lag wohl daran, daß er aus dein Neste kaum jemals rans kam. Selbst während der Dienstzeit in der benachbarten kleinen Garnison, und dann bald die Last auf den Schultern, da vergeht einem am Ende die Lust am Cour- schneiden unb an Liebesabenteuern/'
„Und dann wußte er sich auf dem Gebiete durch seinen Bruder Alfons immer so gut vertreten," neckte die Fürstin.
„Na, weißt du, Leuchen, du wirst doch nicht erwarten, daß alle Giersdorfs Duckmäuser sein sollen und Weiberfeinde?!"
„Bewahre!"' lachte sie.
„Der Niki nämlich ist mir auch lange nicht schneidig genug. Ich dachte, so ein Diplomat in der Familie würde Gott weiß was für friedliche Eroberungszüge in Berlin machen. Statt dessen . . /
Der Eintritt eines Dieners hatte damals das Gespräch unterbrochen. Heute erstand cs in voller Lebendigkeit in der Erinnerung des Grafen Viktor, als er jetzt dem Palasthotel zuschritt. Fast fünf Jahre waren seitdem vergangen. In Giersdorf hatte sich wenig verändert seit jener Zeit. Er kam zwar nur selten hin, aber dann fand er Guido und seine Frau immer so wie am Tage ihrer Hochzeit. Kühl, fremd, formell. Eine Ehe ohne Licht und Wärme und, ivas das Traurigste dabei ivar, kinderlos. Man lebte nebeneinander freudlos und gleichgültig, wenn auch äußerlich die Formen gewahrt wurden, die das Standesbeivußtsein und Pflichtgefühl ihnen aufer- legtcn. Guido war von höchster Zurückhaltung in Bezug auf seine persönlichen Angelegenheiten. Viktor war ihm eigentlich nie nähergetreten, und seine Schwägerin war ein so verschlossener Charakter, daß sich zwischen ihr und den Brüdern ihres Mannes keinerlei verwandtschaftliche Intimität heraus- gcbildet hatte. Man sah sich auch zu selten. Nur bei flüchtigen Besuchen dort, zu den Jagden, dann immer int größeren Kreise, der gesellschaftliche Verpflichtungen und ein rechtes Scheinleben mit sich brachte. Oder wenn sie einmal nach Berlin kamen, ivas sehr selten und dann höchstens auf ein bis zwei Tage geschah. Niemals, ohne daß Luise einen Teil davon ihrer Migräne widmete. Wie auch heute.
Ein bitteres Lächeln zog um seine Lippen.
„Sehr heiter sind die Giersdorfs nicht", dachte er. „Was ist aus all der Jugendlust geworden? Aus den Jugendgenossen? Ernste Menschen! Jeder nur mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Kaum, daß man sich noch Zeit nimmt, an die Kindertage zu denken, und sie waren doch so froh, so voller Gesundheit und Fröhlichkeit. Ob's den anderen auch so geht? Bin neugierig, tute ich sie wieder- finde. Nette Idee von Guy, alle einzuladen. Wenn's nur ein bißchen gemütlich würde. Luise fällt den Leuten auf die Nerven mit ihrer Grandezza. Ein Glück, daß Alfons den Humor behalten hat, denn wie weit Hübner mit dem seinen reicht vor der seriösen Frau Gräfin, bleibt abzuwarten."
Unter diesen Erinnerungen und Betrachllingen war er vor dem Hotel angelangt und ging nach dem kleinen Salon, der für das Diner reserviert worden war.
Im Vorraum stieß er auf seinen Bruder, der, vor dem Spiegel stehend, sich zurechtrückte und dabei ivohlgefällig betrachtete.
„Wird wohl ganze Kolonne vor berühmter Künstlerin Sturm laufen . . ." lachte er, „bin neugierig, wie sie geworden ist in ihrer Berühmtheit?!"
Inzwischen hatte auch Graf Viktor seinen Paletot abgelegt, und beide Brüder betraten zugleich den Salon.
Graf Guido begrüßte sie. Er erschien etwas unruhig und sagte: „Gut, daß ihr etwas früher gekommen seid. Luise ist noch nicht ganz erholt. Sie will aber trotzdem dem Diner beiwohnen. Hoffentlich bringt ihr etwas gute Stimmung mit. Es hat immer etwas Schwieriges ... so ganz verschiedene gesellschaftliche Elemente ..."
„Ach bitte, Guy, sei unbesorgt, aus deut neutralen Boden eines feinen Diners macht sich das ganz gut. Der Sekt hat ungeheuer verbindende Eigenschaften und die ausgezeichnetste)! gesellschaftlichen Qualifikationen ..." scherzte Alfons.
„Na, auf dich kann ich unbedingt rechnen . .
„Unbedingt!"
In diesem Augenblick wurde Dr. Hübner gemeldet. Ein schlanker Mann mit einem liebenswürdigen, offenen Gesicht. Ein blonder Vollbart gab der Erscheinung etwas Strammes, Germanisches. Die blauen Augen ivaren gütig, aber ein Ausdruck von starker Energie lag in ihnen. Die ganze Persönlichkeit machte einen vortrefflichen Eindruck. Man fühlte sich sofort einem Manne gegenüber, der mit einem natürlichen Selbstbewußtsein und mit Würde doch Bescheidenheit und Natürlichkeit vereinte.
Fast gleichzeitig mit ihm waren Kantor Brandt uitb seine Tochter erschienen.
Graf Giersdorf begrüßte seine Gäste sehr verbindlich und


