Ausgabe 
10.1.1906
 
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k>er Tat: Keller war glücklich. Er war reich und angesehen, besaß eine schöne junge Frau und ein reizendes Kind, das nach der Großmutter Rosalba getauft worden war. Tiefes Kind war der Sonnenschein des Hauses. Tie kleine No­salba wurde so erzogen, löt. dies auf den großen Besitz­ungen Kaliforniens allgemein üblich war. Sie erhielt nach­einander englische, deutsche und französische Gouvernanten, wurde eine vorzügliche Reiterin, schoß so treffsicher wie ein Indianer und entwickelte sich wie eine wilde Rose. Neben dem Sport war ihr Hauptvergnügen die Musik. Sie besaß eine wundervolle Stimme, und die Eltern legten Mert auf deren Ausbildung

Rosalba war siebzehnjährig, als die Liebe in ihr er­wachte. Eines Tages ließ sich ein junger Mann bei Keller melden, der sich Gustav Luna nannte. Keller erinnerte sich sofort seines alten, verschollen geglaubten Jugendfreundes und ließ ihn vor. Ein bildhübscher Mensch Anfang der Zwanziger trat bei ihm em und gab sich als ein Sohn jenes Thomas Lund zu erkennen, auf defsen Veranlassung Keller seinerzeit nach Kalifornien gekommen war. Thomas Lund hatte Glück bei der Goldwäscherei im Americanos gehabt und war vorsichtig genug gewesen, sich mit dem der Erde ab gerungenen Vermögen nach San Francisco zurückzuzieheil, wo er ein Bankgeschäft begründete und eine hübsche Spanierin heiratete. Aber in den Wirren der Zeit, die ihn zu Spekulationen auf Grund politischer Geschehnisse veranlaßten, verlor er fein Besitztum: er erschoß sich.

Aus den Erzählungen seines Vaters wußte Gustav Lund von der Jugendfrenndschaft, und es gelang ihm, Keller ausfindig zu machen. Er bat um nichts als eine feste Anstellung. Keller war eine viel zu gutherzige Natur, den Bittsteller abschlägig zu bescheiden, und so trat Lund zu dem Hause des Pflanzers in ein ähnliches Verhältnis wie einst "Keller zu Casteau.

Aber er besaß nicht die Pflichttreue und die Gewissen­haftigkeit Siegfrieds. Der Leichtsinn seines Vaters steckte ihm im Blut. Er war ein junger Bursche von entzücken­der Liebenswürdigkeit nub blendender Begabung; aber er war mehr Gentleman als Arbeiter; er haßte das Kontor und fühlte sich am wohlsten, wenn er mit Rosalba um die Wette reiten, nach der Scheibe schießen, jagen und sich im Walde tummeln konnte. Draußen im Walde und auf deu weiten Wiesen, in der Blumenschlucht des Flusses und der großen hehren Einsamkeit der Natur keimte die Liebe in den beiden jungen Menschen auf und wurde zur Leiden­schaft. Tie Eltern merkten nichts davon, und als dem Vater endlich die Augen aufgingen, war es zu spät. Heimlich flüchteten die Leichtsinnigen in die Welt. Ihre Spur ging verloren. Es wurde still auf der Farm Kellers. Seiner Frau kostete die Flucht Rosalbas das Leben; er selbst ver­grub sich mit seinem Gram in menschenscheue Einsiedelei.

Ter Leichtsinn Lunds war.zur Schlechtigkeit geworden. Er hatte seinem Wohltäter eine Anzahl Wertpapiere ent­wendet, deren Erlös hinreichte, ein paar Jahre in Ueppig- keit leben zu können. Tas geschah denn auch. Tic beiden ließen sich in Newyork nieder, wo sie auch getraut wurden. Rosalba Äraug darauf; sie erwartete ein Kind. Es war ein Knabe, der Harry genannt wurde.

Aber das Geld zerrann unter den Fingern Lunds. Es kam das Elend, und unter diesem grauen Elend verflogen Liebe und Leidenschaft. . . Eines Tages raffte sich Lund zu einem großen Entschlüsse aus. Er wollte mit dem drei­jährig gewordenen Harry nach der Farm Kellers, hoffend, der Anblick des Enkels würde dein schuldigen Paar Ber- zeihuug bringen. Und dann wäre alles gut gewesen.

Rosalba willigte ein. Sie selbst war zu stolz zu einer Bitte; sie wollte das Schicksal tragen, das sie sich geschaffen. Aber sie sah ein, daß ihr charakterschwacher Gatte dem Untergänge nahe war, wenn nicht Hilfe kam. Da sagte sie ja zu seinem Plan.

Lund reiste ab, und Rosalba blieb mit kargen Mitteln in Newyork zurück. Sie hörte lange nichts von ihm. Und dann traf eine Nachricht ein, die sie erstarren ließ. Tie Zeitungen berichteten von einer Entgleisung der Pacific- bahu und dem Zusammenbruch einer Brücke und brachten eine Liste d erer, die bei dem Unglücksfall den Tod gefnnden hatten. Ta war auch Gustav Lund genanntnebst Söhn­chen".

Es kamen verzweiflungsvolle Tage. Aber in diesem großen Jammer erstarkte Rosaiba. Sie wußte: mit offenen Armen würde ihr Vater die Verlorene aufgenommen haben.

I Doch das wollte sie nicht. Zwischen der Heimat und iHv lag eine weite und tiefe Kluft. Tie Scham, die auf ihren! Wangen brannte, wollte sie nicht zn dem Vater tragen. Sie konnte auch nicht betteln; nie wäre ein Wort des Flehens über ihre Lippen gekommen. Sie war keine land­läufige Natur. Es ruhte manches in ihr, das noch der Entwicklung harrte.

Sie verkaufte ihren lehren Schmuck und trat dann zum' erstenmale öffentlich auf. Tas war in einer obskuren Sing- spielhalle und eine schwere Lehrzeit. Aber der Anfang mußte gemacht werden. Man wurde auf sie aufmerksam: auf ihre Stimme und ihre eigentümliche Schönheit. Der Besitzer einer größeren Bühne engagierte sie. Ter Name! Rosalba Peretti wurde in Jahresfrist bekannt;Peretti"i das war ihr zufällig eingefallen; ihre Amme hatte diesen Namen geführt.

Tic goldene Jugend Newyorls umschwärmte sie und mehr noch die angegraute. Es hieß, sie verachte die Männerwelt, und das gab ihr besonderen Reiz. Das Theater, in dem sie auftrat, wurde plötzlich zu einer Wallfahrtsstätte für das elegante Zigeunertum. Ter Direk­tor machte glänzende Geschäfte, und nm seinen Magnet nicht zu verlieren, erhöhte er die Gage Rosalbas fast um daS Doppelte. Sie fürchtete sich jetzt nicht mehr vor der Zukunft. Ihre Stimme und ihre Schönheit sicherten ihr die Existenz.

Ja, beides. Sic war ring geworden und kühl bis zur Berechnung. Sie hatte ihre Leidenschaft zu Grabe getragen; eine Wandlung vollzog sich in ihr. Sie hatte keinen mehr, beit sie liebte. Ihr Kind war tot; ihres Vaters gedachte sie kaum uoch. ES glitt wie ein Eisstrom durch ihr Herz. Ihre Schönheit sollte zur Auz-ichungskraft werden und die Folie bilden für ihre Kunst. Damals begann der Schön­heitskultus, der später zur Passion bei ihr wurde.

Sie blieb vier Jahre in Newyork und ging dann nach! Loudon. Hier wiederholten sich ihre Triumphe. Sie hatte inzwischen auch an ihrer musikalischen Ausbildung eifrig weiter gearbeitet und veranstaltete Konzerte, in oenen sie allein auftrat. Aber obwohl die zünftige Kritik voll hohen Rühmens über ihre unvergleichliche Stimme war, gefielen ihr selbst diese Konzerterfolge nicht. Sie wollte ein anderes Postament für ihre Schönheit haben. Ein phantastischer Zug drängte sich in ihr Wesen. Sie liebte bizarre Kostüme, die sie selber entwarf und die genau nach ihren Angaben! angefertigt werden mußten. So erschien sie als Mond­göttin, als Berenice, als Kleopatra, als Dämon der Nacht und um die Illusion zu steigern, ließ sie sich für ihr Auftreten besondere Dekorationen malen und verschmähte auch Kulissen- und Beleuchtnngseffekte nicht. Daß unter dem äußerlich Theatralischen die Reinheit ihrer Kunst leiden mußte, kümmerte sie nicht. Es war ihr ganz gleichgiltig, wie man sie beurteilte; sie hatte keinen künstlerischen Ehr­geiz; sie lebte nur sich selbst.

Um aber ihrem eigenen Kult zu leben, bedurfte sie großer Mittel. Sie wurde habgierig, um andererseits ihren verschwenderischen Launen fröhnen zu können. Sie reiste wie eine Königin, mit riesigem Train, und nahm nur dort feste Engagements an, wo man sie für wenigstens zwei Jahre verpflichtete, um sich sürstlich einrichten zu können. Als ihr eines Tages von der Großen Oper in Paris ein verlockender Antrag mit mehrjähriger Bindung zuging, folgte sie dem Rufe, obwohl die Mitwirkung in einem' geschlossenen Ensemble ihrer Eigenart wenig zusagte.

Sie gedachte, vorläufig in Paris zu bleibeu, mietete sich hier eilt leerstehendes kleines Palais und begann es sich allgemach mit großem künstlerischem Geschmack eiu- zurichten. Tas machte ihr Freude. Sie besaß ein fernes Verständnis für Altertümer und konnte -stundenlang die Läden der Raritätenhändler dnrchkramen und mit bett Antiquaren schachern und feilschen. Es hieß damals, der Chef eines weltberühmten Bankhauses wende ihr seine Gunst zu: man hatte sie in seiner Equipage fahren sehen. Es hieß auch, der Börserrfürst spekuliere für sie und Habeste an irgend einem gewinnbringenden Unternehmen beteiligt. Märchen von ihrem Brillantenreichtum kamen in Umlauf; derFigaro" erzählte tolle Geschichten aus ihrer roman­tischen Vergangenheit; die Modenblätter reproduzierten ihre Kostüme. Tie ganze Schar der Hohenpriefterinnen unserer, lieben Frau von Milo war eifersüchtig auf ste; und doch konnte ihr niemand nachsagen, daß sie ein regelloses Leben führe. Ein Attaches der russischen Botschaft erschoß sich;