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endlich vorüber war und sie zur Stadt zurückkehren konnten. Doch hatte Jack manche Perlen der Unterhaltung aufgeschnappt und im Gedächtnis aufgespeichert; er erinnerte sich der meisten drolligen Redensarten und humoristischen Ausdrücke des jungen Edelmanns, sowie auch einiger Witze, und sah sich bereits in voller Glorie, wenn er, nach Elton zurückgekehrt, sagen würde: „Als ich nnt Lord St. Gilbert im „Wappen von England" dinierte, erzählte er mir den und den Witz." Er weidete sich ordentlich schon im voraus an der Sensation, die diese Ankündigung notwendig ber allen Hervorrufen mutzte.
Den ganzen Abend und den folgenden Tag verbrachte er wie im Rausch, und seine gehobene Stimmung sank wahrlich nicht, als er am andern Tage einige Zeilen von Werner erhielt, des Inhalts, daß Lady Wayne ihn Litten lasse, einen der nächsten Wende in Kenninghall-House zu Verb ritt nett.
„Es wird niemand da sein wie nur die Romseys, und ihr Sohn, Lord St. Gilbert. Sei also nicht ängstlich, Jack; Du wirst dich sicher amüsieren", schrieb Werner.
Doch er hätte keinerlei Blodigkeit von feiten Jaas zu befürchten brauchen. Jack dachte überhaupt keinen Augenblick an seine eigenen Schattenseiten; er dachte nur daran, daß er sie Wiedersehen sollte — die schone Königin, die von seinem Herzen Besitz ergriffen , daß er sie Wiedersehen, mit ihr sprechen, am selben Tisch mit ihr sitzen, noch einmal im diese strahlenden Augen blicken, und sein Innerstes von diesem wunderbaren Lächeln erwärmt fühlen sollte.
Was er an Vorbereitungen auf diesen Abend durchmachte, das wußte nur Jack selbst. Das Endergebnis war, daß er sehr geputzt, poliert und blank gemacht aussah; er war ein Gleißen; Gesicht, Hände, Haare, alles schien und blinkte nur so, daß es eine wahre Freude war; und Jack präsentierte sich am Tor von Kenninghall-House mit der tiefinnerlichen Ueberzeugung, daß er tatsächlich, so wie er war, für eine Eroberung trefflich gerüstet sei.
Er öffnete die Augen weit vor Verwunderung, als er eintrat und die Pracht dieses Palastes sah. Noch nie batte er etwas Aehnliches gesehen. Nichts beeinflußt gewöhnlich ordinäre Menschen mehr als die Entfaltung von Pracht und Luxus. Jack war, in den meisten Füllen, die Unverschämtheit selbst; hier jedoch, als er in der Eintritts- Halle umherblickte, die breite Marmortreppe mit ihrem reichen Geländer in getriebener Bronze, dem dicken Purpurläufer, den herrlichen Statuen gewahrte, die zahlreichen geräuschlos dahin eilenden Diener, kurz, den ganzen Reichtum und Luxus sah, der ihm vollständig fremd und von dem er bis dahin keine Ahnung gehabt, — sank ihm der Mut, und der kalte Schweiß trat ihm in dicken Perlen ans die Stirn. Er wußte nicht mehr aus und ein.
Zum Glück für ihn hatte Werner ihn vom Fenster her bemerkt und kam ihm alsbald entgegen. Jack war nur allzu dankbar für fein Erscheinen.
„Sag, Werner, dies ist ja alles sehr großartig, und es wird sehr nett sein, hinterher dran zu denken — wird sich großartig von sprechen lassen — aber es ist nicht sehr gemütlich, solange man drin ist."
„Sie sind sehr freundlich. Du wirst dich bald heimisch bei ihnen fühlen, Jack", sagte sein Bruder. „Du brauchst gar nicht nervös zu sein; sie wissen, daß wir nur einfache junge Leute vom Lande sind; sie erwarten von uns nicht das, was sie von Leuten ihres eigenen Standes erwarten würden."
„Alles ganz gut für dich", erwiderte Jack und wischte sich die dicken Tropfen ab. „Wenn ich zu Haus bin, kann ich auch frisch von der Leber weg sprechen; hier hab' ich meine ganze Zeit nötig, bloß um meine Hände richtig zu halten."
Werner, unfähig, ein Lächeln zu unterdrücken, führte feinen Bruder ins Gesellschaftszimmer.
Wieder war Jack vollständig verwirrt; doch nichts übertraf Lady Waynes Takt — tat sie ein menschenfreundliches Werk, so tat sie es auch gut. Auf den ersten Blick sah sie, wie vollständig Jack verloren war. Sie ging auf ihn zu und plauderte freundlich mit ihm, bis ihm der Verstand wieder klar wurde und seine Befangenheit schwand.
War er dankbar für solch gütige Herablassung? Da hätte man ihm sehr unrecht getan — sein Hauptgedanke war der, daß er jlioch ein feiner patenter Kerl sein müsse,
da diese große und vornehme adelige Dame ihn offenbar bewunderte.
Dann blickte er Mlher nach dem jungen Mädchen, das er so glühend wieder zu sehen verlangte.
Sie war da — er sah sie am anderen Ende des großen, prächtigen Gemaches.
„Elfte", sagte Lady Wayne sanft, und die weiche, klangvolle Stimme schallte so klar, daß das Mädchen es sofort hörte und an die Seite ihrer Mutter eilte.
Lady Wayne lächelte, als sie in das liebliche Gesicht blickte.
„Was kannst du finden, um mir Herrn James Jefferies zu unterhalten? Vielleicht möchte er dich gerne singen hören."
„Das möchte ich, ja", sagte Jack hastig; „nichts in der Welt könnte mir besser gefallen."
„Sie haben also, wie Ihr Bruder, gern Musste, sagte Elfte freundlich, als sie durchs Zimmer zum Flügel schritt.
Der süße, reiche Blumenduft, die warme, duftige Luft, die Pracht rings umher, alles berauschte Jack förmlich. Es war ihm wie dem Verzauberten im Märchen zu Mute.
Er saß in der Nähe des Flügels, und Elfte, mit ihrem reizenden Lächeln, wandte sich zu ihm und fragte ihn, was sie singen solle.
„Ach, Sie können überhaupt nichts singen, was nicht süß wäre", sagte Jack mit einem verzweifelten Anlauf zu einem Kompliment.
„Das wissen Sie nicht", versetzte Elfte mit leichtem, köstlichem Lachen, das Jacks Herz schneller klopfen ließ. „Das wissen Sie nicht, Herr Jefferies. Einige meiner Lieder streifen ans Nichtsnutzige und andere ans Herausfordernde."
„Alles, was Sie tun, muß reizend fein", wiederholte er unbeirrt.
Es schien ihm unmöglich, da zu sitzen, ihr ins Gesicht zu sehen, ihr zuzuhören, und ihr nicht zu sagen, daß er sie anbete. Der Duft der Blumen schien ihm mit jedem Augenblick stärker und süßer zu werden.
Jack ivar vollständig berauscht. Es war ein Glück für ihn, daß die Ankunft der Nomseys seine Gedanken in eine andere Richtung lenkte.
Er hatte aber auch dann keinen Grund, sich über Mangel an Aufmerksamkeit zu beklagen. Lady Nomsey, die ihren Sohn Balduin mit der leidenschaftlichen Liebe einer Mutter für ihren Einzigen umfing, liebte nach ihm Werner am meisten, weil er ihn vom Tode gerettet hatte. Werners Bruder war ihr also ein Gegenstand des größten Interesses. Von Natur stolz, zum Hochmut geneigt, vergaß sie alles, nur Freundlichkeit und Güte nicht.
Sie ging auf Jack zu, bewillkommnete ihn höchst liebenswürdig und sagte ihm, was, wie sie glaubte, ihm am meisten gefallen würden — Worte des Lobes auf Werner.
Jack begann sich auf die ihm gezollte Aufmerksamkeit etwas einzubilden. Lord Nomsey kam herein und schüttelte ihm freundlich die Hand.
„Ich schulde Ihrem Bruder mehr, als ich wieder gut machen kann, und wenn ich ewig lebte. Sie müssen über meine Dienste verfügen, Herr James Jefferies; sie stehen Ihnen zur Verfügung."
Jemand fragte, wo Miß West denn sei, und Lady Wayne erwiderte, sie sei ausgegangen und verbringe den Abend bei einer kranken Freundin.
Jack amüsierte sich vortrefflich. Er bestand die Feuerprobe sehr gut: er war zu sehr verliebt, um irgend eine große Ungeschicklichkeit zu begehen, und seine Wirte waren liebenswürdig genug, alle kleinen Mängel zu übersehen.
„Es ist eine verzweifelt schwere Arbeit," dachte Jack bei sich, „aber ich mache mich schon ganz famos."
Als es Zeit für ihn war, sich zu verabschieden, ging Werner mit ihm hinunter in die Halle, und während sie dort noch standen und plauderten, kehrte Marian West von dem Besuche, den sie ihrer Freundin abgestattet, zurück.
(Fortsetzung folgt.)


