Ausgabe 
10.3.1906
 
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Weilchen.«)

Von * * * (Gießen).

" Samstag Nachmittag. Der Hospitalhof wimmelte vo»t Ent­erbten der Gesellschaft. Die Jnnenräume wurden sonntäglich heransgepittzt. Mgemergelte Gestalten) alter, L-Prialbrüder in langen, verblichenen Röcken, gebückte, ichneewerpe Greisinnen doch dazwischcii eüt zartes, junges Menschenkind. Das gebrech­liche, halb lahme Mägdlein! trug feltfam in der Umgebung einen dicken, goldblonden Zopf. Martha trat einstens un buch- stäblichsten Sinne von der Straße .aufgelesen worden und von icm naßkalten Straßenbiwak rührte auch ihre unheilbare Taub­heit her Das städtische Armenhaus es hieß allgemeinDas Hospital" wurde und blieb ihre Heimat. Doch dank einer träumerischen Veranlagung, deren Gebilde Nahnmg fanden in einem vergriffenen Gebetbüchlein und einigen ans dem Keh­richt aufgelesenen Heften eines abenteucrjlrotzenden Kolportage- romnues, lebte sie zuweilen weit, lveit !veg von hier in einer anderen, schöneren und besseren Welt. In einem Feenpalast hätte sie nicht süßer träumen können als in dieser abscheulichen Um­gebung.

Heute fesselte ihre Ausmerksanlkcit das Eckfenster eines großen, herrschaftlichen Hauses, das in den Hof hineinragte. Sonst hatte sie dort oben immer ein Miß haarig es, mildes Frauenantlitz bemerkt und heute? Am Fenster lehnte eine elegante, noble Herrengestalt mit modischem Spitzbart und schneeweißer Wäsche. Es.war der neue Mieter, Herr Referendar Hugo Pagenstecher... Um die Lippen des Herrn Referendar spielte ein mokanter Zug. Die Nähe eines derartigen Hofes mit einer derartigen Gesellschaft und derartige Gerüche! Derartig war sein Lieblingswort. Na, ich danke, Komma! Er hatte sich so im Vorüberschlendern einen Frühlingserstling, ein Beilchensträußcheu, zugelegt. Das hielt er aus ganz praktischen Gründen an die Nase.Wie ekelhaft da nuten" eine ungeschickte Bewegung, das Sträußchen entglitt seinen nervösen Fingern und fiel in den Hof direkt vor die Füße der kleinen Martha. Die starrte hinauf erstaunt, fragend, gar Nicht begreifend. Es spielte sich auf ihrem Gesichtchen eine solche Fülle von Staunen und Aufgeregtheit, ein so erschütternder Aus­druck, ein Er nickte halb belustigt, halb ärgerlich mit dem Kopfe und trat vom Fenster. Sie bückte sich wie unter einer un­sichtbaren Macht nach den Blumen. Feine Scham färbte ihre zarten Wangen. Ein schencr Blick ringsum. Niemand beobachtete sie. BlitzeSschnell knöpfte fie das verschlissene Kleid auf und barg die Veilchen an dem jungen, knospenden Busen. Und dann. . . Fast flehend waren die Blicke, mit denen sie die altgewohnte Um­gebung, die altgewohnten Gesichter betrachtete. Sie deuchte sich eine Bevorzugte, eine Sünderin, die etwas köstliches, etwas wunderbares vor Allen, Allen zu verbergen hatte. Ein heißes Mitleiden für die bleichen, elenden Gesichter quoll in ihr auf. Jetzt sah sie auf einmal ringsum mit den Augen einer Fremden, die gar fein Teil hatte an dem krüppelhaften Elend. Diese müde Gleichgiltigkeit, dieses abgespannte Sichgehenlassen der ganzen Gesellschaft. Und sie sie stand unter ihnen tote eine Königin. Ein heißes, jähes Glücksgefühl ließ den zarten, jugendlichen Körper erschauern. Sie strich den goldblonden Zopf, der ihr beim Bücken über die Schulter gefallen, mit einer hastigen Bewegung zurück' und ertappte sich dabei auf einem Seitenblick nach dem Fenster. Es war leer. Sie wurde glühend rot wie ein junges, schämiges Weib. Welch' ein fremdes Gefühl, welch' eine rätselhafte Macht hatte sie gebannt? Sie überlegte und grübelte. Sie sand nichts, gar nichts. Nur, das war ihr vffeu- rnudig: Etwas wunderbares war mit ihr geschehen . . . etwas berauschendes, etwas entzückendes, etwas heiliges. Sie versuchte Ordnung zu schaffen in dem heißen, wirren Köpfchen. Ihre Augen standen voll Tränen. .Sie mußte doch etwas faßbares, greifbares haben, an dem sich ihr tastendes Denken festklammern konnte. Weniger flößte ihr Beklemmung ein das neue, schreckhafte Em­pfinden, alS der geheimnisvolle Vorhang, der es verhüllte. . . das wunderbare, uudefinirbare etwas, das erklingen machte eine nie gehörte Saite ihres sonst so vertrauten Innenlebens. Eine grüblerische Natur, zitterte sie davor, sich diesem süßen, wonnigen, das ihr ganzes Sein bis in die Grnndvesteu erbeben machte, rückhaltlos hinzugeben. Das haltlose Schwanken verdoppelte die köstliche Qual. Denn als etwas köstliches empfand sie cs. Eine neue, unentdeckte Gegend dämmerte vor ihren Blicken. Sie, die ihre Jugend bisher in der Umgebung von krüppelhaftem Alter vergraben, hatte genugsam Zeit und Gelegenheit, alle Wünsche und .Begierden ihres jungen Herzens kennen zu lernen. Ihre träumerische, Nach innen gekehrte Beharrlichkeit hatte hervor­zuspinnen gewußt die feinsten, unsichtbarsten Fädchen ihres jung­fräulichen Empfindens, das, ohne Anregung von außen, in s i ch immer nnd immer wieder neue Lebensfasern zu gewinnen hatte. Jetzt stand sie vor einem neuen, schier überwältigenden Problem, das den mühsamen, kunstvollen Ausbau ihrer beschränkten Ideen­welt zu zerstückeln drohte, um Platz zu schaffen für für? In dem Momente läutete die Glocke. Die Reinigung war beendet. Man eilte ins Haus ins Haus! Ein entzückender G-e-

*) Von dem Verfasser obiger Skizze wird das Bonner Stadt- Theater einen EinakterIn seiner Sünden Blüte" zur U r auUührun'a bringen.

danke. Sie sucht ihr Kämmerchen aus, war dort allein, ganz allein nicht doch allein. Barg sie nicht an ihrer Brust . . .? Sie trippelte mit ihren schlvachen, lahmen Beinen den anderen noch. Sie hatte das Vorgefühl von etwas neuem, noch köstlicherem. Ein beseligender Rausch umfing sie. Ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf.

In dem kleinen, weißgetünchten eiufeustrigen Stübchen blieb sie einen Augenblick aufatmend stehen. Daun schob sie hurtig den Riegel vor, rückte noch eine alte Kiste, die ihre winzigen Habseligkeiten barg, vor die niedrige Tür und setzte sich auf den Bettrand. Sorgsam, mit zitternden Fingern, als gelte es, einen kostbaren Schatz zu heben, nestelte sie ihr Kleid am Busen auf. Ein feiner Duft erfüllte das schmale Zimmerchen. Zärtlich streichelte sie die halbverwelkten', bleichen Blütenköpfchen

Martha, Martha, Abendsuppe!"

Von außen wurde an die Tür gepocht. Sie konnte nichts hören und bemerkte nur an den Bewegungen des Holzes, daß jemand nach ihr verlangte. Sie verhielt sich mäuschenstill, bis das Vibrieren des morschen Türpfostens anfhörte und sie daraus schloß, daß nieuiaud mehr draußen.

Geräuschlos erhob sie sich Und hängte ein Tuch vor das Schlüsselloch.

Jetzt hatte sie genug Vorbereitungen getroffen. Vorbereitungen für was?

Es wurde ihr ganz wirr in dem trunkenen Köpfchen, bis zufällig ihr Mund das Veilcheusträußchen berührte.

Wie ein elektrischer Strom durchflutete es den schlvachen, siechen Mädchenleib. Ihr Atem ging hörbar fliegend.

' Und plötzlich neigte sie das Köpfchen zur Seite. Sie weinte bitterlich.

Das tat ihr wohl. Erleichtert atmete sie auf und gab sich wie berauscht ganz und schrankenlos einer süßen, nie gekannten, glückseligen Wehmut hin; das müde Köpfchen lag in den Kissen vergraben, Ivie im Halbfchlummer. Doch nicht lauge, dann hob sie es ein wenig, wie nm besser denken zu können. Sie quälte und marterte sich von neuem, bis ihre Lippen erst mechanisch, dann mit Hingebung und Eifer ihr altes, trautes Nachtgebet zu sprechen

begannen.

Die kindlichen Worte wurden heute mit seltsamen, in biejer Mädchenkammer nie vernommenen Tönen hervorgestammelt. So spricht ein Weib, ein liebendes Weib.

Und dann am Schluß am Schluß, während sie schamhaft daN Gesichtchen in den Händen vergrub und' die kühlenden Veilchen an die erhitzten Wangen preßte:Du lieber Gott. . . beschütze und behüte auch den . . . schönen, stolzen Mann am Fenster, der mir die lieben Blümchen ... er ist ja so schön ... so gut . . . so gut... ja so gut... wie unser Herr und Heiland..." Das schien ihr jetzt wieder eine Art Erlösung. der Heiland und er er und der Heiland. Eine religiöse Vision dünkte ihr das Mpslerium ihrer ersten, heiligen, jungfräulichen Liebe. Eine beseligende Ruhe brachte ihr das Gebet, nicht das Gebet daß sie für ihn beten konnte für ihn ihn. Stand er nicht vor ihr, dort dort Sie hascht nach ihm dort dort. . . Sie war eingeschlnmmert. Ein wundersamer! Gottesfriede herrschte in- dem kleinen Gemache. Die Hospitaluhr

Es^ war just um dieselbe Stunde, als der Herr Referendar Hugo Pagenstecher zn denZwölf Aposteln" der neu engagierten schwarzen Kellnerin in die Wangen kniff. . .

Praktische Küttsterziehung im englischen Volke.

Hoskonzerte und anderes.

Wer es noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich das Buch des Amerikaners Crehlieb,How to listen to Mufie". Es gibt nicht nur dem einzelnen Ausschluß über den Weg 51111t Verständ­nisse und Gennsse der Musik, sondern ist auch von Interesse für diejenigen, die an der Hebnng des musikalischen Geschmackes Mitarbeiten wollen. In Deutschland wird hierin schon viel ge­leistet. Volkskouzerte sind nicht mehr vereinzelte Erscheinungen, nnd die große Anzahl der überall bestehenden besseren Gesang­vereine sorgt für die Verbreitung und Aufrechterhaltung eiueä guten, musikalischen Geschmackes. Dennoch gibt es hauptsächlich in den größeren Städten eine große Anzahl Menschen, denen Mulik außer in der Form der Gassenhauer und gelegentlicher! Militärkouzerte unbekannt ist. In England ist das Interesse für gute Musik noch viel weiter zurückgeblieben. Doch auch auf diesem Gebiete habe ich manche neuen Bestrebungen kennen gelernt, aus denen wir vielleicht etwasabsehen" können, aber die nwikwürdigsle Methode, gute Musik unter die Leute zn bringen, habe ich in Manchester kennen gelernt, wo ein verdienstreicger Organisator mit der Hilfe eines Gesangvereins und vieler Ama- teitte es fertig bringt, gute Musik in der Tat bis vor die Tür der ärmsten BevölkernngMassen zu bringen. Die Manchester Court-Alley Coucerts finden, wie der Name besagt, in den Höfen und Gängen statt. Zu Beginn des Sommers werden geeignete Lokalitäten aiffgefucht, mit Vorliebe an den Seiten bebaute vier­eckige Höfe, und am Tage des Konzertes wird eine Sknzeige in der unmittelbaren Nachbarschaft von Haus zu Haus geschickt. Ein Podium und Klavier werden aufgestellt, ein Seil davor aus- gespannt, Stühle werden bereitwilligst von den Nachbarn zur