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Freilich haben wir für' alle Fälle die Hauptrollen doppelt besetzt —"
„Sie wird nicht mehr auftreten", wiederholte Priestap. „Ich dulde nicht, daß sie sich noch einmal der Kritik dieses blöden Publikums aussetzt. Ich dulde nicht, daß man — daß man meine Braut verhöhnt und verlacht.".
Nun sprach Imhoff kein Wort weiter. Er fiel Priestap um den Hals und gab ihm einen Kuß. Dann zog er sein Taschentuch und betupfte sich die Augen.
Fn ihrer kleinen Garderobe lag Nina, noch im Kostüm ihrer Nolle, auf den Knieen und schrie. Sie schrie ganz sinnlos: ,.Oh oh oh oh — ich geh' ins Wasser — ich über- Icb's nicht — oh oh oh oh . . . Ich will sterben — uh geh' ins Wasser . . ."
Das wiederholte sie hundertmal. Imhoff hatte die Tür des Zimmerchens geöffnet. „Nina, hier ist einer, der Dich sprechen möchte", sagte er und ließ die beiden diskret allein.
Nina schielte zu Priestap auf und neigte dann sofort wieder den Kopf und schrie weiter: „Ich geh' ins Wasser-— ich crleb's nicht — ich will sterben . ♦ ." Priestap hob sie liebevoll auf. Sie riß sich los und warf sich aberuials heulend auf die Erde. „Nina", sagte Priestap freundlich, „sei verständig, mein Liebling. Steh' auf und laß uns ein ehrliches Wort miteinander reden . . ."
Da wurde Nina hellhörig und unterbrach für einen Augenblick ihr kindisches Weinen. „Er dutzt mich", dachte sie; „hat er. nicht eben Du zu mir gesagt?" . . . und begann ihre Klagelieder mit frischer Kraft.
Nun kniete Priestap neben ihr nieder, nahm ihren Kops und küßte ihre Tränen. „Nina, meine kleine süße Nina", sagte er mit inniger Zärtlichkeit, „ich liebe Dich ja so aus tiefstem Herzen, daß ich nicht mehr ohne Dich sein kann. Wirst Du mich auch lieb haben können, Nina? Willst Du meine Frau werden und mich glücklich machen?"
Da verstummte der Klagegesang und die Tränen versiegten. Sie umschlang ihn flugs, küßte ihn wieder und flüsterte: „Ach, lieber" — einen Augenblick überlegte sie, ob auch der Vorname richtig sei — „lieber, lieber Harry, wie gut bin ich Diri" — und dann schaute sie ihm zum ersten Male voll in das erhitzte Gesicht. „Was hast Du für schöne Augen . , . Und so rote Lippen" -— und abermals küßte sie ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn, nahm seinen Kopf in beide Hände und sagte: „Tu lieber Harry — ich bin noch feinem gut gewesen. Du bist der erste — ich will Dich recht lieb haben". . . .
Das klang sehr süß. Und sie log auch nicht: sie hatte ihn gern. Sie war ja keine Verworfene, nur ein unsäglich oberflächliches kleines Geschöpf.
Dann setzte sie sich auf den einzigen Stuhl in dein winzigen Zinnnerchen, und Priestap blieb zu ihren Füßen liegen und sprach von der Zukunft. Fort von der Bühne! Heiraten und auf Reisen gehen; ein Winter in Paris, einer in Rom, einer in Berlin — die Sommer in den Bädern, in den Alpen, oben im Norden, überall da, wo cs schön ist . . . Und auch das letzte Tränchen trocknete rasch. O Glück, o Seligkeit! Paris und Nom und die Bäder! Vierzehn Koffer mit neuen Toiletten und ivelche Hüte! . . „Du", sagte sic, „mein Boudoir, das mit ben Paduckmöbcln, das behalte ich aber . . ."
Das Ballett hatte einen großen Erfolg. Es ivar der Sieg des Abends. Abermals mußte Hammer den Rufen Folge leisten: er stand, umgeben von Carraeei, dein Kapellmeister Klemm und den Solotänzerinnen vor der Rampe und mußte sich immer wieder verneigen. Alle Ehren fielen ciuf sein Haupt.
Langsam entleerte sich das große Haiis, und die Restau- ranis im Erdgeschoß begannen sich zu füllen. Der Schließer der Orchesterlogen rechts hatte Imhoff durch den Theater- meister rufen lassen: eine Dame wünsche ihn zu sprechen und warte an der Bühnentür. Das war Imhoff unangenehm; man wollte unten im Kurfürstensaal die Verlobung feiern, die den Mißerfolg Ninas glänzend wett machte. ,Es wird
wieder Wanda fein," sagte er, »sie sitzt mir auf den Fersen. Ich kann sie doch nicht mit an unseren Tisch nehmen — mir wärs egal — aber es geht Lauras halber nicht . . ."
Eine schwarz verschleierte Dame wartete auf ihn. Imhoff machte ein Kompliment und starrte sie an. Irgend etwas Fatales dämmerte in ihm auf. „Womit kann ich dienen?" ragte er zögernd.
„Verzeihung, Claudius," sagte die Dame unb schob den Schleier über den Mund zurück; „kann ich nicht Nina ein Wort des Trostes spenden —?"
Nun hob sie den Schleier vollends. Imhoff fuhr zurück; er sah in ein leicht welk gewordenes, ober immer noch hübsches und pikantes Gesicht mib begann zu stottern . . . Trieben denn alle Teiisel ein Spiel mit ihm?! — Das ivar ja Suse, >var Suse Degener, die Soubrette, seine erste Jrail und Ninas Mutter! ...
„Claudius," sagte sic, „ich sehe Du erschrickst. Aber ich ivill Dich nicht belästigen; das sei ferne von mir. Ich komme aus Amerika. Beutler hat pleite gemacht. Wir hatteii kaum so viel, um die Ueberfahrt zu bezahlen. Aber ich werbe hier schon wieder eine Stellung bekommen. Ich spiele jetzt meistens Charakterrollen. Ich dachte miet) schon daran, ob vielleicht bei Euch noch ein Platz frei sein könnte — vielleicht, sage ich : ich dränge mich nicht auf, wenn cs Dir genierlich sein sollte. Heute war mirs nur darum zu tun, der Nina ein liebes Wort zu sagen. Sie ist so hübsch geivorden; sic singt auch nicht übel; es war wohl blos die Angst . . ."
Imhoff luirbette der Kopf. Nun hatte er auf einmal seine drei Frauen aus dem Halse. Es war zmn Wahnsinnigwerben. „Suse," sagte er, „ich habe seit Eivigkeiten nichts mehr von Dir gehört, und jetzt stehst Du auf einmal vor mir ivie der Gott aus der Versenkung — i, da kann man schon einen Schreck kriegen. Hör zu: Heilte kannst Sn die Nina nicht sehen; es ist unmöglich, wir feiern ein Privatfest. Ich muß sie auch erst vorbereiten. Herrgott, Suse! ... Du haft immer noch die viven Augen und die kleinen Ohrläppchen . . . Suse, es geht nicht Hals über Kopf. Meiner ist halb verdreht. Himmlischer Vater, was passiert alles! Also, Suse, ivo ivohnst Du? '
„Ich bin bei bet Fiedler abgestiegen, meiner Kusine, weißt Du, die ist jetzt am Alexanderplatz-Theater —"
„Weiß schon. Auch eine Nummer. Suse, ich schreibe Dir. Mach mir keine Geschichten vorher —"
„Abe- Claudius, wie werbe ich denn!"
„Al gut: ich schreibe Dir und bringe Dich mit der Nina zusammen. Will mich auch nach einer Stellung umhin. Verbindungen hat man ja. Nun geh, mein Kind. In den nächsten Tagen erhältst Du Nachricht. Adjö, Suse . . ." Et gab ihr die Hand und machte, daß et fortkain. Es ivar wirklich zum Verzweifeln. Er konnte doch nicht seine sämtlichen Familien am Prinz Ferdinand-Theater unterbringen! „Jeses, ivas wird Laura sagen," stöhnte er halblaut, „und Priestap! Drei Schwiegermütter auf einmal! — Sie müssen fort.' Wanda und Suse müssen fort. Ich werde mit Holtinger sprechen; ich bringe sie in die Provinz . . . Mir ivärs ja egal — aber Lama und — nein! . . . Was die Suse noch für blanke Augen hat! . . ."
Jiii Vestibül, m dem nur noch die Mittelkrone brannte, standen Hammer, 'Agnes und Genoveva.
„Ich habe alles abgelehnt, Du Veilchenblaue," sagte der Baumeister zu Agnes; „Fridolin Meyer ivollte mich mit- schleppen, und die Prinzeß Luise ivollte mich zum Tee haben, und Seebcn ivollte mit mit kneipen, und Priestap hat mich eingeläben — der kleine Hammel hat sich mit bet Nina Imhoff verlobt. Grade heute. Aber ich gönne sie ihm; wenn sie nicht singt, ist sie reizend ... Wo bin ich stehen geblieben? Ja, ich habe alles abgelehnt. Ich schlage vor, Du und ich, wir gehen irgendwo hin und soupieren gemeinsam und trinken einen züchtigen Schluck auf unsere junge Liebe. Und Genoveva nehmen wir als Elefanten mit. Sie ist der gebotene Elefant und soll uns in Treue überwachen. Dann kann niemand sagen: es schickt sich nicht."
tiKoxtfetunta folaU


