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und es wurde ruchbar, daß er sich den Tod gegeben, weil die schöne Rosalba ihn nicht erhört habe. . .
Als sie nach einer „A!da"-Anfführnng in ihr Heim zurückkehrte, erwartete sie vor dein Portal des Palais ein alter Herr, der dort, tief geneigt an seinem Stocke, schon seit einer Stunde auf- und abgegangen war. Rosalba erkannte ihn auf der Stelle und fiel mit einem Aufschrei in Ohnmacht. Sie sah ihren Vater vor sich.
Das Repertoir der Großen Oper mußte geändert werden: die Pereiti war krank geworden. Aber noch schmerzlichere Neuigkeiten wußten die Blätter zu melden. Die Pcretti verließ Paris. Sie hatte ihren Kontrakt gelöst und ein hohes Pönale gezahlt. Ihr Palais schloß sich. Die Peretti trat von: Schauplatz ab. Eine Reihe von Jahren hörte man nichts mehr von ihr. Da vergaß man sie < . .
(Fortsetzung folgt.)
Jordans WiöeLuuge in der Schule.
Von Sophie G ö r > cb (in der „Staatsb.-Ztg.").
Nun ist sie herausgekommen. Ein Lieblingsgedanke des Dichters ist dadurch verwirkliut. Er selbst hat den Wunsch gehabt, daß eine Schulausgabe erscheinen möge; denn dem Hamburger Schulschristen-AUsschnß wurde eine zustimmende Antwort auf die Bitte, der Dichter möge eine Schulausgabe znsammenstellen. Sie selbst zu redigieren hat ilM doch Alter und Tod versagt.
Und so, tote sie jetzt vor uns liegt, ist die Schulausgabe aufs beste geeignet, die großen Gedanken, die in der „Nibelunge" enthalten sind, in die Kinderherzen zu pflanzen: die großen Ideen der Pflicht, der F r e u n d e s t r e u e., der F raue n würde, der S elbstv er an two r tun g. Nichts von dem, was dem erwachsenen Deutschen so machtvoll aus seinem größesten Epos entgegenklingt, ist den Kindern vorenthalten worden, trotzdem der Text auf weniger als ein Drittel zusammengedrängt ist; während in der Originalausgabe 16160 Verse vorhanden sind, umfaßt die Schulausgabe 5416 Verse. Die ausgelassene» Stellen ■ sind durch Prosastncke ersetzt, welche den verbindenden Faden bilden, so daß niemals der Zusammenhang unterbrochen ist.
Eine solche Zusammendrängung war nnbedingt nötig, einmal aus praktischen Gründen: . eine Schulausgabe muß billig sein, sonst' ist es einfach unmöglich, sie einzuführen, und zum andern, weil manche^ Stellen der Originalausgabe Schwierigkeiten bieten für das Verständnis der Kinder; das Epos war für reise Menschen bestimmt.
Die psychologisch feinsinnige Arbeit ist von Dr. Eduard P r i g g e, Lehrer am Goethe-Gymnasium zu Frankfurt a. M., fertiggestellt worden. Die Anregung zu derselben gab der frühere Direktor beg Goethe-Gymnasiums, der jetzige Geh. Regierungsrat Dr. Karl Reinhardt in Berlin, ein treuer Freund der Jordanschen Familie und ein großer Verehrer des Dichters. Als das Goethe- Gymnasinm noch unter seiner Leitung stand, führten die. Schüler desselben wiederholt Stücke aus den Tragödien des Sophokles in der Uebersetzung von Wilhelm Jordan auf und Jordans Ni- belunge wurde im Literaturunterricht eingehend behandelt. Sollte sie aber Eingang in eine große Anzahl von Schulen finden, so mußte eine besondere Ausgabe entstehen und diese verdanken wir nur der mühevollen Arbeit von Dr. Prigge.
Das; die deutsche Sagenwelt eilt Gebiet ist,' welches die Kinder packt, ist keine Frage; aber ganz besonders die Jordansche Art mit ihren poetischen Feinheiten, mit ihrem bestrickenden Wohl- klang, mit ihren markigen Ermahnungen wird die Psyche des KindeS gefangen nehmen, die gerade in den Jahren, in denen wir ihr die Jordansche Nibelunge bieten, hungrig ist nach Schönem und Großem, an dem sie sich erbauen und hinausranken kann.
Aus meinem eigenen Erleben weiß ich, wie aufnahmefähig »tau tu dem Alter ist, wenn innit die Oberstufen der Schule besucht. Wir standen im Alter von 14 und 15 Jahren, als nnfer Avrcr, allerdings ein pädagogisch eminent begabter Mensch, uns dte „Nibelunge" vorlas; cs waren Erbauungsstunden; wenig wurde erklärt; Das Werk selbst erklärte sich. Wir hätten die Stunden bis ins Unendliche verlängern mögen und beim Gespräch nnteremandcr fiel die Aev.ßerung: diese Stunden seien doch schöner, als Konfirmandenunterricht; gewiß nur ein Beweis für ote ttefreltgiöse Tendenz des Werkes. Das, was wir Backfische vamals verschwommen fühlten, das haben viele erwachsene Verehrer des Dichters zum Ausdruck gebracht, wenn sie ihnl schrieben, seine „Nibelunge sei ihre Hausbibel geworden, und das durchpulste auch wohl lenes kleine, zehnjährige Mädchenherz, das nach einer Geschtchtsstunde, als ich Sigfrids Tod durchgenommen hatte, sich Lust machte in den Worten: „O Fräulein, das ist wie von Christus." .
. VAe sehr Jordans Art au' Kindesgemüt wirkt, zeigte sich "Us auch in folgendem Beispiel: Ich batte in der 4. Klasse unserer Volksschule, in welcher der Geschichtsunterricht zunl ersten Male auftritt, Sigfrids Tod erzählt im Anschluß an den 23. Gelang der Nibelunge, damit beginnend, wie das weiße Maßlieb die rote 'Nelke beneidete um ihr purpurnes Kleid, und damit
endend, wie nach! dem Morde auch das Maßlieb geschmückt stand mit purpurner Schminke. Im folgenden Jahre hatte ich auf derselben Stufe den gleichen Unterricht, ließ gber diese poetische Episode fort, als eines der Kinder, das die Stufe noch einmal durchmachte, also eins der gänzlich unbegabten „Sitzengebliebenen", mit dem Finger kam und vorwurfsvoll erklärte:; „Voriges Jahr haben Sie noch vont Gänseblümchen erzählt, was neidisch war auf die Nelke und nachher doch rot wurde vow Sigfrids Blut." Wenn das geschieht am dürren Holz, wieviel können wir dann am grünen erwarten! Und sicher, noch jetzt schlägt die „Nibelunge" ebenso ein in junge Mädchenherzen, wie vor fast anderthalb Jahrzehnten bei uns: auch ich lese jetzt unseren Selektanerinneu die „Sigfridsage" vor und sehe die helle Begeisterung und das tiefe Mitgefühl in ihren Angen leuchten, und auch sie räsonnieren jedesmal, wenn die Glocke zur Pause läutet: tout eomme chez nous! Als wir die „Nibelunge"' begannen, mit einander zu lesen, gab's noch keine Schulausgabe; daher nahm ich die vollständige Ausgabe, lasse aber die Stellen fort, die ihnen zu hoch sind. Für lange Erklärungen haben wir leider keine Zeit, da uns nur die Handarbeitsstunden zur Verfügung stehen: den Liternturuuterricht in der Selckta zu erteilen, sind wir Volksschullehrerinnen noch nicht für fähig erachtet worden! Ob wir's noch mal werden, ob wir's bald werden? Es ist a u ch- ein Jordanscher Ausspruch, der da heißt: „Verdirb dir nur dein Mittelmaß mit keinem Paradiesestraum. . . Bewahre vor dem Neide dich! Dein Amt versieh; üescheide dich!" Sehr passend für uns Lehrerinnen der Oberklassen!
Doch zurück zur Schulausgabe! Ehe in das Epos eingetreten wird, gibt Dr. Prigge eine btrze Uebersicht über Jordans Lebeus- gang mit dem Bildnis des Dichters und seiner faksimilierten Unterschrift und eine ganz vorzügliche „Einführung in die Nibeluugen- sage". Er beginnt mit der nordischen Ueüerlieferung, geht auf das mythische und historische Element ein, zeigt die Verschiedenheiten der nordischen und deutschen Ueberlieferung, verfolgt die Weiterentwicklung der Sage bis zu ihrer Fixierung um 1200, ihre Behandlung durch die Bänkelsänger, Hans Sachs und schließlich ihre Wiederbelebung durch Geibcl, Hebbel, Wagner und Jordan. Er legt den Begriff der Schuld dar, wie die vier Dichter ihn auffassen, und zeigt ihre Gegenüberstellung der beiden Frauen- gestalteu Brunhild und Krimhild. Dann beschäftigt er sich aus-, sichtlich mit dem Jordanschen Epos, mit seiner äußeren Form, gibt Proben des Stabreims und weist aus das bei Jordan so beliebte Homerische Kunstmittel, die Episode, hin. Ganz besonders liebevoll versenkt er sich in den Ausbau der Handlung und schält all die tiefen Gedanken heraus, die Jordan uns in seinem Werke gibt: die Gedanken der Zucht und Treue, der M ä ß i g- ung, der allwaltcnden Gerechtigkeit und der Vaterlandsliebe. — Während die Kinder, gibt man ihnen die Schulausgabe in die Hand, um allein darin zu lesen, vermutlich die. gesamte Einleitung überschlagen, so wird sie ihnen, in der Literaturstunde besprochen, ein Quell hohen Genusses und ihr Verständnis für die poetische Schöpferkraft unseres Volkes ein tiefes werden. Am Schluß des Buches befindet sich; eine Stammtafel, ein Verzeichnis der Eigennamen und ein Verzeichnis alter oder seltener Wörter und bemerkenswerter Ausdrücke.
lind nun noch ein Wort über das Aeußere des Buches: die Ausstattung ist würdig; der Umschlag ist ans Seinen, genau wie die Originalausgabe von 1904, in grau, blau und rot. Der Druck ist klar und nach ‘bet neuesten Orthographie; auch die Interpunktion ist korrigiert, was entschieden einen Fortschritt bedeutet gegen die Ausgabe von 1892, bei der das Vorlesen sehr erschwert wird. Das Papier ist glatt und holzfrei, und das ganze Buch kostet nur 1.25 Mark.
Möchte es viele, viele Freunde finden und eindringen in Schule und Haus! Wer das Werk einmal liebgewonnen, kommt nicht wieder davon los. Denn es ist das Werk eines unserer Großen.
Mit dem Postwagen.
Das Reisen ist in unseren Tagen, wenn wir von dem Betrieb! auf Sekundärbahnen absehen, nicht mehr ein beschwerliches Geschäft. Man braucht itötf; keine 24 Stunden, um von der schleswig-holsteinischen Grenzstation Woyeus nach Basel zu gelangen; D-Zug und Schlafwagen bieten allen erdenklichen Komfort. Als jedoch Goethe und Schiller Jünglinge waren, waren weitere Reisen nicht nur beschwerlich, sondern auch gefahrvoll. Im September 1774 reiste der Dichter Hölty, um seinen Freund, den Romanschriftsteller Miller zu besuchen, von Göttingen nach Leipzig. Von Roßla an fnhr er mit der sogenannten gelben Kutsche, einer mit gelbem Tuch überdeckten Laudkntsche, in der acht Reisende sitzen konnten, 2 vorn, 2 hinten und 4 auf den beiden Seiten. Der Aussicht Stegen wählt sich der Dichter einen Seitenplatz und sieht mit ctreuen Augen in die Welt. In Merseburg ißt er zu Mittag und trintt gewaltig viel Merseburger Bier, das Klopstock deck König der Biere genannt hat. Aus der Rückreise ist die hannoversche Post vier Stunden eher von Nordhansen abgefahren, als die sächsische Post in Roßla «»kommt; denn die Hannoveraner! warten nur einmal in der Woche auf den Anschluß mit den Sachsen. Da gibt Hölty seinen Kofier sür einen Taler auf die Post und geht zu Fuß von Nordhausen nach' Northeim. Diese Fnßreise dauerte zwei Tage und ist. sehr mühsam, weil


