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endlich sah er selbst in dies süße, strahlende Antlitz und sah das Lächeln, das ihn wie ein Sonnenstrahl geblendet. In diesem Augenblicke schien es ihm, als ob sich die Pforten des Paradieses führ ihn geöffnet hätten.
Er wußte nicht, was sie sagte. Er sah die Diamanten wie ebensoviele feurige Punkte auf ihrem weißen Nacken liegen; der Duft der Blumen, die sie in der Hand hielt, wehte zu ihm herüber und berauschte ihn vollends. Als er seiner Sinne wieder einigermaßen mächtig war und seine Pulse etwas ruhiger schlugen, unterschied er ihre Worte. Sie hatte ihre Frage wiederholt.
„Ist dies Ihr erster Besuch in London?" fragte sie, und ihre schönen Augen sahen ihn kühl an, was das Fieber das seine Adern dnrchtobte, etwas zu stillen schien.
Er verneinte. Er sei allerdings früher einmal in London gewesen, aber nur in Geschäften, und nicht zum Vergnügen.
„Dann soll der Besuch diesnial wohl eine einzige, lange Kette von Vergnügungen sein, nicht wahr?" fragte sie. „Nun wir müssen unser Teil zu Ihrem Amüsement beitragen. Ihr Bruder ist bei uns ganz wie zu Hause."
Jack glaubte das auch, und dann trippelte Elsie Wayne lächelnd davon, da der Diener meldete, der Wagen sei vorgefahren. Seine Augen folgten ihr verlangend; jeder Herzschlag schien mit ihr zu gehen, er hatte eine wahnsinnige Anwandlung, sich ihr zu Füßen zu werfen und sie über sich hinwegschreiten zu lassen. Dann kam Lord St. Gilbert, ihm guten Abend zu wünschen.
„Sind Sie mal in Windsor gewesen?" fragte er, und Jack erwiderte, er habe daran gedacht, mal hinzugehen.
„Daun", sagte der gutmütige, junge Edelmann, „wollen wir, falls Sie morgen nicht vergeben sind, hin und im „Wappen von England" speisen. Wo wohnen Sie?"
Jack gab seine Adresse.
„Wir wollen also hinfahren", sagte Lord St. Gilbert. „Ich werde morgen mit Werner bei Ihnen vorsprechen; Sie werden viel Vergnügen von dem Ausflug haben. Guten Abend!"
Lady Wayne sprach noch einige Abschiedsworte, und Werner schüttelte ihm die Hand; dann blieb Jack — noch immer verwirrt, verdutzt, eine Beute der widerstreitendsten Gefühle — allein. —
„Mama", flüsterte Elsie, „hast du schon gehört, daß Trauben und Disteln an einem Zweige wachsen?"
„Nein", versetzte Lady Wayne lächelnd.
„Und doch war das der Fall, als unser junger Dichter und sein Bruder unter einem Dache aufwuchsen."
Lady Wayne zuckte die schönen Schultern.
„Er ist einfach unaussprechlich, Elsie; aber wir müssen um Werners willen freundlich gegen ihn sein. Ich will ihn auf einen Abend einladen, wo wir ganz allein sind. Sei also ein gutes Kind."
Elsie bemühte sich tatsächlich, ein gutes Kind zu sein. Sie war Werner sehr zugetan; aber allen Anstrengungen zum Trotz kräuselte ein Lächeln ihre Lippen, als sie an die komische Gestalt dachte, die vor ihr gestanden.
Werner war in arger Verlegenheit wegen der Einladung, die Lord St. Gilbert seinem Bruder gegeben. Nicht, daß er irgend welche falsche Scham hinsichtlich Jacks hatte, aber er fühlte, auf der einen Seite war so ausschließlich vulgäres Wesen und auf der anderen so ausschließlich guter Geschmack und feinste Bildung, daß es zweifelhaft war, ob der geplante Ausflug wohl irgend einen von der Partie im mindesten befriedigen würde.
Was Jack betrifft, so ging er nach Hause wie jemand, der einem ausgesucht guten Tropfen Wein zu sehr zugesprochen. Die Sterne blinkten am nächtlichen Himmel — er sah nichts davon; Londons Straßen waren voll traurigster Poesie — er verstand nichts davon. Die goldenen Pforten des Paradieses hatten sich vor ihm aufgetan; feinste Wohlgerüche und Musik hatten ihn berauscht, anstatt der goldenen Sterne und dunklen Straßen sah er das unvergleichlich liebliche, jugendliche Bild Elsies, das ihn bis zu Tode umschweben, ihn führen sollte, — wohin, das wußte nur der Himmel.
„Ich soll mit einem Lord zusammen speisen", sagte et sich bann; „kein sogenannter, sondern ein wirklicher Lord. Was wird meine Mutter, was wird Betsy dazu sagen?"
Bevor er zu Bette ging, schrieb Jack einen Brief an Betsy, worin er ihr seine glückliche Ankunft in London und seine großartigen Erfolge meldete. Ein Auszug daraus ist hier vielleicht nicht unangebracht:
„Ich weiß nicht, Betsy, wie es mir jetzt, nach all diesem, noch in Elton gefallen soll. Keine dicktuerischen Gutsbesitzer, keine sogenannten „Feinen". Willst Du glauben, daß ich morgen mit einem wirklichen Lord zusammen speise? Und laß mich Dir sagen, Betsy, ein wirklicher echter Lord ist was sehr Angenehmes — so frei, so freundlich, so ungezwungen; hat nichts Dick- näsiges an sich. Morgen, gerade um die Zeit, wenn Du die Kühe melken gehst, fahre ich im Wagen eines Lords nach einem großartigen Hotel, wo wir ein Essen kriegen werden, wie Du's Dir nie, nicht 'mal im Traum/ hast einfallen lassen. Das heiß' ich Leben! Ich fühle, daß ich dafür geschaffen bin. Ich war zum Gentleman von vornherein bestimmt. — Mas Damen angeht, so habe ich eine gesehen!! Aber vielleicht ist es besser, wenn ich Dir nichts erzähle; Du möchtest eifersüchtig sein."
36. Kapitel.
Auf der Fährte.
Das Diner im „Wappen von England" war eine Epoche in Jack Jeffiers' Leben. Wie er darnach verlangte, sich in schwachem, ohnmächtigem Verlangen darnach verzehrte, auch so wie diese Aristokraten — so kühl, stolz, unnahbar, und doch wieder anmutig, frei, und ungezwungen zu sein! Wie verächtlich sein früheres Leben und die ganze Ber- gangenheit ihm jetzt vorkamen! Als Gipfel alles irdischen Glückes war ihm einst vorgekommen, wenn er Betsy heiraten, beständig Zigarren rauchen und ins Theater würde gehen können.
Nunmehr waren seine Ansichten von Leben und Glück total anders. Er hielt Betsy nicht länger für das erste und schönste, das klügste und geschliffenste Mädchen der Welt. Die blendende Erscheinung jenes strahlenden, jugendlichen Gesichts, jener schlanken Mädchengestalt in ihrer reichen Toilette hatte seinen Gedanken eine gänzlich andere Richtung gegeben. Er erinnerte sich einer weißen, schlanken Hand mit rosigen Fingerspitzen und funkelnden Ringen; verglich diese mit Betsys roten, von harter Arbeit rauh gewordenen Händen.
Es war Jacks erstes Erwachen zur Eleganz und Verfeinerung des Lebens.
Schwache Augen können nicht in die Sonne sehen, ohne halb blind zu werden, und schwache Seelen können Reichtum, Luxus und verfeinerten Lebensgenuß nicht betrachten, ohne daß das Gift des Neides bei ihnen eindringt.
Hätte Jack die wertvollste aller Gaben, gesunden Menschenverstand, besessen, so wäre ihm die Berührung mit diesen über ihn Stehenden von Nutzen gewesen; wie di« Sache aber lag, kannte er nur den einen neidischen Wunsch, zu haben, was sie hatten — zu sein, wie sie waren.
Er grübelte nach, ob er mit irgend einer Summe Geldes das kühle, anmutige, ungezwilngene Wesen, das Lord St. Gilbert so gut anstand, wohl würde erkaufen können; ob ein gehöriges Quantum Mandelseife seinen Händen Weiße und Weichheit, irgend eine Erfindung seinem ganzen Aeußern dieselbe Glätte und feine Bildung verleihen könnte.
Stets hatte er Werner als Bücherwurm und Büffeler betrachtet; jetzt hätte er alles, was er aus der Welt besaß, darum gegeben, wenn er dafür dasselbe tadellose, fein- gebildete Benehmen, dieselbe Anmut und Leichtigkeit des Ausdrucks hätte haben können.
Lord St. Gilbert tat fein Bestes, seinen tölpelhaften Gast zu amüsieren; er und Werner boten alle Künste der Unterhaltung auf, aber alles war vergebens; Jack beschränkte sich auf ein merkwürdig gezwungenes Lächeln und einige unartikulierte Aeußerungen. Er taute nicht eher auf, bis er drei Glas Champagner getrunken hatte. Dann fühlte er, daß ihm Mut im Busen wuchs; er sagte sich: „Ein Mann ist ein Mann, egal, was er ist."
Er bemühte sich, ebenso ungezwungen und frei in seinem Benehmen zu fein, wie Lord St. Gilbert selbst, und der Erfolg war bierartig, daß alles, Kellner nicht ausgenommen, sich ungemein amüsierte.
Es war eine Erleichterung für alle, als das Diner


